Stadtgeschichte

Der Rück-Zug in die Hamburger Innenstadt

Wohnen und Arbeiten prägten dieses Gängeviertel in der Neustadt um 1900.

Wohnen und Arbeiten prägten dieses Gängeviertel in der Neustadt um 1900.

Foto: Denkmalschutzamt

Vor 50 Jahren läutete der Senat eine neue Phase der Stadtplanung ein: Die City sollte wieder Wohnort werden.

Hamburg. Diese Nachricht war dem Abendblatt vor 50 Jahren gleich zwei große Artikel in einer Ausgabe wert. Die Schlagzeile auf Seite 1 lautete: „Hamburg darf höher bauen – Neue Phase der Stadtplanung“, und zwei Seiten später räumten die Blattmacher am 11. Februar 1969 gleich eine gute halbe Seite frei: „Für die Planer sind viele Tabus gefallen“, frohlockten die Kollegen. „Neue Bauordnung soll der Stadt Auftrieb geben.“ Tatsächlich stellt der Beschluss eine Abkehr von der bisherigen Politik dar: So hob der Senat die bis dahin gültige strikte Funktionstrennung von Wohnen und Arbeiten auf, erlaubte eine bessere Ausnutzung der Grundstücke und erleichterte den Bau von Wohnungen. Der damalige Bausenator Caesar Meister versprach sich davon nicht weniger, als die „Belebung der Innenstadt“ voranzutreiben.

Tatsächlich hatten der Krieg und der Wiederaufbau die Innenstädte auf dramatische Weise verarmen lassen. Die einstmals extrem eng besiedelten Altstadt und Neustadt verödeten immer mehr. Wo einst die Menschen dicht an dicht gewohnt hatten, waren nur Bürogebäude, Läden und Parkhäuser geblieben. Lebten 1880 noch 171.000 Menschen in der Innenstadt, waren es zur Jahrhundertwende noch 137.000, bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 66.000 Bewohner. Diese Zahl rutschte bis Ende der 70er-Jahre auf nur noch 12.000 Menschen.

„Ungesunde Wohnungen und Pesthöhlen"

Das alte Hamburg, es war längst vergangen. Doch nur die wenigsten weinten ihm eine Träne nach. Die alten Gängeviertel wurden nach der Cholera-Epidemie von 1892, die 8605 Todesopfer forderte, nach und nach abgerissen. Was Hamburger heute als romantisch verklären, hatte den weltbekannten Bakteriologen Robert Koch seinerzeit tief erschüttert: „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, die man mir gezeigt hat, am Hafen, an der Steinstraße, an der Spitalerstraße oder an der Niedernstraße“, sagte Koch der „Hamburger Freien Presse“: „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“

Der Bau der Speicherstadt vertrieb etwa 24.000 Menschen aus ihren Wohnungen. Auf den Trümmern des Gängeviertels entstanden in den 20er-Jahren die großen Kontorhäuser, die heute die Hansestadt schmücken. Was der Krieg übrig ließ, fiel den Abrissbirnen der Stadtplaner zum Opfer. Die Verheerungen des Bombenkriegs, die „Operation Gomorrha“ mit ihrem Feuersturm, hatten sich tief in die Hirne der Menschen eingebrannt.

Beispiel für „Mischnutzung“

Die neue Stadt sollte luftig, gegliedert, aufgelockert sein – ganz so, wie es die Charta von Athen verlangte: Die funktionale Stadt trennte die Quartiere streng nach Aufgabenbereichen: In der Innenstadt sollte eingekauft und gearbeitet, aber nicht gelebt werden. Entscheidender als Wohnungen in der City waren Straßen in die City. Geradezu exemplarisch geriet die Planung von Neu Altona. Ab 1956 sollten im seinerzeit größten Bauvorhaben der jungen Bundesrepublik zwischen Nobistor und Altonaer Bahnhof 11.000 Wohnungen entstehen, die das alte Altona bewusst leugneten. Allerdings kamen die Pläne vom Reißbrett nur langsam voran – und wurden mit dem Beschluss von 1969 weiter ausgebremst.

