Hamburg

Baby geschüttelt – Vater gesteht Misshandlung

„Ich wollte das alles nicht!“ – der geständige Angeklagte Michael F. neben seinem Verteidiger Mathias Huse. Ein Urteil wird am 10. Dezember erwartet.

„Ich wollte das alles nicht!“ – der geständige Angeklagte Michael F. neben seinem Verteidiger Mathias Huse. Ein Urteil wird am 10. Dezember erwartet.

Foto: Andreas Laible / HA

41-Jähriger steht versuchten Totschlags vor Gericht. Seine Tochter ist schwerstbehindert. Was der Vater vor Gericht sagte.

Hamburg. Nele sei ein Wunschkind gewesen, sagt der Angeklagte. Obgleich er sich zweimal wegen drohenden Burn-outs therapeutische Hilfe gesucht habe, habe er mit seiner Frau ein zweites Kind geplant. Als es dann klappte, war die Freude groß. „Ich dachte, wir schaffen das, weil wir schon eine Tochter großgezogen haben“, sagt Michael F. unter Tränen. „Doch leider ist der Schuss nach hinten losgegangen.“

Michael F. hat es nicht geschafft – wohl auch deshalb, weil er seine eigene Belastungsschwelle bis hin zum Kollaps überschritten hat. Das ständige Brüllen des unter einer Kolik leidenden Babys, der Schlafmangel, die viele Arbeit, die massive Überforderung – möglicherweise hat all das mit dazu geführt, dass sich der 41-Jährige zweimal nicht unter Kon­trolle hatte, Nele nun schwerstbehindert ist und bei einer Pflegefamilie in Neugraben leben muss. Erst schlug er dem im September 2017 fünf Wochen alten Baby mit der Faust gegen die Schläfe, eine Woche später schüttelte er es krankenhausreif.

Vater bricht in Tränen aus

Als er darauf Nele in der Klinik besuchte, als er sah, wie sie an den Schläuchen hing, künstlich beatmet, mit gebrochenem Schädel und geschwollenem Gehirn, da habe er nicht geahnt, dass er die Schuld für ihren Zustand trägt. „Ich wusste nicht, dass bei kleinen Kindern so viel kaputtgeht, wenn man sie schüttelt“, sagt Michael F., der seit Dienstag unter anderem wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht steht. Das klingt unfassbar naiv, aber ähnlich erzählt es auch seine als Zeugin geladene Frau Marion F. (41): Sie habe schlicht nicht gewusst, welche gravierenden, häufig tödlichen Folgen das Schütteln von Babys haben könne.

Vor dem Vorsitzenden Richter Stephan Sommer sitzt am Dienstag ein hagerer Mann. Als Michael F. gesteht, wie er seine Tochter misshandelt hat, bricht er in Tränen aus. Jemand muss ihm ein Taschentuch reichen. „Ich wollte das alles nicht“, sagt er. Fragen zum konkreten Tatablauf hat Richter Sommer reihenweise. Eine Frage überragt aber alle anderen: Warum misshandelt ein Vater seine geliebte Tochter fast zu Tode? „Haben Sie sich vor der Schwangerschaft nicht gefragt, ob Sie und Ihre Frau das überhaupt packen?“, will Sommer wissen. Vielleicht seien keine Reserven übrig geblieben für ein weiteres Kind.

Mann war ausgebrannt

Zweimal schon habe sich Michael F. wegen drohenden Burn-outs behandeln lassen müssen. Bis zum Umfallen habe ihr Mann bei Aldi geschuftet und 120 Überstunden angehäuft, sagt seine Frau Marion F. „Halte durch“, habe seine Chefin immer gesagt. Auch zu Hause musste Michael F. funktionieren. „Halte durch“, hörte er auch von seiner Frau, als er andeutete, der Stress wachse ihm über den Kopf. „Koliken gehen vorüber, jetzt kneifen wir die Arschbacken zusammen“, entgegnete Marion F.

Sie selbst habe nach der Geburt ihrer ersten Tochter vor sieben Jahren unter Depressionen gelitten, sagt die Zeugin. Damit die Krankheit nicht wieder aufflammt und sie in Ruhe schlafen könne, habe ihr Mann die nächtliche Versorgung der Kleinen übernommen – von Mitternacht bis zum Beginn seiner Frühschicht um 4 Uhr. An manchen Tagen habe sich Nele jede Stunde gemeldet. Das Ausmaß seiner Erschöpfung habe sie nicht erkannt. „Wenn ich gewusst hätte, dass er so fertig ist, hätte ich mich allein um alles gekümmert.“

Erste Attacke

Das erste Mal verliert Michael F. in der Nacht zum 1. Oktober die Kontrolle, als Nele wie am Spieß brüllt. „Ich habe alles versucht, sie zu beruhigen“, sagt der 41-Jährige, „aus Wut darüber, dass ich es nicht geschafft habe, habe ich ihr mit der Faust auf den Kopf geschlagen.“ Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er dabei tödliche Verletzungen in Kauf nahm. Von dieser ersten Attacke trägt das Mädchen ein Hämatom an der linken Schläfe davon. Seiner Frau erzählt Michael F., die Kleine sei mit dem Kopf gegen das Bettgestell geknallt. Im Krankenhaus geben die Ärzte Entwarnung: Nele habe nur eine Bindehautentzündung. „So etwas darf nie wieder passieren“, habe er sich danach gesagt. Warum er keine Therapie begonnen habe?, will Richter Sommer wissen. Michael F.: „Ich dachte, es war ein Ausrutscher.“

Als seine Tochter in der Nacht zum 8. Oktober erneut brüllt, schüttelt der 41-Jährige Nele und wirft sie aus etwa einem Meter Höhe aufs Bett. Wieder sei er vor allem auf sich selbst wütend gewesen. Daran, dass Nele schwerste Verletzungen erlitten haben könnte, habe er gar nicht gedacht.

41-Jähriger sitzt zwei Wochen lang in U-Haft

Am nächsten Morgen fällt seiner Frau auf, wie schlaff Neles Körper ist, wie stockend ihr Atem geht. Sie fährt sofort mit ihr ins Krankenhaus. Als sie wissen will, was vorgefallen ist, erwähnt Michael F. die Schüttelattacke mit keinem Wort – er habe Nele zur Beruhigung doch nur auf einem Gymnastikball geschaukelt. Drei Tage später konfrontiert eine Rechtsmedizinerin Michael F. mit dem Verdacht. Der 41-Jährige wird festgenommen, sitzt zwei Wochen lang in U-Haft.

Die Misshandlung hat Neles Gehirn irreversibel geschädigt, sie ist schwerstbehindert, hat eine Magensonde, kann nur zwischen hell und dunkel unterscheiden. Inzwischen gelinge es der Kleinen, die Hand zum Mund zu führen, sagt Michael F.

Der Prozess wird fortgesetzt.