Als ein hungriger Mob den Alsterpavillon plünderte

Die Revolution im November 1918 erfasst Hamburg. Vor dem Rathaus protestieren Menschen gegen die Lebensmittelknappheit, die wenige Wochen später auch den Wahlkampf zur ersten freien Bürgerschaftswahl prägt.

Die Revolution im November 1918 erfasst Hamburg. Vor dem Rathaus protestieren Menschen gegen die Lebensmittelknappheit, die wenige Wochen später auch den Wahlkampf zur ersten freien Bürgerschaftswahl prägt.

Foto: akg-images

Vor 100 Jahren: Bürgerschaft wurde erstmals frei und unabhängig von Stand und Geschlecht gewählt. Doch die Umbruchzeit war schwierig.

Hamburg. Unter den Original-Akten der Bürgerschaft findet sich ein Zollformular der Dubliner Reederei Palgrave, Murphy Co – auf die Rückseite ist die offizielle Tagesordnung einer Sitzung gedruckt. Manche Anträge sind auf Speisekarten von Kriegsküchen geschrieben, andere auf kleine Streifen von Pergamentpapier. Doch nicht nur Papier war Mangelware. Eingaben von Bürgern verlangen, dass Arbeitslose die Gemüsegärten bewachen mögen. Der Bauernrat Glashütte möchte geringere Torfstech-gebühren. Die Witwe Falke wünscht die gestrichene Pension zurück. Der Wucher mit Möbeln möge unterbunden werden, verlangt ein anderer.

Es ist Frühling. Der erste seit fünf Jahren, in dem die Waffen des Weltkriegs schweigen. Doch Frieden herrscht in diesen Märztagen 1919 nicht. Nicht im Deutschen Reich, das gut vier Monate zuvor einen Waffenstillstand geschlossen hat – die neue Regierung der blutjungen Republik wartet jetzt darauf, endlich zum Friedenskongress nach Paris eingeladen zu werden. Nicht in Hamburg, wo die meisten Menschen hungrig aufwachen und hungrig zu Bett gehen. Der Hafen steht wegen der immer noch nicht aufgehobenen Seeblockade der Briten weitgehend still. Die Menschen warten auf Lebensmitteltransporte, auf Kohle, auf Schuhe, auf ein bisschen Normalität.

Sie erwarten, dass sich endlich etwas bessert. Und in dieser Erwartung wählen sie am 16. März eine neue Bürgerschaft. Hamburg regiert sich seit dem 13. Jahrhundert selbst. Doch erst jetzt erhält die Stadt ein Parlament, das die Bürger wirklich repräsentiert – es ist die erste demokratische Bürgerschaft in Hamburgs Geschichte. Die erste, bei der die Stimme eines Hilfsarbeiters genauso viel zählt wie die eines Reeders. Die erste, die auch von Frauen gewählt wird.

Wie gewaltig die Probleme sind, vor denen die 160 Abgeordneten stehen, macht eine der 17 Frauen zu Beginn der ersten Sitzung am 24. März deutlich. Es ist die 70-jährige Helene Lange, der es als ältestem Mitglied zufällt, die Bürgerschaft zu eröffnen. Man hätte es sich nicht besser ausdenken können – Lange hatte ihr ganzes Leben für die Rechte der Frauen gekämpft. Sie ist eine Ikone der Emanzipationsbewegung. „In neuer Zusammensetzung … tritt diese Versammlung ihre Aufgabe an, eine größere und schwerere, als sie je einer Bürgerschaft gegeben war“, sagt sie. „Möge über ihrer Arbeit nochmals das Bild stehen, das schon einmal Hamburg als Zeichen seines Wiederaufstiegs gegolten hat: der Phönix, der sich aus der Asche erhebt! Lassen Sie mich mit dem herzlichen Wunsch schließen, dass das Symbol auch diesmal zur Wirklichkeit leite.“

Helene Lange gehört der DDP an, der Deutschen Demokratischen Partei, die erst ein paar Monate zuvor gegründet worden war. 20,5 Prozent hat sie bei der Wahl erzielt, das zweitbeste Ergebnis nach der dominierenden SPD, die 50,5 Prozent erreichte. Die linken Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) kamen auf 8,0 die konservative DVP (Deutsche Volkspartei) auf 8,6, die Deutschnationalen erhielten nur 2,8 Prozent. Der Rest verteilte sich auf das katholische Zen­trum, den Wirtschaftsbund und den Verband der Grundeigentümer, die für die alte Ordnung stehen.

