Rathausquartier

Nun formiert sich Widerstand gegen eine autofreie Innenstadt

Angedacht ist, dass im Sommer im Rathausquartier in acht Straßen keine Autos rollen.

Angedacht ist, dass im Sommer im Rathausquartier in acht Straßen keine Autos rollen.

Foto: imago/Westend61

Das Rathausquartier soll im Sommer versuchsweise für drei Monate für Autos gesperrt werden – doch nicht alle sind dafür.

Altstadt. Im Rahmen der Initiative „Altstadt für alle!“ sollen ab Juni acht Straßen im Rathausquartier für drei Monate jeweils von 11 bis 23 Uhr autofrei werden. Laut Initiatoren ist es ein Experiment, um zu sehen, was sich dadurch in dem Viertel verändert. SPD und Grüne im Bezirk Mitte unterstützen das Projekt und wollen kommende Woche einen entsprechenden Antrag in der Bezirksversammlung einreichen. Jetzt regt sich Widerstand.

„Die neuste rot-grüne Verbotsidee, Teile der Innenstadt für den Autoverkehr zu sperren, lehnen wir ab“, sagt David Erkalp, Sprecher für Handel der CDU-Bürgerschaftsfraktion. „Einzelhändler, Gastronomen und die gesamte Kaufmannschaft leiden schon heute unter zunehmender Konkurrenz insbesondere durch den Onlinehandel.“

SPD und Grüne betreiben „spaßfreie und schädliche Verbotspolitik“

Ihnen jetzt auch noch vorsätzlich weitere Kundschaft durch eine schlechtere Erreichbarkeit zu entziehen, sei genau der falsche Weg. Zunächst einmal müssten Straßen für Gastronomen und Einzelhändler baulich attraktiv gemacht werden. „Eine Straße kann sich dann positiv mit Leben und gutem Publikumsverkehr entwickeln“, sagt Erkalp. „Erst danach können weitere Maßnahmen diskutiert werden, um lebendige Quartiersstrukturen zu festigen, die bereits besondere Magnete für Gäste und Besucher sind. Wir wollen, dass die Innenstadt weiterhin erreichbar bleibt, gerade auch für diejenigen, die auf das Auto angewiesen sind.“ SPD und Grünen würden, so Erkalp, eine „spaßfreie und schädliche Verbotspolitik“ betreiben.

Ein Viertel der Handelstreibenden vor Ort befürchten Umsatzrückgänge

Die Handelstreibenden vor Ort scheinen das anders zu sehen. Bei einer ersten Umfrage im Herbst sprachen sich 87 Prozent der ansässigen Gastronomen für den Versuch aus. In einer zweiten Befragung stimmte eine Mehrheit von 59 Prozent der Grundeigentümer und Hausnutzer im Quartier für das Experiment. Nur 37 Prozent waren dagegen. Für die Initiatoren des Projekts bestätigt das den Rückhalt im Viertel.

City-Managerin Brigitte Engler liest die Ergebnisse der Befragung „komplett anders“ und versteht die „euphorische Interpretation“ der Zahlen nicht. „Es gibt eine massive Zahl derer, die gesagt haben, dass sie Umsatzrückgänge befürchten“, sagt Engler. Die Ergebnisse der Umfrage liegen dem Abendblatt vor. Tatsächlich gehen 25 Prozent der Befragten davon aus, dass der Umsatz schlechter wird, sollte das Quartier zeitweise autofrei sein. 70 Prozent erwarten keine Änderungen. Fünf Prozent glauben an eine Umsatzsteigerung.

"Das Projekt ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt"

„Man kann überlegen, Straßen zu sperren, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen“, sagt Engler. Aber zunächst müsse zwingend die städtebauliche Aufwertung im Vordergrund stehen. In einem Quartier mit unebenen Straßen und zu schmalen Bürgersteigen würde sich keiner aufhalten wollen. Es sei keine gute Idee, ein solches Experiment in einem Raum durchzuführen, der momentan städtebaulich nicht attraktiv sei. „Das ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt“, sagt Engler. Außerdem hätten es die Initiatoren mit ihrer „Hau-Ruck-Aktion“ versäumt, die Grundeigentümer mit ins Boot zu holen.

„Wir wurden nicht ansatzweise gefragt“, sagt Nicole Unger, Vorsitzende des Lenkungsausschusses Business Improvement District Rathausquartier. Die Grundeigentümer vor Ort würden ein paar Millionen in die Hand nehmen wollen, um die Aufenthaltsqualität im Viertel zu erhöhen. „Und dann kommt da eine Gruppe, die einen Workshop gemacht hat und möchte für 120.000 Euro das Pferd von hinten aufzäumen“, sagt Unger. Eine „dreimonatige Autoentsorgung“ bringe nichts. Stattdessen müsse die Aufenthaltsqualität durch umfangreiche Bau- und Marketingmaßnahmen verbessert werden. Erst dann könnten Straßenzüge für Autos gesperrt werden. Eventuell auch dauerhaft.