Landgericht Hamburg

Baby geschüttelt: Vier Jahre Gefängnis für den Vater

Der beschuldigte Vater vor Gericht

Der beschuldigte Vater vor Gericht

Foto: Andreas Laible / HA

Der 41-Jährige schildert, wie er sich zunehmend überfordert fühlte. Dann schüttelte er seine Tochter – nun ist sie schwerstbehindert.

Hamburg. In seinem Schlusswort hebt der Angeklagte noch einmal zu einer Erklärung an, doch Emotionen übermannen ihn. Mit tränenerstickter Stimme presst er die Worte hervor – keine Rechtfertigung für das unsägliche Leid, das er über seine Tochter und seine Familie gebracht hat, sondern das finale Schuldeingeständnis eines gebrochenen, psychisch und finanziell ruinierten Mannes. „Ich weiß, was ich Nele angetan habe“, sagt der 41-Jährige und schiebt einen unmöglichen Wunsch hinterher. „Wenn ich könnte, würde ich alles rückgängig machen.“

Ungeschehen lässt sich die Tat nicht machen, die fatalen Folgen auch nicht. Nele, fünf Wochen alt, hat durch die Hand ihres eigenen Vaters irreversible Hirnschäden erlitten. Sie wird nie sprechen, nie hören, nie richtig sehen können. Sie wird schwerstbehindert bleiben, weil Michael F. sie schüttelte. Mehr als zehnmal muss Neles Köpfchen vor- und zurückgeschleudert sein, fanden Rechtsmediziner heraus. Wie kann einer, der so schwere Schuld auf sich geladen, je wieder ins normale Leben zurückfinden?

Haft und 500.000 Euro Schadenersatz

Das normale Leben endet für Michael F. vorerst ohnehin. Am Donnerstag hat ihn das Landgericht wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung an seiner Tochter zu vier Jahren Haft verurteilt. Zudem muss er 500.000 Euro Schadenersatz und eine monatliche Schmerzensgeldrente zahlen. Das Gericht ist überzeugt, dass Michael F. die Tat zutiefst bereut. Dass er seine zwei Kinder, auch Nele, über alles liebt. Umso ratloser lässt einen das Verbrechen zurück.

Der Vorsitzende Richter Stephan Sommer widmet dieser paradoxen Situation – hier der liebende Vater, da die monströse Tat – einen großen Teil der Urteilsbegründung. Es sei einiges schiefgelaufen, schon vor dem Angriff auf das Kind, sagt er, das Drama sei gewissermaßen „angelegt“ gewesen. Obgleich fragile Persönlichkeiten – Michael F. stand schon zweimal vor einem Burn-out, seine Frau litt nach der Geburt der ersten Tochter unter Depressionen –, hätten sich die Eheleute zu einem zweiten Kind entschlossen.

Im Sommer 2017 scheint das Glück zunächst perfekt, als Nele zur Welt kommt. Doch das Wunschkind ist nicht einfach, es leidet unter Koliken, schreit viel. Um seine Frau zu schonen, kümmert sich Michael F. von Mitternacht bis um 5 Uhr morgens um die Kleine. Danach beginnt seine Schicht als Filialleiter in einem Supermarkt. So geht das jeden Tag. Schnell stellt sich ein Schlafdefizit ein, er gerät aus der inneren Balance, ist überfordert.

Erst kam ein Faustschlag gegen den Kopf

Er habe seine Bedürfnisse zurückgestellt und damit die elementaren Bedürfnisse von Nele nach Schutz und Sicherheit gefährdet, sagt Sommer. Einmal wendet sich Michael F. an seine Frau. Er könne nicht mehr, er sei am Ende. Sie sagt: „Kneif die Arschbacken zusammen.“ Während Michael F. weiterleidet, bleibt die Situation zu Hause hochbelastend. In der Nacht auf den 1. Oktober verliert er die Nerven.

Nele brüllt und hört nicht auf, da versetzt er ihr einen Faustschlag gegen den Kopf. Die Attacke geht zwar recht glimpflich aus. Doch die Situation markiert einen Wendepunkt: Michael F. weiß jetzt, dass er eine Gefahr für sein Kind ist. „Sie hätten vor sich selbst gewarnt sein müssen“, sagt Sommer. Doch statt sich Hilfe zu suchen, habe Michael F. weitergemacht wie bisher, „da nahm die Katastrophe ihren Lauf“.

Eine Woche später: Wieder schreit Nele, wieder kann Michael F. sie nicht beruhigen. Als er den zerbrechlichen Körper voller Wut schüttelt, verstummt Nele schlagartig, und Michael F. legt sich schlafen. Am nächsten Morgen merkt die Mutter gleich, dass etwas nicht stimmt. Neles Atem stockt, der kleine Körper ist schlaff, sofort fährt sie mit ihr ins Krankenhaus. Da hängt sie dann an den Schläuchen, ihr Leben am seidenen Faden. Doch Michael F. verschweigt seiner Frau die Schüttel­attacke. Dem Gericht erzählt der geständige Mann später, er hätte nie gedacht, dass das Schütteln so gravierende Folgen haben könne. Weder das Gericht noch die Staatsanwaltschaft kaufen ihm diese Version ab.

Das Gericht geht bei der Schüttelattacke von einem bedingten Tötungsvorsatz aus. Natürlich habe Michael F. nicht geplant, sein Kind umzubringen, so Sommer. Wer es aber einer so großen Gefahr aussetze, wie es das Schütteln ist, der nehme eben auch billigend tödliche Konsequenzen in Kauf.

Wegen der besonderen Umstände des Falls, des von Reue getragenen Geständnisses und der eklatanten Folgen auch für den unbestraften Angeklagten bleibe das Gericht im unteren Bereich des Strafrahmens. „Vier Jahre, das ist nicht wenig, aber auch nicht viel angesichts der Folgen für Nele“, sagt Sommer. „Das Maß der Schuld wiegt sehr schwer.“ Er hoffe, dass Michael F. in der Haft dem „Weg der Reue“ folge und ein „guter Ehemann und liebender Vater“ bleibe. Da schlägt der Angeklagte die Hände vor dem Kopf zusammen und weint bitterlich. Es ist eine Tragödie ohne Hoffnung für ein Kind, ohne Aussicht auf Vergebung für den Vater.