Dass es jetzt überhaupt „echte“ Parteien und Fraktionen gab, war für Hamburg durchaus Neuland – in der alten Bürgerschaft hatte es zwar Fraktionen gegeben, die meisten hatten aber viel mit sozialer Herkunft und wenig mit politischen Überzeugungen zu tun.

Wählen durfte bis dahin nur, wer viel Steuern zahlte

Zwei Tage nachdem die neue Bürgerschaft gewählt worden war, kam die alte zu ihrer letzten Sitzung zusammen. Und arbeitete, als sei nichts geschehen. Das ausschließlich männliche, von Kaufleuten dominierte Parlament sorgte sogar noch einmal für Schlagzeilen in allen Hamburger Zeitungen. Nicht weil es die Einführung der neuen schwarz-rot-goldenen Staatsflagge mit der sehr kaufmännischen Begründung ablehnte, dass Farben und Stoffe knapp und teuer seien; sondern weil der Antrag zur Gründung der Hamburger Universität bei Stimmengleichheit keine Mehrheit fand. Das sollte vom neuen Parlament bald korrigiert werden.

Die alte Bürgerschaft galt selbst im Kaiserreich schon als anachronistisch. Nur die Hälfte der Abgeordneten wurde gewählt – doch nur etwa zwei Prozent der Hamburger hatten überhaupt das Wahlrecht, das an Eigentum und Steueraufkommen gekoppelt war. Die andere Hälfte wurde bestimmt: von den Grundeigentümern und den „Notabeln“ (Richtern, Anwälten und hohen Beamten). Die SPD, die bei den viel freieren Reichstagswahlen bis zu 60 Prozent der Stimmen erreichte, stellte gerade eine Handvoll der 160 Abgeordneten. Drei große Fraktionen gab es: die Rechten (vorwiegend Kaufleute und Notabeln), die Linken (vorwiegend Handwerker und Gewerbetreibende) und das von Industriellen dominierte Linke Zentrum. Man sprach sich als „Exzellenz“ oder „Euer Hochwohlgeboren“ an. Spötter meinten, dass sich die Fraktionen vor allem durch die Form ihrer Lackschuhe unterschieden. Der Senat war fast allmächtig. Seine Mitglieder waren auf Lebenszeit ernannt und dem Parlament nicht verantwortlich.

Dass dieses System nicht überleben konnte, war in den ersten Novembertagen 1918 jedem klar. Nach dem militärischen Zusammenbruch der Armee erreichte die vom Kieler Matrosenaufstand ausgehende Revolution am 6. November Hamburg. Sofort entstanden Arbeiter- und Soldatenräte und griffen nach der Macht. Dass sie am 12. November die Bürgerschaft für aufgelöst und den Senat für abgesetzt erklärten, überraschte kaum jemanden. Dass sie diesen Beschluss nur sechs Tage später rückgängig machten, dagegen schon. Doch die Revolutionäre mussten einsehen, dass sie ohne die Expertise der alten Eliten nicht regieren konnten – Bürgerschaft und Beamte sollten deshalb die Alltagsgeschäfte weiterführen. Gegen alle Beschlüsse hatten die Räte allerdings ein Vetorecht. So entstand ein absurd anmutendes Zweckbündnis mit dem Klassenfeind, das aber erstaunlich gut funktionierte.

Disziplin und Organisation garantierten Erfolge der SPD

Innerhalb der Räte prallten die Gegensätze unversöhnlicher aufeinander. Die SPD wollte möglichst rasch demokratische Bürgerschaftswahlen, wie sie es ja seit Jahrzehnten gefordert hatte. Die USPD spielte auf Zeit und wollte erst einmal Fakten schaffen, etwa indem wichtige Wirtschaftszweige vergesellschaftet werden. Die extreme Linke, aus der bald die KPD hervorgehen sollte, kämpfte dagegen für einen Staat nach sowjetischen Vorbild.

