G-20-Gipfel

Hartmut Dudde: „Erwarte nicht, dass mich alle toll finden“

Nach G20 wurde er heftig kritisiert – und zum Chef der Schutzpolizei befördert: Hartmut Dudde.

Nach G20 wurde er heftig kritisiert – und zum Chef der Schutzpolizei befördert: Hartmut Dudde.

Foto: Juergen Joost

Er ist die Reizfigur der linken Szene. Hamburgs umstrittenster Polizist gab das erste Interview nach seinem größten Einsatz.

Hamburg. Angemessenes Ambiente für einen Befehlshaber: Die Uniformjacke hängt über dem Bürostuhl, draußen vor der Fensterfront joggt ein Trupp Polizisten entlang. „Viel Spaß“, haben sie einem am Eingang des Präsidiums gewünscht und nicht gelächelt. Nach allem, was man gehört hat, wartet hier ein geborener Anführer, einige behaupten eher ein Gesetzesbeuger in Uniform. „Oh Mannomann, was hat mir die Pressestelle da wieder eingebrockt“, ruft Hartmut Dudde da schon durch den Raum. Er lächelt und bietet Kekse am kleinen Konferenztisch an.

Es sind jetzt 17 Monate vergangen. Seit Dudde den Einsatz der Polizei beim G-20-Gipfel geleitet hat, 23.000 Beamte unter seinem Kommando. Zum ersten Mal gibt der umstrittenste Polizist der Stadt nach seinem größten Einsatz ein ausführliches Interview über sein Leben und seine Philosophie. Hartmut Dudde zu treffen sprengt das öffentliche Bild von ihm schnell. Und der Mann, der bundesweit als harter Hund bekannt wurde, hat noch immer große Pläne.

Herr Dudde, Sie sind nach G 20 zum Chef der Schutzpolizei befördert worden – ein Amt, das es vorher nicht gab. Weht jetzt ein anderer Wind?

Hartmut Dudde: Na ja, als Polizei haben wir ja immer die klassischen Ziele: Wir wollen die Bösen ins Gefängnis und die Netten heil über die Straße bringen. Für die Schutzpolizei bekommen wir nun einen größeren Gestaltungsspielraum. Und die Kollegen können das auch gern an mir festmachen, was entschieden wird. Das ist meine Aufgabe. Dafür bin ich da.

Worauf legen Sie den Fokus?

Dudde: Wir reden seit Jahren davon, dass wir mehr Beamte auf die Straße bringen wollen. Präsenz ist das, was der Bürger erwartet. In Estland haben wir uns dazu kürzlich ein Bild von der dortigen komplett digitalisierten Polizei gemacht. Da gibt es etwa die Regel, dass Streifenwagen nicht an die Wache zurückkehren dürfen, bis die Schicht zu Ende ist. Das würde sehr nach mir klingen, hat eine Mitarbeiterin dazu gesagt. Da liegt sie grundsätzlich nicht verkehrt.

Er nimmt sich selbst einen Keks, redet sanft und schnell weiter. Dudde wirke meistens ungeduldig, sagen Kollegen, das liege aber nur daran, dass er meistens eben gedanklich schneller sei als sein Gegenüber. Der Streit um seine Ernennung scheint weit weg. Landab war vom Versagen bei G 20 die Rede. Die Grünen verzögerten seine Beförderung zum Chef der Schutzpolizei, weil der genaue Ablauf der Ereignisse noch nicht aufgearbeitet war.

Die Realität ist eher, dass die Hälfte der Polizeiarbeit Papierkram ist.

Dudde: Wir müssen zusehen, dass wir uns nicht bürokratisch verzetteln. Es kann nicht sein, dass man für die Vorgangsfertigung bei kleineren Einsatzanlässen erst zurück an die Wache fahren muss – etwa bei Ladendiebstählen und leichten Verkehrsunfällen. Das muss anders gehen. Wir haben technisch sehr ausgereifte Streifenwagen und arbeiten jetzt daran, die mobilen Anwendungen wie den Zugriff auf Informationssysteme an Bord zu bekommen. Wir wollen die mobile Polizei.

Was schwebt Ihnen vor?

Dudde: Wir arbeiten daran, bis 2020 eine Ta­blet-Lösung für die Streifenwagen zu bekommen Damit könnten beispielsweise Bilder von vermissten Personen unmittelbar übersandt werden. Aber wir werden zu den technischen Entwicklungen auch die Manpower vor Ort erhöhen. Auch die 100 neuen Mitarbeiter werden uns deutlich helfen. Auf die Straße zu kommen, ist auch das, was die Kollegen wollen. Und das erfordert eine Energieleistung für alle, die daran beteiligt sind.

Ist Ihnen die eigene Behörde zu träge?

Dudde: Manchmal schon. Als Schutzmann ist man ja immer in gewisser Weise bewahrend, aber wir sollten auch innovativ sein. Wie schnell man etwas umsetzen will, hängt natürlich auch davon ab, was man erlebt hat. Es kommt auch ein Stück auf das Engagement eines jeden Einzelnen an.

Januar 1985. Dudde ist 23 Jahre alt. Seine Geschwister werden Akademiker, der Vater ist in der Versicherungsbranche, Dudde wollte als Kind Feuerwehrmann werden, nun brennt er für den Polizeidienst. Er hat sich zuerst in Berlin beworben, aber fiel durch den Test. In Hamburg bestand er. Als junger Bereitschaftspolizist ist er beim Konflikt um die Hafenstraße im Einsatz. Die damals neue Strategie der Polizei: Zurückhaltung, Kooperation. Der Einsatz von Wasserwerfern wird gescheut.

