Ole von Beust

"Hamburg diskutiert, ob es Weltstadt ist. Berlin ist es"

Ex-Bürgermeister Ole von Beust auf der Elbphilharmonie-Plaza: Der Bau wurde in seiner Amtszeit begonnen.

Ex-Bürgermeister Ole von Beust auf der Elbphilharmonie-Plaza: Der Bau wurde in seiner Amtszeit begonnen.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Ole von Beust war neun Jahre Bürgermeister. Nun pendelt er zwischen der Hanse- und der Hauptstadt. Und vergleicht die Metropolen.

Hamburg. Mit einer erstklassigen Jahreskarte der Deutschen Bahn pendelt Ole von Beust zwischen seinen Wohnsitzen in Hamburg-Rotherbaum und Berlin-Mitte. Hamburgs ehemaliger Bürgermeister schätzt das Leben hier wie dort – privat wie beruflich. Anlass für ein Gespräch über die Konkurrenz, die Unterschiede, aber auch über die Nähe der beiden Me­tropolen. Die „von Beust & Collegen Beratungsgesellschaft“ betreibt Büros an den Colonnaden in Hamburg, an der Friedrichstraße in Berlin sowie in Brüssel. Die Firma mit 16 Angestellten wird von drei Partnern geführt, dabei ist auch der frühere Staatsrat Nikolas Hill. Sie bietet nationalen und internationalen Unternehmen oder Verbänden Beratung in Strategie-, Wirtschafts- und Kommunikationsfragen.

Herr von Beust, wie geht’s den Pflanzen auf Ihrer Dachterrasse?

Ole von Beust: Danke der Nachfrage. Im Moment halten sie Winterschlaf. Alles wirkt noch grau und wenig lebendig. Ab April jedoch werden die Pflanzen ihre Köpfe wieder herausstecken. Ich hätte früher nicht gedacht, mal so viel Freude an so etwas zu haben. Ich hatte auch nie Platz dafür.

Die Freude betrifft ja nicht nur Ihre Premiere als Hobbygärtner, sondern überhaupt den Zweitwohnsitz in der Hauptstadt. Seit wann leben Sie in Ihrer Dachwohnung am Spittelmarkt in Berlin?

von Beust: Seit 2013. Es handelt sich um einen alten, grundsanierten Plattenbau, Luftlinie etwa 200 Meter von der ehemaligen Mauer entfernt. Das Haus wurde um ein Dachgeschoss aufgestockt. Wir fühlen uns dort ausgesprochen wohl.

Somit haben Sie drei Wohnsitze: Hamburg-Rotherbaum, Berlin-Mitte und Sylt. Wie teilen Sie sich das ein?

von Beust: Wie es gerade passt – beruflich und privat. Wobei es sich auf Sylt um eine Ferienwohnung handelt: zwei Zimmer in einem Hochhaus in Westerland. Ist nicht unter Reet in Kampen, aber bezahlt.

Verspüren Sie in Berlin bisweilen Heimweh nach Hamburg?

von Beust: Ja. Vor allem habe ich dort Heimweh nach Luft, nach frischer Luft. Viele schwärmen von der Berliner Luft, die Hamburger allerdings ist besser. Irgendwie riecht sie ein bisschen nach Meer. Außerdem habe ich in Berlin Sehnsucht nach der gelassenen norddeutschen Art.

Haben Sie Ihre Wohnsitze in den beiden größten Städten Deutschlands wegen Ihrer jeweiligen Büros dort? Oder auch wegen der Lebensqualität?

von Beust: Das Büro in Berlin war Anlass für einen zweiten Wohnsitz. Ich hätte ebenso gut ein Hotel oder eine kleinere Wohnung nehmen können. Es war eine gute Entscheidung: Ich liebe den Wechsel zwischen Hamburg und Berlin.

Sind es zwei Welten?

von Beust: Absolut. Hamburg ist meine Heimat. Dort bin ich zu Hause, dort kenne ich praktisch alles. Es ist eine freundliche und schöne, indes kleine Welt. Berlin ist nicht besonders freundlich, teilweise chaotisch, aber ungemein inspirierend und vielseitig.

