Hamburg

Ohlsdorfer Friedhof: Widerstand gegen geplante Maut

Viele Autofahrer nutzen den Friedhof als Abkürzung und halten sich oftmals auch nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung

Viele Autofahrer nutzen den Friedhof als Abkürzung und halten sich oftmals auch nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung

Foto: Andreas Laible

Ein Bezahl-System soll den Durchgangsverkehr einschränken. Doch auch Trauernde sollen zur Kasse gebeten werden.

Ohlsdorf. Muss bald jeder Autofahrer auf dem Ohlsdorfer Friedhof Eintritt bezahlen? Laut Senatsdrucksache fasst die von Senator Jens Kerstan (Grüne) geführte Umweltbehörde „ein Entgelt von 0,50 Euro für Friedhofsbesucher ins Auge“. Für „Durchfahrer“, die weniger als 30 Minuten auf dem Friedhof sind, solle „ein höheres Entgelt erhoben werden“. Doch der Protest wird immer lauter. CDU und FDP lehnen die Maut ab. Jetzt regt sich auch in der regierenden SPD Widerstand gegen den grünen Koalitionspartner. Die Gebühr, die von der Friedhofsverwaltung geprüft wird, soll den Durchgangsverkehr auf Europas größtem Parkfriedhof eindämmen.

Dennis Thering, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, sagt dazu: „Wir lehnen eine generelle Maut für den Ohlsdorfer Friedhof ab.“ Dass Autofahrer den Friedhof nicht als Abkürzung nutzen dürften, stehe außer Frage. Doch eine pauschale Gebühr träfe die falschen, nämlich die älteren Mitbürger. „Sie sind oft nicht mehr gut zu Fuß und auf das Auto angewiesen.“ Es sei offen, ob eine Maut den Verkehr reduziere. Thering: „Hartgesottene zahlen sicher zwei, drei Euro, um sich einen Umweg zu ersparen.“

Parteien: Friedhofsbesucher nicht zur Kasse bitten

Auch Gerhard Lein, Fachsprecher für Senioren in der SPD, ist gegen eine Maut für alle. „Um den Durchgangsverkehr einzudämmen, muss man einen anderen Weg finden. Trauernde dürfen durch die Aufforderung, eine Gebühr zu bezahlen, nicht belastet werden.“ Das gelte auch für Besucher, die den Parkfriedhof zur Naherholung aufsuchen. „Es geht schließlich nur um die Autofahrer, die durch den Friedhof durchfahren.“ Sollte der Friedhof sich auf eine Maut für alle festlegen, müsse das in der Fraktion diskutiert werden. Dazu sagte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf dem Abendblatt: „Wir müssen sicherstellen, dass kein einziger Friedhofsbesucher zur Kasse gebeten wird.“ Die FDP ist ebenfalls dagegen. Fraktionschef Michael Kruse: „Wer den Durchgangsverkehr einschränken möchte, sollte andere Maßnahmen ergreifen.“

Ein Sprecher der Umweltbehörde: „Es gibt noch keinen Beschluss zur Umsetzung einer Maut. Wir warten auf Ergebnisse der Machbarkeitsstudie und werden uns dann eine Meinung bilden.“ Am 26. Mai sollen die Planungen laut Friedhofsverwaltung abgeschlossen sein.

Hauptachsen sind eine beliebte Abkürzung

Wer sich einen Eindruck vom Verkehr auf dem Friedhof verschaffen will, bracuht sich nur an den Haupteingang des Ohlsdorfer Friedhofs zu stellen. Die schmiedeeisernen Parktore sind weit geöffnet. Sobald die Ampeln an Fuhlsbüttler und Alsterdorfer Straße grünes Licht geben, biegen Autos schwungvoll in die Anlage ein. Auf der schnurgeraden Cordesallee nehmen sie Fahrt auf. Der Weg über den Friedhof führt an großen Rhododendron-Büschen vorbei, an Parkflächen mit alten Bäumen und malerischen Teichen. Von frischen Gräbern leuchtet Blumenschmuck.

Doch die wenigsten Fahrer werden für einen Spaziergang halten oder eine der 200.000 Grabstätten besuchen, sondern auch mit mehr als den erlaubten 30 Kilometern pro Stunde über die Mittelallee weiter zu den Ausfahren Richtung Bramfelder Chaussee oder Fabriciusstraße rauschen. Die gut ausgebauten Hauptachsen des knapp 400 Hektar großen Parkfriedhofs zwischen den Stadtteilen Ohlsdorf, Wellingsbüttel und Bramfeld sind als Abkürzung sehr beliebt. 4000 bis 6000 Autos rollen täglich über den Friedhof. Etwa 60 Prozent davon ist Durchgangsverkehr, haben Zählungen im Auftrag des Friedhofs ergeben.