Zunächst hatte die USPD die Überhand, doch mit der Rückkehr Zehntausender Frontsoldaten – zumeist treue Sozialdemokraten – konnte sich die SPD schließlich durchsetzen. Nachdem sie im Januar bei der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung in Hamburg 51 Prozent der Stimmen bekommen hatte, wurde die Bürgerschaftswahl für den 16. März angesetzt.

Volksparteien im modernen Sinne gab es 1919 nicht. Auch die SPD war trotz Wahlergebnissen jenseits der 50 Prozent keine, denn sie wurde überwiegend von Arbeitern (vor allem Facharbeitern) und kleinen Angestellten gewählt. Dass die SPD allen Konkurrenten weit überlegen war, lag aber nicht nur an der Treue der Arbeiterschaft, die etwa 45 Prozent der Wähler stellte. Sie war vor allem extrem gut organisiert und vernetzt, verfügte über disziplinierte Funktionäre, einen gut arbeitenden Parteiapparat, eigene Zeitungen und beste Beziehungen zu den Gewerkschaften. Manche Historiker meinen sogar, dass sie 1919 die einzige Partei war, die diesen Namen wirklich verdiente.

Gleichwohl hatte sie mit Abspaltungen zu kämpfen – noch während des Krieges hatte sich die USPD gegründet, die den „Burgfrieden“ mit den politischen Gegnern ablehnte und einen klaren Friedenskurs „ohne Sieger und Besiegte“ verfolgte. Aber auch bei den eigenen Mitgliedern und Anhängern herrschte keineswegs Einigkeit über den Kurs. Die Pragmatiker gaben aber zweifelsohne den Ton an, vor allem in der Parteiführung.

Neben der SPD war die DDP die erfolgreichste Partei. Der berühmte Berliner Journalist Theodor Wolff hatte im November 1918 zur Gründung einer neuen, bürgerlichen demokratischen Partei aufgerufen. Weite Teile der alten Fortschrittspartei und der (kleine) linke Flügel der Deutschnationalen fanden hier ihre Heimat. Die Gründer waren sich der Anforderungen einer modernen Partei mit straffer Organisation bewusst – während andere bürgerliche und konservative Parteien eher Altherrenclubs glichen.

In Hamburg war die DDP überdurchschnittlich erfolgreich, was auch mit der Vorgeschichte zu erklären ist. Als 1906 das Wahlrecht geändert wurde, um die SPD noch weiter zu benachteiligen (der sogenannte Wahlrechtsraub), entstand in der Bürgerschaft die neue Fraktion der „Vereinigten Liberalen“, die dieses Vorgehen kategorisch ablehnte. 1918 traten die Vereinigten Liberalen dann fast geschlossen der DDP bei, die sich von Beginn an uneingeschränkt zum demokratischen Staat und zur Republik bekannte.

Die anderen Parteien spielten zunächst keine große Rolle. Die Deutsche Volkspartei (DVP), hervorgegangen aus den Nationalliberalen, nahm eine Zwitterrolle ein: Eigentlich monarchistisch, das neue System aber nicht fundamental ablehnend, zeigte sie sich zur konstruktiven parlamentarischen Arbeit bereit. Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) war dagegen eindeutig republikfeindlich und rechtsgerichtet. Die reichsweit bedeutende Zentrumspartei – die eine der Stützen der Demokratie werden sollte – spielte in Hamburg keine Rolle. Ihre Ausrichtung war so eindeutig katholisch, dass sie für die überwiegend protestantischen Hamburger unwählbar war. Und dann gab es noch zwei Überbleibsel des alten Systems: den Hamburger Wirtschaftsbund und den Grundeigentümerverband. Beide waren keine Parteien (und wollten auch keine sein), sondern eher Wahlvereine, die für Klientelpolitik standen. Beide sollten sich rasch auflösen.

