Ottensen

Gemüsehändler im Bahnhof Altona steht vor dem Aus

Gemeinsam mit dem SPD-Politiker Mithat Capar (3. v. l.) protestieren Stammkunden für den Verbleib des Pavillons im Bahnhof Altona.

Gemeinsam mit dem SPD-Politiker Mithat Capar (3. v. l.) protestieren Stammkunden für den Verbleib des Pavillons im Bahnhof Altona.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Bahn hat Mieter Demirtas zum 31. März 2019 Vertrag gekündigt. Bürgerinitiative kämpft dafür, dass der Stand doch bleiben darf.

Hamburg.  Seit gut zehn Jahren hat er seinen angestammten Platz im Erdgeschoss des Bahnhofs Altona: Wer von den Gleisen Richtung Busbahnhof geht, kommt an einem Obst- und Gemüsepavillon vorbei. Auch wer zu Rolltreppe und Stufen hinab ins Tiefparterre möchte, passiert den kleinen Laden mit dem vielfältigen Angebot.

Damit soll es im Frühjahr vorbei sein. Die Deutsche Bahn hat dem Mieter Mehmet Ali Demirtas zum 31. März 2019 gekündigt. Was juristisch einwandfrei erscheint, ruft Protest hervor. Außer Stammkunden appelliert die Bürgerinitiative „Prellbock“ an die Bahn, das Mietverhältnis im Bahnhof fortzusetzen. Parallel kündigt der SPD-Abgeordnete Mithat Capar einen Antrag in der Bezirksversammlung Altona an. Darin soll die Verwaltung aufgefordert werden, mit der Bahn und Mehmet Ali Demirtas einen Ausweg zu suchen.

Eine Institution

„Dieser Obst- und Gemüsestand ist bei den Passanten beliebt und seit 2008 eine Institution“, sagt Politiker Capar bei einem Ortstermin. „Die Waren sind frisch und preiswert. Der Stand hat an sieben Tagen in der Woche lange geöffnet, und es gibt keine Wartezeit an der Kasse.“ Empörte Kunden hatten Capar informiert.

Die Deutsche Bahn verweist auf einen fristgerecht gekündigten Mietvertrag von 2010 und stellt jeweils einen Monat umfassende Fristverlängerungen in Aussicht – je nachdem, wann der „Foodcourt“ am Eingang Ottenser Hauptstraße eröffnet. Die Geschäfte stehen seit Jahren leer, werden umgebaut und sollen nach Verzögerung wohl Mitte 2019 öffnen. Ladenbetreiber im fertig ausgebauten Tiefgeschoss berichten, dass oben ein weiterer Supermarkt eingerichtet werden soll – vis-à-vis des jetzigen Obst- und Gemüsestands.

Foodcourt statt Gemüsemann

„Aufgrund des hohen Aufkommens an Reisenden müssen die sogenannten Laufachsen geschaffen werden“, sagt Egbert Meyer-Lovis im Namen der Bahn AG. „Gleichzeitig entstehen so bessere Sichtachsen für den neuen Foodcourt.“ Sein Unternehmen prüfe für den Obsthändler alternative Standorte innerhalb und außerhalb des Altonaer Bahnhofs. Bisher habe sich keine Möglichkeit ergeben: „In der Branche ist keine Mieteinheit im Bahnhof verfügbar.“ Das Angebot eines Bestandsmieters aus Altona zur Untervermietung habe der Händler nicht weiterverfolgt. „Eine Unterstützung seitens der Bahn wäre erfolgt“, sagt Meyer-Lovis. Details könne er aus Datenschutzgründen nicht nennen.

Mieter Mehmet Ali Demirtas bestreitet dies: „Es gab kein anderes Angebot.“ Im Gegenteil: Nachdem ihm die Bahn im vergangenen Jahr die mündliche Zusage gegeben habe, seinen Obst- und Gemüsestand langfristig weiterbetreiben zu dürfen, habe er eine Architektin mit dem Plan eines neuen Pavillons beauftragt. Auf der Rechnung in Höhe von 4800 Euro bleibe er nun sitzen. Ebenso wie seinen beiden festangestellten Mitarbeitern Murat Sahin und Etem Ipek sowie den Aushilfen drohten dem zweifachen Familienvater aus Altona nun wirtschaftliche Probleme. „Ich habe mir mit viel Arbeit eine eigene Existenz aufgebaut“, sagt Mehmet Ali Demirtas. „Bisher waren das Verhältnis und die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn ausgezeichnet.“ Ihm sei daran gelegen, dass alles so bleibt – die soliden Geschäftsbeziehungen und sein Stand.

Frisch und unverpackt

Ein Dutzend Stammkunden demonstrierte am vergangenen Freitag für den Fortbestand des Pavillons. „Frisch gepresste Säfte so vieler Obstsorten gibt es anderswo nicht“, sagt der Versicherungskaufmann Thomas Fitschen aus Othmarschen. Er komme praktisch täglich vorbei und freue sich über einen kurzen Klönschnack inmitten der sonstigen Hektik. „Die Waren sind frisch, bezahlbar und nicht abgepackt“, weiß Silke Kracht. Der Bahnhof Altona sei nicht schön, jedoch praktisch. Das möge so bleiben.

„Man kann hier zügig und unkompliziert Obst kaufen und trifft dabei noch Leute“, ergänzen die Anwohner Christine Zander und Uwe Behrendt aus Ottensen. Beide befürchten mit der neuen Geschäftswelt teurere und unpersönlichere Verhältnisse. „Ein solcher Stand ist das Gegenteil eines Supermarkts“, meint Nena Michel-Ballin aus Övelgönne. Sie freue sich nicht nur über Obst und Gemüse, sondern auch über ausgepresste Säfte und über mehrere Varianten frischer Obstsalate. An den Wochentagen ist von 6 bis 22 Uhr geöffnet, am Wochenende bis 19.30 Uhr.

„Herrn Demirtas’ Stand gehört eigentlich zu diesem Bahnhof“, schreibt die Bürgerinitiative „Prellbock“ an die Deutsche Bahn AG. Das Bündnis tritt in erster Linie gegen eine Verlagerung des Bahnhofs ein, macht sich jetzt aber auch für den Obstpavillon stark. „Für uns als Bürgerinitiative ist die Kündigung eine sehr ungerechte und nicht nachvollziehbare Angelegenheit“, schreibt Andreas Müller-Goldenstedt aus Ottensen an die Bahn. „Sie sollten die Kündigung noch einmal überlegen und bitte zurücknehmen.“ Gemeinsam soll jetzt eine Unterschriftenaktion gestartet werden.