Maut auch bei Bestattungen

Der Friedhofsverwaltung ist das schon lange ein Dorn im Auge. Eine Verlegung der Öffnungszeiten von 8 auf 9 Uhr hat den Verkehr zwar um 16 Prozent reduziert, aber keine wirkliche Entlastung gebracht. Jetzt prüft der Friedhof – wie kürzlich durch die Indiskretion eines Mitarbeiters bekannt wurde – die Einführung einer Maut. Sie würde von allen Autofahrern erhoben, aber nach ihrer Verweildauer gestaffelt sein. Wer den Friedhof nach weniger als 30 Minuten wieder verlässt, soll mehr zahlen als der, der länger bleibt: Im Gespräch sind ein bis drei Euro für vermeintliche Durchfahrer und etwa 50 Cent für Besucher.

Auch Gäste einer Trauerfeier oder Beerdigung sollen zahlen. „Wenn die Entscheidung gefällt wird, dass Entgelte für Fahrzeuge gefordert werden, die sich länger als eine noch zu definierende Zeit auf dem Friedhof befinden, schließt dies die Teilnehmenden an Trauerfeiern ein“, räumt Friedhofs-Sprecher Lutz Rehkopf ein. Doch er betont auch: „Eine endgültige Entscheidung zu dem Verfahren, das den Durchgangsverkehr wirksam eindämmt, ist noch nicht getroffen.“ Dennoch stößt der Plan bei vielen Bürgern auf Kritik.

Etwa bei Diakon Stephan Klinkhamels vom Katholischen Trauerzentrum St. Thomas Morus in Stellingen. „Eine Trauerfeier oder der Besuch einer Grabstätte ist eine höchst emotionale Angelegenheit. Eine ,weltliche’ Barriere wie eine Schranke, an der man Geld bezahlen muss, ist da nicht zumutbar“, so Klinkhamels. Es sei ihm ein Rätsel, dass ein Friedhof, der ohnehin durch den Rückgang an Bestattungen Probleme habe und attraktiver werden sollte, eine Maut für Besucher überhaupt in Erwägung ziehe. „Schließlich zahlen Inhaber von Gräbern ja Friedhofsgebühren.“

Er selber müsste eine Maut zahlen für Tätigkeiten, ohne die ein Friedhof nicht denkbar sei: für Trauerfeiern, Bestattungen und die Begleitung von Trauernden. Auch das Grab seiner Eltern besuche er oft. „Da ich dort manchmal nur kurz bin, um nach dem Rechten zu sehen, würde ich sogar als ,Durchfahrer’ gelten und müsste die höhere Gebühr zahlen.“

Gebühr wird kontrovers diskutiert

Auch auf dem Friedhof selbst wird die mögliche Maut kontrovers diskutiert. „Der Durchgangsverkehr stört sehr“, sagt Petra Schmolinske, die sich ehrenamtlich im Museum und als Friedhofsführerin engagiert. „Aber eine Maut sollte nur von denen verlangt werden, die durchfahren. Das Abkassieren von Trauernden, Besuchern oder den Ehrenamtlichen, die mit dem Auto kommen, wäre überzogen.“

Das Friedhofsmuseum liegt dicht am Hauptzugang. Gerade hat Markus Schöneberg das Friedhofsgelände betreten. Er nutzt die ruhige Mittagszeit, seinen Sohn im Kinderwagen durch die Parkanlage zu schieben. „Der Verkehr hat in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Die Cordesallee ist in der Rushhour nahezu unüberwindlich“, sagt er. Die Einführung einer Maut fände er richtig: „Schließlich sind die Friedhofstraßen nicht Teil des öffentlichen Wegenetzes.“ Auch ein Autofahrer, der fast täglich durch den Friedhof fährt und anonym bleiben möchte, zeigt Verständnis, sagt aber: „Dann würde ich hier nicht mehr durchfahren.“

Unzumutbare finanzielle Belastung

Ein Besucher, der seinen Namen ebenfalls nicht nennen möchte und täglich mit dem Auto zum Grab seiner Frau fährt, kritisiert, dass die Maut für viele eine unzumutbare finanzielle Belastung sei. „Bei täglichen Besuchen ergibt sich monatlich eine zusätzliche Belastung von ungefähr 15 Euro. Das ist für Menschen mit einer Rente von 800 Euro zu teuer.“

Halten Sie es für richtig, dass selbst Trauer­gäste auf dem Ohlsdorfer Friedhof eine Maut bezahlen sollen?

