Hamburg

Prozess: Vater soll 5 Wochen altes Baby misshandelt haben

Ein Vater soll seine sechs Wochen alte Tochter geschüttelt und geschlagen haben (Symbolbild).

Ein Vater soll seine sechs Wochen alte Tochter geschüttelt und geschlagen haben (Symbolbild).

Foto: picture alliance / blickwinkel/P. Frischknecht

Das Mädchen ist seitdem geistig behindert. Anklage wegen versuchten Totschlags. Familie ist dem Jugendamt unbekannt.

Hamburg.  Es ist ein erschütternder Fall von Kindesmisshandlung, bei dem ein Vater äußerst brutal vorgegangen sein soll: Er soll seine erst sechs Wochen alte Tochter so schwer misshandelt haben, dass der Säugling dauerhaft geistig behindert bleibt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der heute 41-Jährige das hilflose und schutzbedürftige Baby geschlagen und geschüttelt haben, weil es nicht aufhörte zu schreien.

Ab kommenden Dienstag, 16. Oktober, muss sich der Vater vor dem Schwurgericht in Hamburg verantworten. Dem 41 Jahre alten Mann wird versuchter Totschlag in zwei Fällen, gefährliche Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen.

Auslöser soll das Schreien des Babys gewesen sein

Der Vater soll in der Nacht zum 1. Oktober 2017 im Schlafzimmer seiner Wohnung seiner fünf Wochen alten Tochter mit der Faust kräftig gegen die Schläfe geschlagen haben. Dabei habe er tödliche Verletzungen in Kauf genommen, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit. Auslöser dafür, dass der Mann den wehrlosen Säugling derart brutal attackiert haben soll, soll das Schreien des kleinen Mädchens gewesen sein. Das Baby wollte sich offenbar nicht beruhigen lassen.

Durch den Schlag erlitt das Kind Schmerzen und ein Hämatom. Nur eine Woche später soll der Vater erneut die Kontrolle über sich verloren haben und seine Tochter misshandelt haben. Weil das Baby erneut lange schrie, soll der Mann in der Nacht zum 8. Oktober 2017 das inzwischen sechs Wochen alte Mädchen massiv geschüttelt haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft stieß dabei der Kopf des Kleinkindes „gegen einen körperlichen Widerstand“.

Das Mädchen ist seitdem geistig behindert

Das Baby erlitt eine Schädelfraktur und schwere Hirnverletzungen. Zwar konnten Ärzte das Leben des kleinen Mädchens retten. „Sie bleibt jedoch aufgrund der irreversiblen Hirnschäden dauerhaft geistig behindert“, heißt es vonseiten der Staatsanwaltschaft. Ob die Schädelfraktur Folge des Schüttelns oder des Faustschlags war, soll ein rechtsmedizinisches Gutachten klären, wie ein Gerichtssprecher sagte.

Am Tag nach dem Faustschlag seien die Eltern mit dem Kind in ein Krankenhaus gefahren, weil sich einen Augensekret gebildet hatte. Die Ärzte hätten eine Schädelfraktur nicht erkannt. Am Morgen nach der zweiten schweren Misshandlung habe die Mutter das Baby in schlechten Zustand vorgefunden. Das Neugeborene sei fahl und schlaff gewesen. Daraufhin fuhren die Eltern mit dem Kind erneut ins Krankenhaus. Die Ärzte stellten den Angaben zufolge nun ein Hirnödem, die Schädelfraktur und mehrere Blutergüsse fest. Sie schalteten das Institut für Rechtsmedizin ein.

Faustschlag aus Übermüdung und Überforderung

Nach einem Gespräch habe der Vater das Schütteln eingeräumt. Die Rechtsmediziner hätten dem Deutschen zur Selbstanzeige geraten. Als er den Rat nicht befolgte, ließen sich die Ärzte über einen bestellten Ergänzungspfleger von der Schweigepflicht entbinden und schalteten die Polizei ein. Der Vater sei am 20. Oktober festgenommen worden und habe zunächst in Untersuchungshaft gesessen, sagte der Gerichtssprecher. Seit dem 7. November sei er von der Haft verschont.

Erst bei einer späteren psychologischen Untersuchung habe der 41-Jährige dem Gutachter auch den Faustschlag geschildert, den er dem Kind aus Übermüdung und Überforderung versetzt habe. Daraufhin sei am vergangenen 18. September eine weitere Anklage erhoben worden. In Unkenntnis des Faustschlags waren die Ermittler zunächst davon ausgegangen, dass der Schädelbruch beim Schütteln entstanden sei. Nun soll das neue Gutachten Klarheit über die Ursache bringen.

Die Familie sei dem Jugendamt völlig unbekannt gewesen, sagte der Gerichtssprecher. Die Eheleute hätten eine weitere gemeinsame Tochter im Alter von sieben Jahren.

Jamie, Tayler, Deljo

Es ist nicht der erste Fall von schwerer Kindesmisshandlung, bei dem die Opfer geschüttelt worden sind. Im April 2015 hatte ein 27-jährige Vater auf Finkenwerder seinen drei Monate alten Sohn Jamie unter Alkoholeinfluss geschüttelt und geschlagen. Das Baby ist seitdem taub und blind. Der Mann wurde zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Zudem ordnete das Gericht an, dass er seinem Kind 100.000 Euro Schmerzensgeld zahlen und weitere Kosten übernehmen muss.

Ende 2015 starb der 13 Monate alte Tayler, nachdem er zuvor geschüttelt worden war und eine Hirnblutung erlitten hatte. Der Stiefvater wurde ein Jahr später zu elf Jahren Haft verurteilt.

Wenige Wochen nach dem Tod von Tayler wurde bekannt, dass der neun Monate alte Deljo massiv geschüttelt und misshandelt wurde. Der lebensgefährlich verletzte Deljo kam nach einer rettenden Notoperation in eine Pflegefamilie und wurde wieder weitgehend gesund. Den Eltern konnte die Tat nicht nachgewiesen werden, die Ermittlungen wurden Anfang 2017 eingestellt.