Hamburg

Droht ein Mangel bei Gesundheitstherapeuten?

Gesundheitstherapeuten müssen laut CDU derzeit bis zu 15.000 Euro für eine dreijährige Ausbildung bezahlen.

Gesundheitstherapeuten müssen laut CDU derzeit bis zu 15.000 Euro für eine dreijährige Ausbildung bezahlen.

Foto: Imago/Science Photo Library

Hamburg bleibt bei hohem Schuldgeld für Ergo-, Physio- oder Sprachtherapieausbildung. CDU warnt vor Abwanderung der Bewerber.

Hamburg.  Der Hansestadt droht ein gravierender Mangel bei wichtigen Gesundheitsberufen wie Physio-, Ergo- oder Sprachtherapeuten. Das jedenfalls fürchtet die Hamburger CDU – und verweist auf deutlich gesunkene Ausbildungszahlen bei Ergotherapeuten oder medizinischen Fußpflegern (Podologen) und schon heute lange Wartezeiten in vielen Fachpraxen.

Hintergrund der Warnung: In Niedersachsen und Schleswig-Holstein sei die Ausbildung der sogenannten therapeutischen Gesundheitsberufe vom kommenden Jahr an für die Absolventen kostenlos. In Hamburg aber müssten die Auszubildenden an den meist privaten Gesundheitsschulen für eine dreijährige Ausbildung laut CDU weiterhin bis zu 15.000 Euro aus eigener Tasche zahlen. Denn der Hamburger Senat will lieber auf die für 2020 angekündigte bundesweite Reform der Ausbildung mit Schulgeldfreiheit warten – und nicht wie die Nachbarländer eine eigenen Regelung schon im kommenden Schuljahr vorschalten.

„In Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden die Schüler ab dem nächsten Schuljahr nicht mehr in ihre Tasche greifen müssen. Für Hamburg bahnt sich als Folge eine Katastrophe an, die Schulen werden leer laufen“, warnt Marcus Weinberg, CDU-Bundestagsabgeordneten und familienpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion. „Sollte Hamburg sich nicht ganz schnell dieser Sache annehmen und den jungen Menschen einen Zugang zur Ausbildung ohne finanzielle Hürden anbieten können, werden diese ihre Ausbildung zukünftig in den norddeutschen Nachbarländern absolvieren und der Nachwuchsmangel wird in Hamburg noch größer als bisher werden.“ Es sei für ihn „nicht nachvollziehbar, dass der Hamburger Senat sich bei diesem Thema so sperrt und offensichtlich kein Interesse an einer zukunftsfähigen und flächendeckenden Versorgung mit Therapeuten in der Stadt hat“, so Weinberg.

Lange Wartezeiten für Patienten

Das Desinteresse habe sich auch daran gezeigt, dass SPD und Grüne einen Antrag der CDU zur Abschaffung des Schulgeldes Ende September in der Bürgerschaft abgelehnt hätten. Ende November hätten auch die mehr als 200 Unterzeichner eines offenen Briefes der „Therapeuten von morgen – Hamburg“ die Dringlichkeit des Themas deutlich gemacht. Dennoch sei der Gesundheitsausschuss vom 30. November abgesagt worden, statt das drängende Thema dort zu diskutieren.

„Notstand bei Therapeuten, lange Wartezeiten für Patienten, öffentlicher Hilferuf Hunderter Berufsschüler: Die Krise bei den Gesundheitsberufen in Hamburg ist mit Händen zu greifen“, sagte die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete und Gesundheitspolitikerin Birgit Stöver. „SPD und Grüne in Senat und Bürgerschaft können und dürfen sich nicht länger wegducken. Schon jetzt gibt es in Hamburg viel zu wenig Ergo-, Physio- und Sprachtherapeuten. Beim Ausbildungsnachwuchs sieht es noch düsterer aus.“

In Nachbarländern ist Ausbildung kostenlos

Wer sich etwa nach einem Schlaganfall mit aller Kraft zurück ins Leben kämpfe, sei zwingend auf eine qualifizierte Betreuung angewiesen. „Vor allem das teilweise horrende Schulgeld für angehende Therapeuten an privat geführten Gesundheitsfachschulen muss jetzt fallen, auch wenn der Bund eine entsprechende Regelung für 2020 ankündigt“, so Stöver. „Niedersachsen und Schleswig-Holstein gestalten den Übergang landesspezifisch, weil sie die Notwendigkeit erkennen. Hamburg muss schleunigst nachziehen. Andernfalls wird sich die Krise immer weiter zuspitzen.“

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) weist die Kritik der CDU zurück und bleibt bei ihrer Linie. „Die Ausbildungsplätze in den Therapieberufen sind in den letzten acht Jahren in Hamburg um 30 Prozent gestiegen“, sagte Prüfer-Storcks dem Abendblatt. „Um diesen Erfolg zu sichern, brauchen wir eine bundeseinheitliche Regelung für eine vollständig schulgeldfreie Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen. Das Bundesgesundheitsministerium hat dazu den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag und wir machen Druck, dass das schnellstmöglich umgesetzt wird.“

Bis dahin setze sich der Senat in Hamburg dafür ein, „dass an mehr Gesundheitsfachschulen das Schulgeld entfällt, indem sie sich mit Krankenhäusern zusammenschließen“, so die Senatorin. „Aktuell arbeiten wir an einem solchen Zusammenschluss, der die Zahl der schulgeldfreien Ausbildungsplätze in der Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie etwa verdoppelt. Darüber hinaus schließen wir ein befristetes Landesförderprogramm für die Schulen, die nicht an Krankenhäuser angebunden werden können, nicht aus.“

Senatorin setzt auf bundesweite Regelung

Länderinitiativen hätten den Nachteil, dass sie die Zahl der geförderten Ausbildungsplätze, die Fördersummen oder die geförderten Berufsbilder begrenzten, hieß es aus der Gesundheitsbehörde. Der Bund dagegen strebe ein Gesamtkonzept für alle Gesundheitsfachberufe an – also für Diätassistenz, Ergotherapie, Logopädie, Masseure und medizinische Bademeister, Medizinisch-technische Laborassistenz, Medizinisch-technische Radiologieassistenz, Orthoptisten, Pharmazeutisch-technische Assistenz, Physiotherapie und Podologie. Das Bundesgesundheitsministerium führe dazu aktuell in den Ländern Umfragen zu Schulkosten, Personalkosten, Ausbildungsvergütung, Schulgeld oder Förderungen durch. Ziel sei es, „eine valide Kosteneinschätzung für die Schulgeldfreiheit vorzunehmen“.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Familienpolitiker Marcus Weinberg bezeichnete die Ansage der Hamburger Gesundheitssenatorin, zunächst auf den Bund zu warten, als „dramatische Form von Hilflosigkeit“. Durch die Kooperation mit den Krankenhäusern werde nur ein kleiner Teil der Plätze gehalten, so Weinberg. „Der Rest wandert ab. An­dere Bundesländer übernehmen verantwortungsvoll das Schulgeld, Hamburg verweigert sich. Der Senat hat nichts verstanden.“