Demografie

Warum Hamburg eine wachsende Stadt ist – und bleibt

Ein verlockendes Panorama: Hamburg gilt internationalen Studien zufolge als eine der attraktivsten Städte der Welt – entsprechend stark ist die Zuwanderung.

Ein verlockendes Panorama: Hamburg gilt internationalen Studien zufolge als eine der attraktivsten Städte der Welt – entsprechend stark ist die Zuwanderung.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die Hansestadt nähert sich der Marke von zwei Millionen Einwohnern. Geburtenüberschuss und Zuwanderung machen es möglich.

Hamburg.  Es war nur ein beiläufiger Satz, doch er hat für Aufmerksamkeit gesorgt. „Hamburg hat ohne Fanfaren, Feuerwerk und Anwerbeprogramme vor einigen Wochen die Marke von 1,9 Millionen Einwohnern überschritten“, schrieb Sport-Staatsrat Christoph Holstein (SPD) in einem Gastbeitrag für das Abendblatt, in dem er als Reaktion auf das Wachstum für den Ausbau der Sport-Infrastruktur warb.

Das ließ viele Experten aufhorchen. Mancher erinnerte sich an Prognosen, dass Hamburg – und das auch nur mit viel Hätte, Wenn und Aber – in den 2030er-Jahren die Zwei-Millionen-Marke knacken könnte. Ist das alles überholt? Sind wir wirklich schon so viele? Und wie ist das zu erklären? Die wichtigste Fragen und Antworten:


Wie viele Einwohner hat Hamburg wirklich?
Dazu gibt es grundsätzlich unterschiedliche Darstellungen: Das eine sind die laut Melderegister mit Haupt- und Nebenwohnsitz in der Hansestadt gemeldeten Personen, aktuell exakt 1.930.996 Menschen. Das teilte das Bezirksamt Harburg, das das Melderegister führt, auf Abendblatt-Anfrage mit. Rechnet man die Nebenwohnsitze heraus und zählt nur diejenigen, die ihren alleinigen oder aber ihren Hauptwohnsitz (sofern sie mehrere haben) in Hamburg haben, sind es 1.885.666 Menschen. Geht man davon aus, dass auch Nebenwohnsitz-Inhaber zumindest zeitweise in Hamburg leben, wäre es also nicht übertrieben zu behaupten, dass gut 1,9 Millionen Menschen in Hamburg leben.

Daneben steht die „amtliche Bevölkerungsfortschreibung“ der Statistikämter. Sie basiert auf dem umstrittenen Zensus von 2011, mit dem Hamburgs Einwohnerzahl um 83.000 Köpfe nach unten korrigiert worden war. Gegen den Zensus, der keine wirkliche Volkszählung war, sondern nur auf Stichproben basierte, die hochgerechnet worden waren, hatten Hamburg, Berlin und andere Städte vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt – und im September 2018 verloren. Daher gelten die Werte und sind zum Beispiel die Basis für sämtliche Bund-Länder-Finanzbeziehungen. Hamburg entgehen dadurch pro Jahr rund 100 Millionen Euro an Steuern.

Laut der letzten Bevölkerungsfortschreibung hatte Hamburg zur Jahresmitte 2018 exakt 1.834.244 Einwohner. Je nachdem, welchen Wert aus dem Melderegister man zum Vergleich nimmt, also 50.000 bis 100.000 weniger.


Wie entwickelt sich die Einwohnerzahl?
Seit Jahren nach oben. Nachdem die Stadt schon in den 60er-Jahren knapp 1,86 Millionen Einwohner hatte, war sie danach 20 Jahre lang geschrumpft: 1986 lebten in Hamburg nur noch 1,57 Millionen Menschen. Seitdem wächst die Stadt wieder – wobei der Zusammenbruch des Ostblocks 1989 und die Flüchtlingswelle 2015/16 für Sondereffekte sorgten. 2015 bis 2017 wuchs die Stadt jeweils um 20.000 bis 25.000 Menschen – jeweils laut der amtlichen Statistik. Im Melderegister waren die Zuwächse noch größer.


Woher kommen die Neubürger?
Nach Angaben des Statistikamts Nord speist sich das Einwohnerwachstum aus zwei Quellen: dem seit 2010 anhaltenden Geburtenüberschuss und der Zuwanderung aus dem Ausland. 2017 brachten Hamburger Frauen 21.133 Kinder auf die Welt, während 17.640 Menschen starben – ein Überschuss von 3493 Personen. Hinzu kommt ein positiver Saldo aus Zu- und Fortzügen von 18.000 Menschen, der fast ausschließlich auf Zuwanderung aus dem Ausland beruht. Vergleicht man nur die Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands, verliert Hamburg sogar Bevölkerung – insbesondere an die Umlandkreise in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.


Gibt es regionale Unterschiede? Ja! Wie der Senat kürzlich mitteilte, sind die Bezirke Hamburg-Nord (plus 6,83 Prozent auf 311.000 Einwohner) und Harburg (plus 6,65 Prozent/166.000) von 2013 bis 2017 relativ gesehen stärker gewachsen als Wandsbek (plus 4,3 Prozent auf 435.000), Mitte (+4,4/302.000) oder Eimsbüttel (+4,5/264.000). Altona (+5,12/273.000) und Bergedorf (+5,13/ 129.000) lagen dazwischen.


Wird Hamburg schon bald zwei Millionen Einwohner haben?
Fest steht: Das Demografiekonzept des Senats aus dem Jahr 2013, wonach Hamburg 2030 rund 1,854 Millionen Einwohner haben könnte, ist längst überholt. Ob und wann Hamburg eine Zwei-Millionen-Metropole wird, ist aber umstritten. „Innerhalb von zehn Jahren“, glaubt etwa Prof. Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Er hält die Attraktivität der Großstädte allgemein und Hamburgs im Besonderen hinsichtlich Arbeitsplätzen, Infrastruktur und Freizeitangeboten für ungebrochen. Hinzu komme der demografische Wandel: „Alles, was das Leben im Alter lebenswert macht, also etwa Teilhabe, Kulturangebote und gute medizinische Versorgung, findet sich in den Städten.“ Mit anderen Worten: Es gibt mehr ältere Menschen, und die ziehen auch noch bevorzugt in die Stadt.

Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln kam 2017 in einer Studie zur Bevölkerungsentwicklung zu dem Ergebnis, dass vor allem Hamburg und Berlin stark wachsen werden. Demnach werde die Hansestadt 2035 gut 1,95 Millionen Einwohner haben. Grundlage waren die niedrigeren amtlichen Daten. Auf denen basiert auch die „13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamts. Sie stammt zwar aus dem Jahr 2015, wurde aber nach der Flüchtlingswelle aktualisiert: Demnach wird die Bevölkerung Deutschlands zwar bis 2060 von derzeit rund 83 auf nur noch 76,5 Millionen Menschen abnehmen, die der drei Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg werde hingegen um zehn Prozent auf 6,7 Millionen zunehmen.

Jonas Günther, der beim Statistikamt Nord das Thema Bevölkerungsentwicklung bearbeitet, geht zwar auch davon aus, dass Hamburg als Arbeitsplatz, Ausbildungs- und Uni-Standort weiterhin ein Magnet bleiben werde. Allerdings gebe es viele Unwägbarkeiten, etwa die Entwicklung der Zuwanderung oder die der Geburtenraten. Von zwei Millionen Einwohnern will er daher noch nicht sprechen. Aber es sei realistisch, dass die Stadt etwa 2025 auch nach der amtlichen Statistik rund 1,9 Millionen Einwohner habe – das wäre ja auch ein kräftiger Zuwachs.