Ein Ehepaar, das an der Mittelallee in Höhe Prökelmoorteich aus dem Auto steigt und anonym bleiben möchte, wäre bereit, die Gebühr zu zahlen. „Ich fände eine Nutzungsgebühr vertretbar, wenn sie dann der Instandhaltung der Friedhofsstraßen dienen würde“, sagt die Frau. Zwei bis drei Mal wöchentlich kommt sie mit ihrem Mann, um ein in der Nähe liegendes Grab zu besuchen. Dass viele Autofahrer mit überhöhter Geschwindigkeit über den Friedhof brausten, stört beide sehr.

Auch Harald Schmidt ärgert sich über die Schnellfahrer. Seit fünf Jahren besucht er fast täglich das Grab seiner Frau Gundula am Prökelmoorteich. „Wenn eine Maut eingeführt wird, komme ich seltener“, sagt er. Zumal er als „Durchfahrer“ gelten würde: „Ich fahre über Klein Borstel auf den Friedhof und verlasse ihn über die Ausfahrt zur Fuhlsbüttler Straße.“ Auch die „Mindestaufenthaltsdauer“ von 30 Minuten halte er oft nicht ein. „Manchmal wechsel ich nur Blumen oder Grablicht aus.“ Er überlegt, ob er die Friedhofsverwaltung um eine Ausnahmeregelung bittet.

Das Grab von Günter Hahns verstorbener Frau Gudrun liegt am Nordteich, im vorderen Teil des Friedhofs. Der 72-Jährige besucht es seit acht Jahren fast täglich. Wegen des zunehmenden Autoverkehrs, waghalsigen Überholmanövern, Pöbeleien und Gehupe komme er lieber mit dem Fahrrad und nutze dabei die ruhigen Schleichwege, berichtet Hahn. Dass der Friedhof eine Maut einführen will, empört ihn trotzdem „Ich habe das Gefühl, dass damit zusätzlich Geld gemacht werden soll. Dabei bezahlt man doch schon für das Grab.“ Er habe der Friedhofsverwaltung angekündigt, dass er bei Einführung einer Maut „die Urne seiner Frau ausbuddeln und woanders beisetzen lasse“, sagt er. Sein pragmatischer Vorschlag: eine Schranke in der Mitte der Hauptachse des Friedhofs, die die Durchfahrt verhindert, von berechtigten Fahrzeugen und HVV-Bussen aber zu öffnen ist. Er zeigt einen Friedhofsplan, auf dem er die Stelle eingezeichnet hat.

Wie der Friedhof in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage des FDP-Abgeordneten Michael Kruse bekannt gab, wurde die Möglichkeit einer zentralen Schranken - oder Polleranlage mit Funksteuerung für Gewerbetreibende und Busse bereits geprüft und wieder verworfen: Für ortsfremde Besucher von Trauerfeiern und Bestattungen könne das „zu Verspätungen und zu großen Ärgernissen führen“. Auch die Alternative einer digitalen Kontrolle eigne sich nicht: Dagegen habe sich der Datenschutzbeauftragte ausgesprochen.

Entscheidung soll bis 26. Mai fallen

Aus dem Hause von Diakon Klinkhamels stammt folgende Idee: Wer auf den Friedhof fährt, sollte nur dort wieder rausfahren dürfen, wo er reingefahren ist. „Das müsste doch mit einem entsprechenden Schranken- und Ticketsystem möglich sein“, glaubt der Diakon. Auch CDU-Verkehrsexperte Dennis Thering ist davon überzeugt, dass sich eine solche Zu- und Ausfahrtskontrolle einfach umsetzen lassen würde. „Friedhof und Senat sollten sich mit dieser Möglichkeit auseinandersetzen.“

Bis zum 26. Mai werde der Friedhof eine Entscheidung getroffen haben, kündigt Sprecher Lutz Rehkopf an. „Momentan läuft das Prüfverfahren auf Hochtouren und eine Menge Fachleute machen sich Gedanken.“ Dabei gehe es darum, wo wie viele Autos fahren, ob ein Schrankensystem überhaupt gestattet sei, wie bei dessen Einführung Rückstaus vermieden werden könnten, und wie sich die Reduzierung des Durchgangsverkehrs auf die umliegenden Stadtteile auswirken würde. Darüber hinaus werde geprüft, wo und wie die für ein Schrankensystem notwendigen Kabel verlegt werden können. Neben den Elektroleitungen wären auch Datenkabel erforderlich. „Schließlich müssen die Schranken mit Kameras überwacht werden, damit sie im Notfall per Fernbedienung geöffnet werden können.“