Wie schätzen Sie die Rivalität zwischen den zwei Millionenstädten ein?

von Beust: Aus meiner Sicht ist das Folklore. Völlig unsinnig. Wenn ich politisch noch etwas zu sagen hätte, würde ich die Initiative für eine stärkere Kooperation beider Städte ergreifen. Mehr Einheit, mehr Verzahnung. Mit dem Zug verkehrt man in 100 Minuten zwischen Hamburg und Berlin. In Los Angeles braucht man so lange von einer Ecke zur anderen.

Was könnte gemeinsam angeschoben werden?

von Beust: In der Kultur kann man vereint Zukunftsprojekte anpacken, zum Beispiel Ausstellungen. Oder Integrationsmodelle entwickeln: Wie gelangen mehr Kinder mit Migrationshintergrund in den öffentlichen Dienst – von der Müllabfuhr bis zur Polizei? Weitere Stichworte sind Zusammenarbeit im Bereich Wissenschaft oder Tourismuswerbung. Aus internationalem Blickwinkel liegen Hamburg und Berlin nicht weit aus­einander, sondern dicht beisammen.

War es Ihnen in Ihrer Geburtsstadt allein auf Dauer zu eng? Motto: schön, aber ein bisschen behäbig?

von Beust: Das hat sich durch unsere Kunden zufällig so ergeben. Ich bin keinesfalls gezielt aus Hamburg geflohen, um Ruhe zu finden – so wie manchmal während meiner Bürgermeisterzeit nach Sylt. Eine solche Flucht ist glücklicherweise nicht mehr nötig.

Wo verbringen Sie die Wochenenden?

von Beust: Meist in Berlin, besonders im Sommer, allein schon wegen unserer großen Dachterrasse.

Besitzen Sie eine Jahreskarte der Deutschen Bahn?

von Beust: Genau. Herrlich praktisch. Damit kann ich auch die Verkehrsverbünde in beiden Städten nutzen. Im Hamburg bin ich mit dem 109er-Bus ruck, zuck in der Innenstadt. Und in Berlin sind es mit der U 2 zwei Stationen zwischen Wohnung und Büro.

Kurz und knapp auf den Punkt gebracht: Was unterscheidet das Leben hier wie da?

von Beust: Hamburg diskutiert, ob es eine Weltstadt ist oder nicht. Berlin ist es.

Und sonst?

von Beust: Hamburg ist ansehnlicher, keine Frage. Hier ist weniger Lärm, ein stimmigeres Stadtbild, ein konzentrierteres Kaufangebot in der City. Berlin ist anzusehen, dass es schon früher Residenz- und Hauptstadt war. In der Architektur gibt es verschiedene Stilrichtungen. Es herrscht eine faszinierende Unordnung. Hamburg ist geordnet, aber zum Teil langweilig.

Was sind Hamburgs entscheidende Plus- und Minuspunkte?

von Beust: Stark sind die Schönheit mit Alster und Elbe im Herzen. Die Mentalität der Menschen. Und die Lebensqualität. Im Prinzip wird man in Frieden gelassen. Man kann in Hamburg wohnen, ohne mit den Niederungen des Lebens konfrontiert zu werden. Nachteile sind übergroße Selbstzufriedenheit sowie mangelndes Interesse an Veränderungen. In Hamburg hat sich eine gesellschaftliche, etwa 300 Personen umfassende Scheinwelt etabliert, die so tut, als sei sie der Nabel der Welt.

Wie sieht es umgekehrt in Berlin aus?

von Beust: Berlin ist gelebte deutsche Geschichte, nicht nur architektonisch. Es herrscht eine fast brutale Vielseitigkeit, auch in der Gesellschaft. Eine geschlossene Stadtgesellschaft existiert nicht. Jeder Kiez, jede Branche hat ihre eigene Mixtur. Berlin ist lebensnaher, agiler, von prallem Leben erfüllt. Alles ist eine Tonlage lauter – nicht nur die Straßenmusikanten. Manchmal ist es auch schrill.

