Rathausquartier

Hamburger Innenstadt soll im Sommer autofrei werden

Angedacht ist, dass im Sommer im Rathausquartier in acht Straßen keine Autos rollen.

Angedacht ist, dass im Sommer im Rathausquartier in acht Straßen keine Autos rollen.

Foto: imago/Westend61

Eine Initiative plant, das Rathausquartier für mehrere Monate zur Fußgängerzone zu erklären – Politik zeigt Interesse.

Hamburg. Als Mario Bloem vor einiger Zeit bei einer Tagung in Tokio ist, läuft der Stadtplaner anschließend durch die Innenstadt. „Plötzlich war ich in einem Straßenzug komplett ohne Autos“, erinnert sich Bloem. In einem Bereich so groß wie die Mönckebergstraße war ein temporäres Autoverbot ausgerufen worden. Fußgänger hatten sich die sonst durchgehend stark von Autos frequentierte Straße zurückerobert, erfreuten sich an dem neu gewonnenen Raum. In Tokio bereits seit langem gängige Praxis. „Was die können, schaffen wir in Hamburg auch“, dachte sich Bloem.

Die Idee einer temporär autofreien Innenstadt nahm Bloem mit in die Hansestadt und arbeitete sie bei einem Workshop der Patriotischen Gesellschaft weiter aus. Im Rahmen der Initiative „Altstadt für alle!“ sollen ab Juni acht Straßen im Rathausquartier für drei Monate jeweils von 11 bis 23 Uhr autofrei werden. Geplant ist dieses für folgende Straßen:

  • Neß
  • Neue Burg
  • Trostbrücke
  • Schauenburgerstraße
  • Große Bäckerstraße
  • Kleine Johannisstraße
  • Börsenbrücke
  • Dornbusch

Altstadt nach Betriebsschluss wie ausgestorben

Nun ist klar: Die Politik unterstützt das Projekt. „Es ist kein Geheimnis, dass die Altstadt nach Betriebsschluss wie ausgestorben wirkt“, sagt Bloem. In dem Quartier leben nur rund 2000 Menschen. Zu wenige, um noch Leben in den Straßen zu haben, nachdem die dort Arbeitenden nach Hause gegangen sind. „Wir wollen ausprobieren ob sich das ändert, wenn sich die Aufenthaltsqualität durch die Autofreiheit und den damit dazugewonnnen Raum erhöht“, sagt Bloem. Es sei keine Forderung nach einem generellen Autoverbot, sondern vielmehr ein Experiment, um zu sehen, ob, und wie die Hamburger den temporär autofreien Raum nutzen. „Stadtplaner brauchen oft sehr lange, um neue Konzepte zu entwerfen“, sagt Bloem. Manchmal sei es deshalb besser, etwas einfach mal auszuprobieren.

Den Rückhalt im Viertel gibt es dafür bereits. Bei einer ersten Umfrage im Herbst sprachen sich 87 Prozent der ansässigen Gastronomen für den Versuch aus. In einer zweiten Befragung stimmte eine Mehrheit von 59 Prozent der Grundeigentümer und Hausnutzer im Quartier für das Experiment. Nur 37 Prozent waren dagegen.

Lieferverkehr nur zwischen 23 und 11 Uhr

„Es gibt immer diejenigen, die sagen ‘Das geht nicht’“, sagt Bloem. Hauptsächlich gäbe es Bedenken von Menschen, die ihren Vertrieb dort haben. Die kämen zwar selbst meist mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln, seien sich aber nicht sicher, ob ihre Kunden das auch tun würden.

Der Ort sei ideal, um genau das zu testen. „Es wäre kein großer Einschnitt – schon jetzt gibt es dort nur wenig Durchgangsverkehr“, sagt Bloem. Die Straßen seien hauptsächlich mit parkenden Autos belegt. Die sieben Tiefgaragen sollen durch Ausnahmeregelungen auch während des Experiments erreichbar bleiben. Der Lieferverkehr könnte in der Zeit von 23 bis 11 Uhr kommen.

TU Hamburg unterstützt das Projekt

Für die Anwohner würde es rechtzeitig eine Infoveranstaltung geben, bei der sie über alle Maßnahmen aufgeklärt werden. Außerdem soll das Projekt während der gesamten Zeit wissenschaftlich begleitet werden.

„Wir werden von Experten der Technischen Universität Hamburg unterstützt“, sagt Bloem. Neben dem Vorbereitungsworkshop soll begleitend überprüft werden, wie die Hamburger ihre autofreie Innenstadt nutzen. Dabei sei vor allem interessant, ob mehr Menschen kommen und ob diese sich dann auch länger im Viertel aufhielten. Eine solche Evaluation kostet natürlich. „Wir brauchen dafür 120.000 Euro“, sagt Bloem. Der Nachhaltigkeitsfond der Bundesregierung habe bereits zugesagt, 4800 Euro beizusteuern. Fehlen noch 115.200 Euro. Bevor die Initiative einen Antrag auf Sondernutzung des öffentlichen Raums beim zuständigen Bezirksamt Mitte stellen will, solle deshalb die Politik ihr Okay geben, dass die Kosten übernommen werden.

SPD: Raum muss bunt und kreativ genutzt werden

Danach sieht es momentan zumindest teilweise aus. „Es ist ein mutiger Vorschlag, den wir mit einem wesentlichen Betrag unterstützen wollen“, sagt Michael Osterburg, Grünen-Fraktionschef in Mitte. Gemeinsam mit dem Koalitionspartner SPD soll deshalb am Donnerstag, 21. März, ein entsprechender Antrag in der Bezirksversammlung eingereicht werden. „Auch wir sind von der Idee überzeugt und würden es gerne testen“, sagt SPD-Mitte-Chef Tobias Piekatz. Dabei sei aber wichtig, dass nicht „einfach nur die Straßen abgesperrt werden“. Der Raum müsse bunt und kreativ genutzt werden, dabei solle aber keine weitere „Eventisierung der Innenstadt“ vorangetrieben werden. Straßenfeste gäbe es genug. Stattdessen müssten mit den Gastronomen vor Ort Konzepte erstellt werden, wie die Fläche intelligent genutzt werden kann.

Warum wird Hamburgs City nicht autofrei – das Streitgespräch

„Das Experiment ist eine Chance, birgt aber auch ein großes Risiko“, sagt Piekatz. Sollte sich herausstellen, dass die frei gewordenen Flächen kaum genutzt werden, wäre es schwer, weitere autofreie Projekte in naher Zukunft umzusetzen. Bloem macht sich da keine Sorgen. „In ganz Hamburg gibt es nur wenig Bereiche, die so dicht mit Gastronomiebetrieben besiedelt sind wie das Rathausquartier“, sagt der Stadtplaner. Die Betreiber hätten ein großes Interesse an belebten, autofreien Straßen. Und die Hamburger sowieso. Außerdem gäbe es weltweit viele Städte, die solche Projekte bereits erfolgreich umsetzen. Das habe er in Tokio ja schon selbst erlebt.