Alle Parteien kämpften vor allem um weibliche Wähler

Der Wahlkampf wurde mit großem Aufwand betrieben – und alle Parteien richteten den Fokus auf die Frauen, deren Wahlverhalten niemand so recht einschätzen konnte. Die Rolle der Frauen – und ihr Selbstverständnis – hatte sich seit Kriegsbeginn 1914 dramatisch gewandelt. Weil die Männer an die Front zogen, gingen sie arbeiten: in Fabriken, bei der Hochbahn, in Behörden. Doch im Frühjahr 1919 wurden sie massenhaft entlassen, während die zurückkehrenden Soldaten ihre alten Arbeitsplätze wieder einnahmen. Darauf drang auch die Regierung, denn sie fürchtete Unruhen, wenn Zehntausende verbitterte, verrohte und oft traumatisierte Männer arbeitslos zu Hause säßen. Für die Frauen war das Fluch und Segen zugleich. Manche hatten sicherlich Probleme, sich wieder in das alte Rollenbild der Hausfrau und Mutter zu fügen; andere waren froh, die enorme Doppelbelastung los zu sein. Ob die Frauen anders wählten als die Männer, kann niemand sagen – Meinungsumfragen gab es noch nicht.

Wichtige historische Persönlichkeiten

Das Wahlergebnis vom 16. März war keine große Überraschung – die Parteien schnitten fast genauso ab wie bei den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung im Januar. Die SPD gewann die absolute Mehrheit. Sie konnte durchregieren und hatte die Macht, alles durchzusetzen, wofür sie jahrzehntelang erfolglos gestritten hatte. Doch sie tat es nicht – zum Entsetzen nicht weniger in den eigenen Reihen. Statt allein die Regierung zu stellen, bildete sie eine Koalition mit der DDP. Und: Sie verzichtete auf das Amt des Ersten Bürgermeisters! Otto Stolten, gelernter Schlosser und Spitzenpolitiker der SPD, begründete diesen aus heutiger Sicht absurd anmutenden Schritt damit, dass ein Mann an die Spitze des Senats gehöre, „der den alten Hamburger Familien nahesteht“. Und so wurde der alte Bürgermeister auch der neue: Werner von Melle, der als parteiloser Jurist seit 19 Jahren dem Senat angehörte, stand nun auch an der Spitze einer demokratisch gewählten Regierung.

Was war die Motivation der SPD, so zurückhaltend, ja ängstlich zu agieren? Zumal die Sorge, dass man die alten Eliten verschrecken könnte, die Partei von Beginn an belastete. Denn nicht wenige Anhänger zogen sich frustriert zurück oder schlossen sich den radikaleren linken Kräften an.

Da war zunächst einmal die Sorge um die Handlungsfähigkeit der Stadt: Der Verwaltungsapparat bestand fast ausschließlich aus Bürgerlichen und Konservativen, auf deren Loyalität jede Regierung angewiesen ist. Die SPD fürchtete auch um die Kreditfähigkeit der Stadt, sollten die alten Eliten aus dem Staatsapparat gedrängt werden. Und schließlich entsprach es dem Demokratieverständnis der SPD, eine zur Mitarbeit bereite Partei – die DDP – gerade in dieser so schwierigen Phase nicht auszuschließen.

Berthold Grosse, der neue Bürgerschaftspräsident, formulierte es so: „Nicht die Unterdrückung anderer Anschauungen, sondern die Achtung vor der Überzeugung Andersdenkender, die Wertung der Tätigkeit aller Volksklassen, kann der Gesamtheit nur zum Glück gereichen.“ Eine gewaltsame Ausschaltung des Bürgertums würde nur „den Weizen der Reaktion üppigst sprießen lassen“.

Hungernde überfielen Läden, Hotels und Privatvillen

All diese grundsätzlichen und taktischen Überlegungen interessierten die meisten Hamburger nur am Rande – zu drückend waren die Sorgen. Einen Tag nach der historischen ersten Bürgerschaftssitzung war den meisten Hamburger Zeitungen ein anderes Ereignis deutlich wichtiger: Die „West Carnifax“ läuft in den Hafen ein. Der US-Frachter war der lang ersehnte erste Lebensmitteltransporter, der Hamburg erreichte. Doch die 6000 Tonnen Mehl an Bord waren mehr ein Symbol denn wirkliche Hilfe. Auch in den kommenden Wochen und Monaten kam es immer wieder zu Plünderungen in der Stadt.

