Hamburg

Maut auf Ohlsdorfer Friedhof: Umweltbehörde lenkt ein

Der Friedhof als Abkürzung für Autofahrer – damit soll bald Schluss sein. Darin besteht Einigkeit.

Der Friedhof als Abkürzung für Autofahrer – damit soll bald Schluss sein. Darin besteht Einigkeit.

Foto: Andreas Laible

Staatsrat plädiert für Gebührenverzicht. Auch Trauernde sollten zahlen. Bürgermeister Tschentscher: "Das gehört sich nicht".

Hamburg.  Nach massiven Protesten gegen die Maut-Pläne für den Friedhof Ohlsdorf lenkt die zuständige Umweltbehörde jetzt ein. „Am praktikabelsten erscheint es uns, in der Mitte des Friedhofs eine Schranke einzurichten, die sich bei Bedarf für Gärtner, Bestatter oder Trauerzüge öffnen lässt. Eine solche Lösung wäre technisch schnell umzusetzen, einfach zu handhaben und günstig und gebührenfrei zu betreiben – und ist damit unser Favorit gegenüber einem Bezahlsystem.“ Das sagte Montagabend der grüne Umweltstaatsrat Michael Pollmann dem Abendblatt. Er ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Hamburger Friedhöfe, einer Anstalt öffentlichen Rechts.

Der Plan, auch von Trauernden eine Gebühr zu verlangen, dürfte damit vom Tisch sein. Der Friedhof muss nun prüfen, wie sich die von der Behörde favorisierte Lösung umsetzen lässt. Am Wochenende hatte das Abendblatt groß über den Widerstand gegen das Bezahl-System berichtet. CDU, FDP, Teile der SPD und Friedhofsbesucher hatten sich vehement gegen den Plan von Umweltbehörde und Verwaltung ausgesprochen, Besucher – und selbst Trauergäste – 50 Cent Gebühr für den Friedhofsbesuch mit dem Auto zahlen zu lassen. Hintergrund: Friedhofsbesucher sind genervt vom Durchgangsverkehr, zahlreiche Autofahrer nutzen die Straßen des Friedhofs wochentags als Abkürzung. Umweltstaatsrat Pollmann: „Der Friedhof soll ein Ort der Trauer, des Gedenkens und der Ruhe sein. Wir wollen und müssen daher den Durchgangsverkehr wirksam unterbinden.“ Auch Bürgermeister Peter Tschentscher bezog im Hamburg1-Interview mit Herbert Schalthoff am Montagnachmittag ganz klar Stellung: "Ich sehe da jetzt keine Friedhofs-Maut, so dass Leute, die die Gräber ihrer Angehörigen besuchen, zur Kasse gebeten werden, so Tschentscher. "So etwas gehört sich nicht, und das gibt es auch nicht."

Viele Hamburger lieben diesen Friedhof

Wegen der drohenden Gebühr für Friedhofsbesucher haben sich bereits Angehörige gegen eine Bestattung auf Europas größten Parkfriedhof entschieden. „Die Trauernden wollten sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen und sind bewusst auf einen anderen Friedhof ausgewichen“, sagt Nicola Föhring vom gleichnamigen Bestattungsinstitut. Wegen der „ganz besonderen Brisanz des Themas“ hatte sie bereits einen Brief an Staatsrat Pollmann geschrieben. „Wer sich für eine Beisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof entscheidet, ist sich bewusst, dass es der Friedhof mit den höchsten Gebühren in Hamburg ist. Weil viele Hamburger diesen Friedhof so sehr lieben, sind sie bereit, diese Investition für den geliebten Verstorbenen aufzubringen“, schreibt sie. Bei dem Thema „Gebühren für Angehörige“ sei jedoch Schluss mit dem Verständnis.

Alle Trauernden, mit denen das Unternehmen derzeit Gespräche führe, seien „sehr betroffen“ von der drohenden Gebühr, die auch von Besuchern erhoben werden könnte, so die Bestatterin. In ihrem Protestbrief hatte sie gefordert, auf die geplanten Schranken am Haupteingang zu verzichten. „Bei Trauerfeiern mit großer Beteiligung würden sich vor den Schranken lange Staus bilden.“

Abwanderung wird beschleunigt

Auch bei August Weger & Sohn ist man gegen eine Friedhofs-Maut. „Es wäre ein Unding, wenn zu den hohen Friedhofsgebühren noch eine Maut käme“, sagt Heidi Anicic, die das Bestattungsunternehmen in dritter Generation führt. Die Idee, den Friedhof einfach in der Mitte für den Durchgangsverkehr zu sperren, begrüßt sie. „Mittlerweile werden auch Trauerzüge angehupt“, sagt sie. „Das hätte vor 30 Jahren niemand gemacht. Damals hatten die Autofahrer Respekt, haben angehalten und den Motor ausgestellt, sobald sich Trauernde näherten.“

Auch die Bezirkspolitik begrüßt es, wenn der Durchgangsverkehr ausgesperrt wird. „Aber Gebühren darf es nicht geben“, sagt etwa Martina Lütjens von der CDU Hamburg-Nord, in deren Wahlkreis der Friedhof liegt. Auf Initiative ihrer Partei sei bereits die Öffnungszeit von 6 auf 9 Uhr verlegt worden, um den morgendlichen Berufsverkehr auszusperren. Dass Autofahrer künftig Umwege in Kauf nehmen müssten, sei zumutbar. „Beim Flughafen regt sich ja auch niemand darüber auf“, sagt sie.

Ältere Menschen waren wegen geplanter Gebühr besorgt

Sandro Kappe von der CDU in Bramfeld vermutet, dass die Sperrung der Friedhofs-Hauptachse Auswirkungen auf die Fabriciusstraße und auf Steilshoop – und somit auf seinen Wahlkreis – hätte. „Aber der Friedhof ist nicht für den Durchgangsverkehr“, betont der Politiker.

Lars Pochnicht, SPD-Bürgerschaftsabgeordneter für Bramfeld und Steilshoop, findet ebenfalls: „Es ist vertretbar, den Durchgangsverkehr zugunsten von Friedhofsbesuchern auszusperren.“

„Wir hätten uns bei der Diskussion mehr Sensibilität gewünscht“, sagt Volker Wittenburg vom Bestattungsunternehmen GBI. „Viele Angehörige überstehen die Zeit nach dem Tod eines Menschen nur, wenn sie täglich das Grab besuchen, manchmal auch nur für zehn Minuten. Gerade ältere Menschen hat es sehr besorgt, dass sie dafür künftig hätten Geld bezahlen sollen.“