Hamburger Goldkehlchen

Heino bis Zamperoni: Dieser Chor muss in die Elbphilharmonie

Die Mitglieder des Hamburger Männerchors behaupten, dass sie eigentlich gar nicht singen könnten. Doch hören und beurteilen Sie selbst.

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Die Goldkehlchen sind speziell: 80 völlig talentfreie und übermütige Hamburger singen Hits. Zahlreiche Prominente unterstützen sie.

Hamburg. Elf Freunde sollt ihr sein. Oder eben 80, dann geht das mit dem Gewinnen noch besser. Die Mannschaft hat sich aufgestellt: Bass, Tenor, Sopran. „Auf geht’s, Boys!“, sagt Christian Sondermann, genannt Thunder, und macht zum Aufwärmen ein paar Lockerungsübungen vor. Der 39-Jährige leitet einen der ungewöhnlichsten Chöre Deutschlands.

Die Hamburger Goldkehlchen (DHG) haben sich nach einem feuchtfröhlichen Karaoke-Abend in der Thaioase auf dem Kiez gegründet, behaupten von sich, nicht singen zu können, landeten aber dennoch mit einem Song auf Platz eins in den deutschen iTunes-Charts. Vor Lady Gaga und Mark Ronson. Das Video zum Lied „Moin Moin Hamburg“ wurde auf YouTube bereits mehr als 66.000-mal angesehen.

DHG treten in Talkshows auf, werden zu Fahrten auf die Aida eingeladen, erhalten zahlreiche Anfragen zu Auftritten (als nächstes sind sie beim Online Marketing Rockstars Festival im Mai in den Messehallen zu sehen), und es gibt bereits Sponsoren wie Gelorevoice Halstabletten und Helbing Schnaps. Wie kommt denn das? „Wir sind charmant und nehmen uns selbst nicht so ernst“, sagt Flemming Pinck in einem sehr farbenfrohen Kapuzenpulli.

Goldkehlchen treffen sich im Kleinen Donner

Der Chor trifft sich jeden Montag um 21 Uhr im Kleinen Donner auf der Schanze, die Männer im Alter von 20 bis 45 können die Bar kostenfrei für ihre Proben nutzen. Die Besitzer stellen einfach eine Kiste Becks und Wasser parat, wer etwas trinkt, schmeißt Geld in ein bereitgestelltes Wasserglas. Vertrauen ist besser. Pinck hatte die Idee zu dem Chor, wie der 31-Jährige sowieso viele gute Ideen hat.

Ein eigenes Modelabel mit Surferklamotten zu gründen beispielsweise. Inferno Ragazzi heißt es; der Laden in der Juliusstraße ist pink angemalt. Davor steht ein Golfcart, das einzige mit Straßenzulassung in dieser Stadt. Im Golfcart kann Flemming Pinck an der Roten Flora vorbeizuckeln. Der Hamburger ist so ein smarter Typ, man verzeiht ihm vieles. „Und unserem Chor verzeiht das Publikum jede falsche Note."

Es geht uns ja nicht darum, perfekt zu singen, sondern um magische Momente,“ sagt Pinck. Den entscheidenden Gänsehaut-Moment habe er bei der Premieren-Probe 2016 erlebt. Als alle zum ersten Mal gemeinsam eine Melodie anstimmten, da sei eine Power im Raum gewesen, die habe alle Anwesenden umgehauen: „Ab da waren wir angefixt.“ Tatsächlich liegt auch an diesem Probenabend so viel Energie in dieser Bar, man muss aufpassen, keinen Schlag zu bekommen. Die Jungs schmettern von Meat Loaf „I would do anything for love. I’d run right into hell and back …“.

"Wir sind völlig talentfrei"

Das Lied fand man eigentlich immer blöd, doch mit der Leidenschaft, mit dem Witz der Goldkehlchen wird plötzlich ein ganz anderer Song daraus. Es fällt auch überhaupt nicht auf, dass nicht jeder Ton zu sitzen scheint. Nein, eigentlich sind die Jungs sogar ziemlich gut, da scheint viel hanseatisches Understatement in der Aussage zu stecken: Wir können nicht singen.

Auf jeden Fall stellt sich ein sofortiges Grinsen auf dem Gesicht der wenigen Zuhörer ein. „Doch, wir sind wirklich talentfrei, ich habe vorher maximal unter der Dusche gesungen“, sagt Heiner Wacks, Produktmanager bei Xing, der mit einer Performance von „Mambo No. 5“ bei einem (auch nicht ganz so ernst gemeinten) Casting für die Hamburger Goldkehlchen die Jury von sich überzeugte. „Doch was wir nicht können, das holen wir durch unsere Gemeinschaft wieder raus. Die Jungs hier haben alle das Herz am rechten Fleck.“

Chorleiter regiert mit der Trillerpfeife

Mein Gott, alle so lieb und herzlich hier, echt goldig. Doch Thunder holt nun die Trillerpfeife raus, weil zu viel gequatscht wird. Die Pfeife hat sich der Chorleiter bereits nach dem dritten Treffen mit den Goldkehlchen zugelegt, irgendwie muss man die Mannschaft ja im Griff haben.