Deutschland war auch in normalen Zeiten auf Lebensmittelimporte angewiesen – wegen der Blockade (die erst im Juni 1919 aufgehoben wurde) war die Lage seit Kriegsbeginn 1914 angespannt. Viele Bauern unterliefen die staatliche Lebensmittelversorgung und belieferten lieber den Schwarzmarkt, was zu einer weiteren Verschärfung führte. Und weil seit dem Waffenstillstand viele Soldaten zurückkehrten und außerdem Flüchtlinge aus ehemals besetzten Gebieten in die Stadt strömten, wurde die Lage zusehends explosiv – die Lebensmittelrationen mussten mehrfach gesenkt werden. Dass sogar viele Alsterschwäne im Topf landeten, ist da eher eine Randnotiz.

Der Hass auf die Reichen, die sich die horrenden Schwarzmarktpreise leisten konnten, entzündete sich immer öfter. Gleich mehrfach wurde der Alsterpavillon von einem Mob überfallen und leer geräumt. Auch das Hotel Atlantic traf es, und manchmal stürmten hungrige Banden sogar private Villen und plünderten sie. Im April spitzte es sich nochmals zu. Zweimal wurde der Altonaer Fischmarkt geplündert, am 20. April wurden Polizeiwachen gestürmt, Gefangene befreit, es kam zu Feuergefechten – die Osterunruhen hatten begonnen. Und nicht wenige fürchteten eine zweite Revolution. Am 23. April erklärte der Sozialdemokrat Walter Lamp’l, der als Kommandant von „Groß-Hamburg“ eingesetzt wurde, den Belagerungszustand: Ausgangssperre, Versammlungsverbot, Schießbefehl gegen Plünderer.

Soldaten beruhigten die Lage mit Waffengewalt

Auch wenn sich die Lage zunächst wieder etwas beruhigte, blieb die Stimmung explosiv. Als der von vielen verhasste Reichswehrminister Gustav Noske am 27. Mai nach Hamburg kam, um sich vom Senat über die Lage informieren zu lassen, wurde sogar das Rathaus gestürmt. Da war der offizielle Fleischmarkt gerade zusammengebrochen – weil es kein Fleisch mehr gab. Das wurde unter der Hand an der Hamburger Börse verschachert. Zwar kamen jetzt regelmäßig Versorgungsschiffe an (mit Waren, die für ganz Deutschland bestimmt waren), aber der Freihafen wurde zum rechtsfreien Raum. Der Massendiebstahl – unter Beteiligung der Wachmannschaften – nahm derart überhand, dass auch über den Freihafen der Belagerungszustand ausgerufen wurde.

Im Juni erreichten die Unruhen ihren Höhepunkt. Anlass war die Entdeckung von Tierkadavern in der Sülze­fabrik Heil, als ein Holzfass auf der Straße zerbrach. Der Betrieb war auch eine Gerberei und sammelte Abfälle für eine Leimfabrik, doch die Menschen waren überzeugt, Ratten, Katzen und Hunde würden zu Sülze verarbeitet – sie stürmten den Laden und wollten den Inhaber lynchen. Er entkam nur knapp.

Da die Reichsregierung einen Tag zuvor den Friedensvertrag von Versailles mit seinen extrem harten Bedingungen unterzeichnet hatte (die Alliierten hatten mit der Besetzung Deutschlands gedroht), war die Stimmung zusätzlich aufgeheizt. In den kommenden Tagen veröffentlichten viele Zeitungen reißerische Artikel über Lebensmittelbetriebe, und kommunistische Agitatoren bearbeiteten die aufgebrachte Menge – Polizeiwachen und das Rathaus wurden erneut gestürmt, es gab Schießereien und Tote. Schließlich marschierten Truppen und Freikorps-Soldaten ein. Da hatte sich die Lage weitgehend wieder beruhigt – doch die Soldaten gingen in die Arbeiterquartiere, verhafteten willkürlich vermeintliche Rädelsführer, stellten Erschießungskommandos zusammen. Rund 100 Tote waren schließlich zu beklagen.