Hand aufs Herz, Herr von Beust: Sind wir Hanseaten kleinkariert?

von Beust: Richtige Hanseaten sind genau das Gegenteil davon. Sie interessiert, was in der Welt vorgeht. Sie haben Respekt vor anderen Kulturen, sind weltoffen. Ehrlich gesagt lassen diese Tugenden in Hamburg erheblich nach. Das betrifft ebenfalls die zurückhaltende Art. Materielle Werte werden in Hamburg nicht weniger zur Schau gestellt als anderswo. Wer in Berlin ein protziges Auto fährt, muss Furcht vor Lackkratzern haben.

Was kann eine Stadt von der anderen lernen?

von Beust: Berlin kann lernen, wie man Verwaltung gut organisiert und langfristige politische Ziele umsetzt. Stichworte: wachsende Stadt oder Wohnungsbau. Hamburg kann lernen, Menschen von außen – seien es Geschäftsleute, Zuwanderer oder Touristen – nicht als Belästigung zu empfinden. Viele Hamburger halten ihre Stadt für den Mittelpunkt des Universums.

„Berlin ist die schönste Hauptstadt der Welt“ hört man dort zumindest nicht ...

von Beust: Im Gegenteil: Meist wird gemeckert und geschimpft. Wenn man fragt, wo sie denn lieber wohnen möchten, antworten fast alle: nirgendwo sonst. Das ist eine zurückhaltende Art des Lokalpatriotismus. Mancher Hamburger dagegen ist auf eine niedliche Art eingebildet. Meine Heimatstadt ist wunderschön. Allerdings sollte man die Augen öffnen: Kopenhagen, Stockholm oder Barcelona sind mindestens genauso attraktiv. Von anderen Weltstädten ganz zu schweigen.

Es gibt auch peinliche Seiten. In Hamburg beispielsweise der Streit in der Handelskammer, in Berlin das Chaos um den neuen Flughafen.

von Beust: So etwas gehört zum Leben in Metropolen dazu. Das wird überbewertet. Grundsätzlich läuft es in beiden Metropolen vernünftig. In Hamburg funktioniert die Wirtschaft doch auch ohne die Handelskammer.

Was sind Ihre persönlichen Lieblingsecken, hier und dort?

von Beust: Ich wohne seit mehr als drei Jahrzehnten am Rothenbaum – aus gutem Grund. Ich mag die Gegend rund um die Alster. In Berlin schätze ich besonders den Gendarmenmarkt. Es ist wunderbar, dort einen Kaffee zu trinken. Hamburg kenne ich seit gut 60 Jahren. Ich liebe die Stadt, bin vertraut mit ihr, fühle mich geborgen. Wenn ich durch Berlin spaziere, entdecke ich allerorten Neues.

Kann man in Berlin abends ungenierter um die Häuser ziehen?

von Beust: Ich bin von jeher kein Nachtmensch und ebenfalls kein Pistengänger. Wahrscheinlich ist das Publikum in Berlin internationaler. Am wohlsten fühle ich mich in den eigenen vier Wänden – oder auf der Dachterrasse eben.

Hält sich Ihr Partner mehr in der Hamburger Wohnung oder in der am Spittelmarkt auf?

von Beust: In Berlin. Es ist sein erster Wohnsitz. Er studiert dort.

Bekanntlich stehen Sie mit beiden Beinen im Leben. Gibt es dennoch einen Plan für einen Ruhesitz im Alter? Hamburg oder Berlin?

von Beust: Gute Frage. Da muss ich selber überlegen. In Hamburg überkommt mich gelegentlich Sehnsucht nach Berlin – und umgekehrt. Das ist mal so, mal so. Aber warum muss man sich überhaupt entscheiden? Veränderung hält fit. Jede der beiden Städte hat ihren ureigenen Charme. Wenn Berliner unter Druck geraten, sagen sie oft: „Mir kann keener.“ Und der Hamburger meint dann: „Ihr könnt mich alle mal.“ Eines wie das andere hat Vorteile.