Rezension

Die Probleme aus Sicht des Kindes

Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Hamburger Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE)  in seinem Therapiezimmer

Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Hamburger Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) in seinem Therapiezimmer

Foto: dpa Picture-Alliance / Georg Wendt / picture alliance / dpa

Ein gelungener Ratgeber darüber, was Jungen und Mädchen belastet, des Hamburger Jugendpsychiaters Prof. Michael Schulte-Markwort

In seinem neuen Buch gehe es um „Kindersorgen“ und nicht um Sorgenkinder, betonte Prof. Michael Schulte-Markwort bei seiner Lesung der Stiftung „Kulturglück“ im Bucerius Kunst Forum. „Ich ärgere mich über Bücher, die nur über Defizite bei Kindern schreiben“, sagte der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Eppendorf, der in mehr als 30 Jahren schon Tausende Kinder und Jugendliche behandelt hat.

Sein Buch „Kindersorgen – Was unsere Kinder belastet und wie wir ihnen helfen können“ bietet Eltern viele Ratschläge, wie sie mit ihrem Nachwuchs besser zurechtkommen, und das nicht nur in schwierigen Phasen wie der Pubertät, die Schulte-Markwort eher für ein „elterliches Leiden“ hält. Anhand von Beispielen macht er deutlich, wie er hilft: „Ich bin ein Dolmetscher: Die Kinder fühlen sich verstanden, die Eltern gewinnen eine neue Perspektive auf ihr Kind.“ Manchmal kommen Familien zu ihm, in denen das Kind zwar Sorgen und Ängste hat, aber aus ärztlicher Sicht noch gesund ist. Dies ist oft bei einer Trennung von Vater und Mutter der Fall. Aus der belastenden Situation entwickelt sich bei ihrem Kind häufig eine psychische Störung. Für Söhne und Töchter bedeute das Auseinandergehen großes Herzeleid, da sie sich in einem Loyalitätskonflikt zwischen zwei geliebten Menschen befänden.

So sei er „bei Scheidungseltern immer direkter und unnachgiebiger geworden“, sagt der 60-Jährige. Der Psychiater fordert die Eltern dann beispielsweise auf, sich gemeinsam einen Anwalt zu nehmen, um eine kämpferische Gegnerschaft zu vermeiden.

Kinder sorgen sich vor allem um ihre Familie, haben Angst, dass den Eltern etwas passiert, oder Angst vor Umweltzerstörung oder Krieg. Wenn sich Konflikte auf den Körper auswirken, kann es sogar zu Lähmungen kommen. Wie bei dem 17-jährigen Michael, dessen Beine in einer emotionalen Stresssituation plötzlich versagten und der von da an nicht mehr laufen konnte. „Dann ist es ein Kunstfehler der Kollegen, wenn sie dem Patienten sagen: ,Sie haben nichts‘, denn eine Lähmung ist eine Lähmung“, sagt Schulte-Markwort. Er geht in seinem Buch Aussagen von Kindern auf den Grund, wenn sie sagen: Mein Körper gehorcht nicht, ich kann nicht schlafen, Lernen mag ich einfach nicht, ich krieg das nicht hin, niemand mag mich. Für diejenigen, die eine psychiatrische Therapie benötigten, sei die Versorgung leider noch nicht ausreichend, es gebe lange Wartelisten.

Das Buch kann als Wegweiser für manches Familien- oder Erziehungsproblem dienen. Die Beispiele sind sehr anschaulich und leicht verständlich beschrieben. Michael Schulte-Markwort empfiehlt allen Erwachsenen, insbesondere auch Lehrern und Ausbildern, zwar einen „fürsorglichen Blick auf Kinder“, ist aber überzeugt, dass man ihnen auch viel zutrauen könne. Kinder von heute würden nicht immer schlimmer und psychisch kränker, und Eltern kämen bei Problemen inzwischen früher zu ihm, als es vor Jahrzehnten der Fall war. Sie seien jetzt besser informiert – und schneller besorgt. „Ich freue mich dann, wenn ich sagen kann: Gut, dass Sie da waren, Sie haben ein gesundes, liebenswertes Kind.“

Michael Schulte-Markwort: „Kindersorgen“, Droemer, 368 Seiten, 19,99 Euro