Fischereihafen Restaurant

Bernstein, Beckenbauer und die beste Werbung

13. Dezember 1981: Leonard Bernstein kommt mit den Wiener Symphonikern und Ehrengästen zum mitternächtlichen Dinner.
Neben ihm Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Kowalke schenkt Bernstein die „Preußen“ als Buddelschiff.

13. Dezember 1981: Leonard Bernstein kommt mit den Wiener Symphonikern und Ehrengästen zum mitternächtlichen Dinner. Neben ihm Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Kowalke schenkt Bernstein die „Preußen“ als Buddelschiff.

Foto: Edel Verlag

Serie über Leben des verstorbenen Rüdiger Kowalke. Heute Teil 2: Wie der Gastronom sein Restaurant weltbekannt macht.

Eine große Party zur Eröffnung, dazu gute Kritiken im Hamburger Abendblatt („Ein neuer Stern am Hamburger Fischmarkt“): Rüdiger Kowalke hatte im März 1981 mit seinem Fischereihafen Restaurant einen richtig guten Start hingelegt. Mehr aber auch nicht, schreibt er in seinem autobiografischen Buch „Fisch & Kult (Edel Books): „Als Gastroprofi und Sportfan wusste ich: Ein gelungener Start ist wichtig; aber nur, wer beständig in Bewegung bleibt, kommt erfolgreich ans Ziel. Ich hatte zu oft erlebt, wie Kollegen mit großem Bohei Eröffnungen feierten und ihnen nach einiger Zeit die Puste ausging. Gut gehende Gastronomie beinhaltet einen langen Lauf. Die Erwartung der Gäste will täglich erfüllt sein, wenn möglich übertroffen werden. Es ist wie im Theater – das Stück muss dem Geschmack der Besucher entsprechen, die Inszenierung stimmig sein.“

Nun hieß es, sich langfristig einen guten Ruf zu erwerben. Und dafür arbeitete der Gastronom quasi rund um die Uhr. „An 361 Tagen dirigierte ich 14 Stunden den Laden, vier Tage in diesem ersten Jahr erlaubte ich mir, nicht vor Ort zu sein – mit Grippe lag ich im Bett. Dieses Arbeitspensum hatte seinen Preis. Ich wog nur noch 56 Kilogramm bei meiner Größe von 1,76 Meter. Und meine Ehe war am Ende. Für unseren Sohn Dirk, damals elf Jahre alt, eine schwere Zeit.“ Für das Fischereihafen Restaurant zahlte sich das Engagement des Chefs aus: Bereits nach einem knappen Jahr konnte das Team um Kowalke sich über ein stattliches Stammpublikum freuen. Das Haus war über die Stadtgrenzen bekannt. Und immer öfter kamen auch prominente Gäste vorbei.

Ständig umlagerten ihn Fotografen

Zu diesem Erfolg trugen drei Ereignisse bei, über die Kowalke in seinem Buch ausführlich berichtet. Zum einen gab es da den 13. Dezember 1981: „Kurz vor Mitternacht fuhren ein halbes Dutzend schwarzer Limousinen und zwei Reisebusse vor. Was für ein festlicher Aufzug: 120 Herren im Frack und einige Damen in Abendgarderobe stiegen die steile Treppe zu meinem Restaurant hinauf. Leonard Bernstein mit den Wiener Symphonikern plus Ehrengäste kamen zum mitternächtlichen Dinner. Natürlich war ich vorgewarnt worden. Ein 35 Jahre alter Maltwhisky, den er gern als Aperitif trank, stand für den Künstler bereit, und ein Gastgeschenk hatte ich auch in der Hinterhand: die „Preußen“ als Buddelschiff. Mit ihren fünf Masten und 30 Rahsegeln sah sie selbst in Miniatur noch imposant aus.

Sie war 1902 von der Reederei F. Laeisz auf große Fahrt geschickt worden, und die Musiker kamen gerade von ihrem Auftritt in der Hamburger Musikhalle, heute Laeiszhalle. „Lenny“, der geniale Dirigent, Komponist und Pianist, der anspruchsvolle Sinfonien geschrieben hat und wunderbare leichtfüßige Musicals wie „West Side Story“ – er war einer der liebenswürdigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Seine unbändige Lebensfreude ließ keinen kalt. Er flirtete mit Frauen wie Männern. Die ganze Welt schien er zu umarmen. Ständig umlagerten ihn Fotografen, Journalisten, Bewunderer.

