Karl Lagerfeld

Wie er mit Elbphilharmonie-Show für Sensation sorgte

Karl Lagerfeld mit seinem Patensohn Hudson Kroenig in der Elbphilharmonie.

Karl Lagerfeld mit seinem Patensohn Hudson Kroenig in der Elbphilharmonie.

Foto: Getty Images

Der Designer hatte ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Geburtsstadt Hamburg. Doch vom neuen Konzerthaus war selbst er begeistert.

Hamburg.  Lagerfeld kommt nach Hamburg! In die Elbphilharmonie! Mit einer Chanel-Modenschau! Es war eine der Sensationen des Jahres 2017, dass der berühmte, verloren geglaubte Sohn der Stadt zurückkehrt. Denn der in Hamburg geborene und in Bad Bramstedt aufgewachsene Karl Lagerfeld hatte schon Mitte der 1950er-Jahre die Elbe gegen die Seine getauscht, um sich bei französischen Modehäusern emporzuarbeiten.

Längst war Paris und der Rest der mondänen Welt sein Zuhause geworden. Seine Villa Jako in Blankenese – längst wieder verkauft. Zu piefig die Nachbarschaft, und immer nur dieses Starren aufs Wasser. Non, merci! Hamburg, so befand Lagerfeld öfter als ein Mal, sei eben doch sehr provinziell. Diese Fehde dauerte lange. Bis zum 6. Dezember 2017.

Schon Tage bevor die Chanel-Sause im Großen Saal steigen sollte, war die Stadt elektrisiert. In den Cafés hörte man französisches Geplapper, die Chanel-Boutique am Neuen Wall war das Epizentrum dieses heranrollenden Mode-Wahnsinns-Event. Jeder wollte eine Einladung; nur wenige Ausgewählte bekamen eine. Die sozialen Netzwerke übertrumpften sich mit den illustren Gästen, die nach und nach anreisten. Ein Keksbäcker verzierte die Elbphilharmonie mit einem Chanel-Logo. Hamburg im Chanel-, ach was: im Lagerfeld-Fieber.

Lagerfelds legendärer Jogginghosen-Spruch

Ihn persönlich zu treffen war erstmal ein kleiner Schock. Denn da saß nicht die Kunstfigur Lagerfeld, deren stets tadelloses Bild durch den Instagram-Kosmos trieb. Trotz der wiedererkennbaren Insignien – schwarzer Blazer, schwarze Krawatte, weißer Zopf, – saß da ein offensichtlich stark gealterter 84-Jähriger, dessen Entourage sehr bemüht war, ihn bei Laune und vor allem bei Kräften zu halten. Die Sonnenbrille war einer starken Lesebrille gewichen. Den Gang auf die Bühne hatte der Modeschöpfer nur bewältigt, indem sein Patensohn Hudson ihn stützte. Chanel ohne Lagerfeld, dachte man damals, wie soll das gehen?

Von Nostalgie war jedoch auch beim damaligen Interview nichts zu spüren. Wenn eine Show vorbei sei, gehe es gleich mit der nächsten weiter, die Grenzen seien da fließend, zum Glück, sagte der Modeschöpfer. Dass viele der Gäste, darunter die Chefredakteurin der deutschen Vogue, Christiane Arp, und die üblichen Verdächtigen wie Lily-Rose Depp und die Schauspielerinnen Tilda Swinton und Kristen Stewart Tränen der Rührung zeigten, veranlasste ihn zu dem Ausspruch: „Mein Gott, was soll ich das nächste Mal bloß machen?“

Den ewig lästernden („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“), exaltiert gestylten Mann mit Vorliebe für dicke Katzen und Bücher als altersmilde zu bezeichnen, hätte sich niemand (offen) getraut. Und doch sahen es viele als ein Zeichen der späten Annäherung, dass Lagerfeld seine Geburtsstadt mit einer aufwändigen Métiers d’Art-Show bedachte, die nicht nur das traditionelle Mode- und Kunsthandwerk huldigte, sondern auch dem, wofür die Stadt steht: Elbe, Hafen, ein bisschen Prinz Heinrich, Schifferklavier und Rotlichtviertel schwangen mit, als die kernigen Seemänner durch die Gänge des Konzerthauses flanierten (obwohl Chanel gar keine Herrenmode entwirft)- in dunkelblauen Troyern, Elbsegler auf dem Kopf, die Seesäcke lässig über die Schultern geworfen.

Karl Lagerfeld in der Elbphilharmonie in Hamburg
Karl Lagerfeld in der Elbphilharmonie in Hamburg

Die Damen trugen mal elegante Mäntel, Tweed-Kostüme und Culotte-Hosen, mal ganz dirnenhaft schwarze Miniröcke und Overknee-Strümpfe. Er liebe den Hafen als Idee, sagte der Designer im Interview. Und weiter: „Die Stadt gehört zu meinem persönlichen Background. Sie ist wie eine Tapete in meinem Gehirn.“

„Im Grunde bin ich auch ein Pfeffersack“

Die Modenschau war eine Hommage an Hamburg und ein wunderschönes Abschiedsgeschenk, wie sich nun herausstellte.

Tatsächlich ließ es sich der „Modezar“ nicht nehmen, auch die Aftershow-Party in den Fischauktionshallen zu besuchen und sich dort gebührend hofieren und feiern zu lassen. Anschließend zog er sich ins Hotel The Westin in der Elbphilharmonie zurück, um sich von den Strapazen zu erholen. Nur zögerlich ebbte die Verzauberung ab, noch lange waren die Show und der hohe Besuch Stadtgespräch. Bis heute tragen einige Hamburgerinnen einen Elbsegler als Erkennungszeichen.

Zu seiner letzten Modenschau in Paris Anfang dieses Jahres konnte Karl Lagerfeld offensichtlich aus gesundheitlichen Gründen schon nicht mehr kommen. Es war also gerade rechtzeitig, dass er noch einmal nach Hamburg gereist war, um seine Mode zu zeigen: Sie war all das, was ihn ausmachte, wofür er gelebt hatte. Und um mit seiner Heimat Frieden zu schließen. Befragt nach seiner stärksten Erinnerung an Hamburg sagte er: „Meine Vorfahren waren Banker und Händler. Ich kann sie verstehen. Im Grunde bin ich auch ein Pfeffersack.“ Ein schöneres Kompliment als dieses hätte er seiner Stadt nicht machen können. Ahoi, Kapitän Karl!

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