„Wenn er nicht streng mit uns wäre, würden wir keine Fortschritte machen“, sagt Luis Miguel Post, der ein Geschäft für Musikinstrumente führt. War ganz praktisch am Anfang, als die Goldkehlchen sich noch nichts Eigenes leisten konnten, da brachte Post Keyboard, Boxen und Mikrofone mit. „Das ist das beste Hobby, das ich jemals hatte,“ sagt der 26-Jährige und schaut gleich wieder artig in den gelben Schnellhefter mit Liedtexten, um nicht angepfiffen zu werden.

Zwei große Ziele verfolgt der ungewöhnliche Chor: zum Einen will er einmal im Großen Saal der Elbphilharmonie auftreten. Noch sträuben sich die Verantwortlichen. „Sie denken, wir wären nicht professionell genug und würden kein vernünftiges Programm hinbekommen, doch inzwischen können wir locker zweieinhalb Stunden Auftritt füllen“, sagt Flemming Pinck. Gemeinsam mit 170 Fans demonstrierte er bereits spaßeshalber vor dem Konzerthaus unter dem Motto: Wir wollen da rein! Bislang gab es keine Zusage.

Eurovision Song Contest ist ein Ziel

Doch die Goldkehlchen geben nicht auf. Sie sammelten Fürsprecher unter Prominenten, und so findet man im Netz auf Instagram unter dem Hashtag #roadtoelphi ein lustiges Video, in dem Persönlichkeiten wie Heino, Pascal Hens, Micky Beisenherz, Lotto King Karl, Ingo Zamperoni, Mary Roos und andere sich dafür aussprechen, die Goldkehlchen in der Elbphilharmonie auftreten zu lassen.

Sie wären ja auch mit einem Termin im Jahr 2021 zufrieden, sagen die Chormitglieder. „Irgendwann wird der Tag kommen, und dann wird es das schönste Konzert, das es dort je gab“, verspricht Pinck. „Ich garantiere: Die Karten wären innerhalb einer Stunde ausverkauft.“

Da die Goldkehlchen ein gemeinnütziger Verein sind und ihre Einnahmen größtenteils spenden (vor allem an die Hamburger Tafel, doch sie zahlen auch Musikunterricht für Waisenkinder in Brasilien), hätte die Aktion sogar einen guten Zweck.

Das zweite Ziel der Mannschaft: 2020 beim Eurovision Song Contest mitmachen. An einem passenden Song in Englisch wird bereits getüftelt, kleines Problem bei dem Vorhaben: Chöre sind beim ESC nicht zugelassen, es dürfen maximal sechs Personen auf der Bühne stehen.

Neuer Hamburg-Song

„Da schicken wir einfach unsere besten sechs“ sagt Pinck. Kein Problem, das nicht sofort gelöst werden könnte. „Wir sind mutig, teilweise übermutig“, fasst der Chor-Gründer ihre Vorgehensweise ganz gut zusammen. „Lass uns mal die Seele des Songs herauskehren“, fordert Thunder sein Team nun auf.

Der Coach hat auch eine sehr gute „Memo-Technik“ entwickelt: „Wer beim nächsten Mal den Text nicht beherrscht, der macht Fitnessübungen bis zum Übergeben.“ Yo, Trainer! „Angst funktioniert immer“, sagt ein Sänger und öffnet sich ein Becks. „Wer noch?“

Schlecht singen aber gut tanzen

Ab einem bestimmten Pegel könnten übrigens alle zwar immer noch nicht singen, aber sehr gut tanzen, behauptet ein Kollege. Tatsächlich gibt es Choreografien zu verschiedenen Songs, deren Bandbreite von „Mandy“ über „Eternal Flame“ bis hin zu „Uptown Girl“ reicht.

„Klar, das hat hier was von Gegengerade, und ich bin auch nicht Karajan, wer ist das schon“, sagt Christian Sondermann. Doch genau darum ginge es doch. Diese Jungs könnten Vorbilder sein! „Wie häufig sagt irgendein Vollpfosten von Pädagoge einem Kind, es könne nicht singen. Ab in die hinterste Reihe. Das halte ich für brandgefährlich. Das schleppen die Leute teilweise jahrelang mit sich herum. Mit unserem Chor beweisen wir: Jeder kann und sollte singen!“