Das kleine Wort „Mischnutzung“ – also Gewerbe und Wohnungen unter einem Dach – begann seinen Siegeszug im Städtebau. Auch weil Futurologen, wie sie der Neue-Heimat-Pressesprecher stolz zitierte, für das Jahr 2000 voraussagten, dass 90 Prozent der Menschen in Städten leben würden. Damit wurde auch die City wieder interessant. Wohngebiete wie Neu Altona hingegen seien in Zukunft undenkbar, schrieb das Abendblatt 1969: „Wohnhauszeilen von großen Grünflächen umgeben. Sie werden im Kern der Stadt künftig keinen Platz mehr haben.“

Die Einwohnerzahlen fielen

So kam es – aber bis zur Rückeroberung der Stadt sollte es deutlich länger dauern. Die City blieb Geschäftsgebiet, die Einwohnerzahlen fielen vorerst weiter – auf 1550 in der Altstadt und 12.150 in der Neustadt. Einerseits bevorzugten Investoren Bürogebäude, andererseits sank die Bewohnerzahl pro Quadratmeter. Am Ende blieb nur das Viertel rund um den Großneumarkt.

Inzwischen wächst die City – 2016 wurden schon wieder 18.000 Einwohner gezählt. Die Initiative „Altstadt für alle“ kämpft darum, die Stadt weiter mit Leben zu füllen. Wiebke Kähler-Siemssen von der Patriotischen Gesellschaft lobt, dass die Politik auch in der City „zunehmend Wohnungsanteile bei Neubauten und Umnutzungen vorgegeben hat“. So sind seit der Jahrtausendwende neue Quartiere entstanden – etwa rund um den Michel oder an der Katharinenkirche, vor allem in der HafenCity. Eine stadträumliche Wirkung oder soziale Belebung aber komme nur langsam voran. „Dazu tragen sicherlich die Preise für Mieten und Wohnungseigentum, aber auch die jeweilige Nutzung bei“, sagt Kähler-Siemssen. Die Initiative hat sich als Bürgerbündnis das Ziel gesetzt, neue „(Mini)Wohnquartiere mit einer sozial gemischten und aktiven Wohnbevölkerung“ zu schaffen, mit Nahversorgern, öffentlichen Räumen und Kulturflächen zur Wiederbelebung der Innenstadt.

Planer fordert mehr Mut

Rolf Kellner vom Planungsbüro überNormalNull schätzt, das durch weitere Verdichtung 14.000 Wohnungen entstehen und 40.000 Menschen eine neue Heimat in Hamburgs Innenstadt finden könnten. Dafür müsse man aber mutiger werden: „Es wird zu wenig Neues riskiert, aus Angst vor einem Rechtsstreit“, sagt Kellner. „Wenn Juristen und Exceltabellen eine Stadt im Griff halten, dann gibt es wenig Spielraum.“ Er hofft auf neue Bautypologien, die vor Ort durch Anwohner entstehen: Aufstockungen, Wohnbrücken oder Parkraumüberbauung.

Die Initiative „Altstadt für alle“ schlägt vor, Parkhäuser in ein gemischtes Wohn-und-Gewerbe-Projekt zu übertragen und einzelne Quartiere komplett autofrei zu machen. „Die Dominanz des Durchgangsverkehrs und des Parkens im öffentlichen Raum in der Innenstadt machen die Reurbanisierung schwierig“, sagt Florian Marten von „Altstadt für alle“ und „Hamburg entfesseln“. Wenn auch das Ziel sich seit 1969 wenig verändert hat, der Weg dahin unterscheidet sich tief greifend. Denn eine Sorge der 69er-Planer teilen seine Nachfahren kaum: Wohin mit den Autos, wenn dichter gebaut wird? Auch dafür hatte man damals Lösungen: Tiefgaragen, Stellplätze im Erdgeschoss durch Aufstelzen des Gebäudes oder Garagenebenen innerhalb des Hauses.