Dies sind die Umstände, unter denen das neue Parlament seine Arbeit aufnahm. Und so beschäftigte es sich mit dem Großen – Ausarbeitung einer neuen Verfassung, Modernisierung der Verwaltung, Demokratisierung der Wirtschaft – und versuchte gleichzeitig, die alltägliche Not etwas zu lindern.

Sofort machte sich ein Verfassungsausschuss an die Arbeit, nachdem schon in der zweiten Sitzung am 26. März das „Gesetz über die vorläufige Staatsgewalt“ verabschiedet worden war. Die Räte gaben nun ihre Macht an das Parlament ab, aber sie bestanden fort. Der „Große Arbeiterrat“, nun ausschließlich für Wirtschaftsfragen zuständig, blieb bis 1933 im Amt. Andere wie den Elternrat gibt es bis heute.

In kurzer Zeit wurden große Bildungsreformen angeschoben: einheitliche Volksschule und Abschaffung des Schulgeldes, Gründung der Universität und der Volkshochschulen, Einrichtung von Aufbaugymnasien, die auch Kindern armer Eltern das Abitur ermöglichen sollten. Die Verfassung wurde am 7. Januar 1921 verabschiedet – nur SPD und DDP stimmten zu. Sie erwies sich als gutes Fundament. In den Jahren bis 1933 erlebte Hamburg eine im Vergleich zu den meisten anderen Reichsländern erstaunliche Stabilität und Kontinuität.

Und doch regierte in den ersten Jahren der Republik eher der Frust. Die öffentlichen Kassen waren leer, und das wenige Geld wurde gebraucht, um die dringendste Not zu lindern. Zwar gab es ab 1920 einen Aufschwung – wegen der latenten Inflation waren deutsche Produkte besonders wettbewerbsfähig, und 1921 herrschte in Hamburg sogar fast Vollbeschäftigung –, doch für die großen Reformprojekte fehlte weiter das Geld. Als sich die Geldentwertung 1923 immer mehr verschärfte und zur Hyperinflation wurde, drohte der wirtschaftliche Zusammenbruch.

Das Festprogramm

Die politischen Krisen überstand Hamburg besser. Während des Kapp-Putsches 1920 – rechte Militärs wollten die Reichsregierung stürzen – stand auch der Großteil der hanseatischen Beamtenschaft loyal zur Demokratie. Der reichsweit ausgerufene Generalstreik, organisiert vom Hamburger Gewerkschaftsführer Carl Legien, ließ den Putsch nach ein paar Tagen zusammenbrechen. Auch der kommunistische Hamburger Aufstand 1923, von dem sich die KPD ein Fanal für ganz Deutschland erhoffte, wurde rasch erstickt.

Erst mit der Einführung der stabilen Rentenmark 1924 begann so etwas wie Normalität. Es folgten fünf Jahre ohne große politische oder wirtschaftliche Krisen – später zu den „Goldenen 20er-Jahren“ stilisiert. Jetzt konnte Hamburg die Modernisierung entschlossener angehen, was sich noch heute im Stadtbild zeigt. Unter der Ägide des genialen Oberbaudirektors Fritz Schumacher entstanden moderne Wohnsiedlungen und neue Schulen; Bauten wie das Chilehaus wiesen den Weg in die Moderne.

All das endete mit der Weltwirtschaftskrise 1929. Die radikalen Kräfte, vor allem die NSDAP und die KPD, wurden so stark, dass die Demokraten keine parlamentarische Mehrheit mehr hatten. Jetzt bewährte sich die Verfassung von 1921, die festlegte, dass der Senat auch dann im Amt blieb, wenn er keine Mehrheit mehr hinter sich hatte.

Erst als die Nationalsozialisten Anfang 1933 in Berlin die Macht eroberten, wurde dem Druck gewichen. Die demokratische Bürgerschaft schien da nur eine Episode gewesen zu sein. Doch sie hat Traditionen geschaffen und Errungenschaften vollbracht, an die Hamburg in der Stunde Null des Jahres 1945 anknüpfen konnte.