Stadtentwicklung

Hamburg prüft Wohnungsbau bei Gruner + Jahr

Der Sitz von Gruner + Jahr am Baumwall ist einer der größten Gebäudekomplexe am Hafen. Aus vielen Büros haben Mitarbeiter einen Blick auf das Wasser.

Der Sitz von Gruner + Jahr am Baumwall ist einer der größten Gebäudekomplexe am Hafen. Aus vielen Büros haben Mitarbeiter einen Blick auf das Wasser.

Foto: picture-alliance / dpa

Verlag verlässt Gelände am Baumwall 2021 und zieht in die HafenCity. Hamburg gibt Machbarkeitsstudien in Auftrag.

Hamburg.  Der Verlag Gruner + Jahr (G+J) zieht Ende 2021 in einen Neubau am Lohsepark in der HafenCity um. Das stellt die Stadt vor eine große Herausforderung, denn noch ist offen, wie der bisherige Sitz des Medienkonzerns am Baumwall danach genutzt werden soll. Die Stadt hatte die 1990 bezogene Immobilie Ende 2016 erworben. Der verschachtelte Komplex hat eine Fläche von rund 70.000 Quadratmetern. Nach Abendblatt-Informationen hat die zuständige Finanzbehörde „grundsätzliche Machbarkeitsstudien zu verschiedenen Nachnutzungsmöglichkeiten in Auftrag gegeben. Die Überlegungen und Planungen sind noch nicht abgeschlossen“, sagt Sprecher Claas Ricker. Ein Weiterverkauf an einen Investor wird dem Vernehmen nach bislang ausgeschlossen, ebenso der Abriss des denkmalgeschützten Gebäudes. Beides sei keine Option für die bisherigen Nachnutzungsüberlegungen, so der Sprecher.

Ideen gibt es viele. So spricht sich SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf für eine „Nutzung durch eine städtische oder öffentliche Institution“ aus. Auch die „Ansiedlung eines bedeutenden Konzerns an diesem attraktiven Standort“ ist eine Option für Kienscherf. Zunächst einmal müsse aber exakt untersucht werden, welchen Sanierungsbedarf das Gebäude habe. Dabei dürfte dem Vernehmen nach der Brandschutz eine große Rolle spielen.

CDU wünscht sich Gründerzentrum für Medien

Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Carsten Ovens plädiert für eine „Nutzung als großen Medienhafen“ und sagt: „Das heißt, hier könnte ein Gründerzentrum für junge Medienunternehmen einziehen und damit den Grundstein für einen Digital Media Hub legen.“ Dieser solle als Schnittstelle zwischen Forschung, Lehre und Start-ups dienen, so der medienpolitische Sprecher weiter. Aber Ovens ist vor allem wichtig: „Der rot-grüne Senat muss jetzt zügig ein Konzept erarbeiten, was mit dem Gebäudekomplex passieren soll und auf mögliche Nutzer zugehen. Es darf nicht passieren, dass Gruner + Jahr auszieht und die Stadt keinen konkreten Plan für eine weitere Verwendung der Immobilie hat.“

Keinen Zeitdruck sieht Finanzsenator Andreas Dressel (SPD): „Für diese herausragende Immobilie an diesem hervorragenden Standort prüfen wir sehr sorgfältig und ergebnisoffen verschiedenste Nachnutzungsmöglichkeiten, da geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Wir werden ganz sicher eine sehr gute Lösung finden.“ Nach Abendblatt-Informationen soll Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) bereits in seiner Zeit als Finanzsenator eine Prüfung in Auftrag gegeben haben, ob Wohnungen in dem Gebäude mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand realisiert werden könnten.

Denkmalschützerin: „Einfacher Umbau“

Der Branchenexperte Andreas Wende, geschäftsführender Gesellschafter der Nai apollo group, die auf Immobilienberatung spezialisiert ist, sagt: „Natürlich wäre die Lage am Hafen ideal auch für Wohnungen, dort könnten bestimmt mehrere Hundert Einheiten realisiert werden. Allerdings müsste dafür der hintere Teil des Gebäudes abgerissen und dann dort Wohnraum neu geschaffen werden.“ Eine Umnutzung der Büroflächen sei aus heutiger Sicht nicht wirtschaftlich. Das sieht Kristina Sassenscheidt, Vorsitzende vom Denkmalverein Hamburg, ein wenig anders: „Das Gruner+Jahr-Gebäude ist ein spannendes Beispiel für Nutzungsvariabilität.

Die Architekten Otto Steidle und Uwe Kiessler hatten langfristige Veränderungen der Nutzung vorausgesehen und in den Entwurf eingeplant.“ Das kleinteilige Ensemble bestehe aus mehreren parallelen Häuserzeilen mit Innenhöfen, es bietet flexible Grundrisse, viel Tageslicht und natürliche Belüftung. Dadurch könne man es relativ einfach zu qualitativ hochwertigen Wohnungen umbauen. Wichtig ist der Denkmalschützerin: „Durch diese vorausschauende Planung ist der Komplex hoffentlich zukunftsfähiger als viele Bürogebäude der Nachkriegszeit, die teilweise schon gefallen sind, weil sie monofunktional waren und ihre Umnutzung vorgeblich zu schwierig oder teuer geworden wäre.“

Unterdessen ist nach wie vor nicht bekannt, auf welchen Kaufpreis sich die Stadt und G+J für den Gebäudekomplex geeinigt hatten. Bezahlt wurde noch nichts. Das Prozedere erklärt Behördensprecher Ricker: „Die Immobilie wurde am 7. Dezember 2016 mit Abschluss des Kaufvertrages erworben. Der Besitz- und Eigentumsübergang erfolgt erst nach Auszug von G+J aus dem Baumwall, verbunden mit der Kaufpreiszahlung.“ Der Verlag plant, Ende 2021 mit rund 2000 Mitarbeitern an die neue ­Adresse Am Hannoverschen Bahnhof zu ziehen. In dem neuen Gebäudekomplex sollen auch Wohnungen integriert und weitere Firmen angesiedelt werden.