Gegen ihn erschien mir Herbert von Karajan immer als das genaue Gegenteil. Der ließ schon bei der Anmeldung durch die Rezeption des Hotels Vier Jahreszeiten mitteilen: Falls irgendwelche Pressemenschen oder Autogrammjäger auftauchten, werde er sofort das Lokal verlassen. Bernstein dagegen genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Er konnte gar nicht genug davon bekommen. Wie die meisten Künstler liebte er Menschen, die ihn vorbehaltlos bewunderten und das auch zeigten“, schreibt Kowalke.

Kowalke in der ersten deutschen Kochsendung

Zum anderen war da die erste Kochsendung im deutschen Fernsehen. Und der Auftritt von Kowalke und seinem Fischereihafen Restaurant. „Sie startete im Januar 1987 im ZDF unter dem Titel „Essen wie Gott in Deutschland“. Über ein Jahr lang verrieten jeden Sonntag zur besten Sendezeit Sterneköche wie Eckart Witzigmann, Josef Viehhauser und Vincent Klink ihre Rezepte. Moderation: Petra Schürmann. Wir waren das einzige Restaurant ohne Michelin-Auszeichnung, das dort aufkochen durfte.“

Und dann war da noch die bis heute legendäre American-Express-Werbung mit Rüdiger Kowalke und seinem Restaurant. Am 7. November 1993 wurde der Spot europaweit ausgestrahlt, dazu gab es ganzseitige Anzeigen in großen Magazinen: „Eine grandiose Promotion. Kostete mich alles keinen Cent. Bei einem Golfturnier in Frankfurt hatte mir Jürgen Aumüller, damals American-Express-Präsident, erzählt, seine PR-Leute suchten europaweit ungewöhnliche Locations für eine Werbekampagne, in der die Amex-Botschaft untermalt wird.

Die lautete etwa so: „Wer viel von Geld versteht, hat wenig bei sich: Der Kenner isst in den feinsten Restaurants, wohnt in den besten Hotels und bezahlt mit seiner Unterschrift, mit seinem guten Namen.“ Da konnte ihm geholfen werden: Ich schilderte, wie es im Umfeld des Fischereihafen Restaurants aussieht: eine dunkle Meile, schröppige Flachbauten, Hafenambiente, eine Kompanie leicht bekleideter Mädchen winkend am Straßenrand – und dann, am Ende der Kamerafahrt, ein elegantes Restaurant mit Blick auf den glitzernden Strom. Das wäre doch was?!

Endlich war er dort, wo er hinwollte

Ein paar Monate später: Monsterlaster mit Equipment vor der Tür, ein US-Team mit Producer, Script Supervisor, Location Manager, Art Director, Set Designer, Director of Photography, Sound Mixer und, und, und … stehen diskutierend unserem Servicepersonal im Wege. Sah aus, als sollte der zweite Teil von „Vom Winde verweht“ gedreht werden. Drei Tage Hektik, dann Klappe, finish, der TV- und Kinospot war im Kasten: zwei Filme à 30 und ein Streifen à 60 Sekunden. Danach – Tischbestellungen aus allen Winkeln Europas, selbst aus den USA und Japan. Wir konnten die Reservierungswünsche kaum bewältigen. Die halbe Welt schien diesen Werbespot gesehen zu haben.“

Kowalke war nun dort, wo er hinwollte. Von diesem Tag an bewirteten er und sein Team täglich rund 400 Gäste. Zu seinem Erfolg schreibt er: „Warum der eine Gastronom Erfolg hat und der andere nicht, ist schwer zu sagen. Für mich gab es immer vier Punkte, die ich unbedingt erfüllen wollte und die vielleicht den Aufstieg mitbestimmen: ehrliche Qualität; persönliche Präsenz; eine fröhliche familiäre Atmosphäre; gesundes Preis-Leistungs-Verhältnis. Alle vier Punkte müssen jeden Tag erfüllt werden – jeden Tag im Jahr.“

Lesen Sie morgen: Rüdiger Kowalke, das Fischereihafen Restaurant und seine berühmten Gäste.