Sie werden seit Jahren für Ihre angeblich zu harte Linie bei Demonstrationen kritisiert. Wie nehmen Sie das wahr?

Dudde: Es ist klar, dass es immer Personen gibt, die sich an einem reiben. Unser Vorgehen spiegelt sich in einem extrem unterschiedlichen Erwartungshorizont wider. Mal empfinden das einige zu lasch, andere wiederum als zu hart. Letztlich sind wir dafür da, Recht und Gesetz durchzusetzen. Deswegen erwarte ich auch nicht, dass alle Leute mich toll finden, manchmal will ich es auch gar nicht.

November 2005: Hartmut Dudde wollte eigentlich nie mehr als einmal Reviereinsatzführer werden, aber sie erkennen sein Talent, in aufgeheizten Situationen die Ruhe zu behalten. Zuerst ist die Drogenproblematik in Hamburg eskaliert, es gab den Brechmitteleinsatz, nun eskaliert der harte Konflikt um den Bauwagenplatz Bambule. Der Schill-Senat will durchgreifen. Die linke Szene mobilisiert bundesweit. Als Mitglied des Einsatzstabes entscheidet Dudde erstmals über die Strategie bei einem Einsatz: Er lässt die Fläche räumen. Es ist wie die Blaupause für weitere Einsätze dieser Art, die in den kommenden Jahren noch folgen werden.

Wie würden Sie selbst Ihre Linie beschreiben?

Dudde: Mein Rechtsdozent hat früher gesagt: Schlagen Sie sich auf die Seite des Rechts, dann sind Sie immer gut beraten. Und das ist im Kern auch die große Leitlinie, wenn man das als Polizist umsetzt. Natürlich prägt auch der Dienst einen. Es ist ungeheuer wichtig, dass man zwar nicht mit einem vorgefertigten Ergebnis im Kopf in den Einsatz geht, aber genau abschätzen kann, was sich entwickeln könnte. Und der Blick ins Gelände ersetzt letztlich die beste Landkarte.

Das Jahr 2009: Er hat Karriere gemacht als führender Einsatzmann, in linken Kreisen ist er eine Hassfigur, sie beschimpfen ihn als Schill-Emporkömmling. Dass er etwa Aufzüge wegen der Länge von Transparenten aufstoppt oder gar auflöst, verstärkt den Ruf noch. Mehrfach stellen Gerichte fest, dass die polizeilichen Maßnahmen in Einzelfällen zu hart waren. Aber Dudde ist inzwischen ein gefragter Mann. Beim Nato-Gipfel 2009 in Straßburg wird die Hamburger Polizei unter Duddes Führung extra angefordert, die zentrale Europa-Brücke gegen randalierende Autonome zu bewachen. Der damalige Innensenator Michael Neumann (SPD) bekennt: "Ich bin ein Dudde-Fan."

Die Kritiker Ihrer Einsätze sagen, Sie interpretierten das Recht auf eine bestimmte Weise.

Dudde: Dass Recht unterschiedlich ausgelegt wird, sieht man ja an konträren Entscheidungen von Gerichten. Schwerwiegende Entscheidungen haben aber ohnehin Folgen, auch für einen selbst. Wenn man im Führungsstab sitzt und entscheidet, hat man ja nicht einen Puls von 70. Manchmal wird einem das Geschehen durch die Eigendynamik vor Ort kurz ein Stück weit aus der Hand genommen. Man kann dann nur darauf vertrauen, dass die Kollegen das gut machen. Leichter wäre es sicherlich, keine Entscheidungen zu treffen. Aber genau das wäre in der Realität das Schlimmste für die Sicherheit von Unbeteiligten. Man braucht eine klare Linie.

6./7. Juli 2017: Erst eskaliert die Demonstration "Welcome to Hell" am Fischmarkt zur Straßenschlacht. Am Abend darauf gehen die Bilder des brennenden Schanzenviertels um die Welt.

Nach G 20 wurde etwa behauptet, Sie hätten die Krawallmacher gezielt in das Schanzenviertel getrieben. Verletzen Sie solche Vorwürfe?

Dudde: Nein, aber ich war erstaunt, auf welche Ideen man kommen kann. Allein die Behauptung, wir würden nur Staatsgäste schützen und die Bürger alleine lassen, ist schon vollkommen abwegig Den Polizeieinheiten gelang es nicht, ins Schanzenviertel vorzurücken, obwohl ich den Befehl dazu gegeben hatte. Dies war sicherlich einer der schwersten Momente in meiner Polizeikarriere. Kein Polizist wird tatenlos zusehen, wenn jemand Straftaten vor seinen Augen begeht. Ein bisschen Legendenbildung ist ja ganz alltäglich, aber das ist etwas zu viel.

8. Juli 2017: Pressekonferenz im Präsidium. Olaf Scholz (SPD) ist von den Eindrücken der Krawallnächte schwer gezeichnet; Journalisten stellen empörte Fragen; Hartmut Dudde erklärt daraufhin in Seelenruhe und lockerem Ton seine Einsatzstrategie.

Waren Sie nach dem Gipfel so aufgeräumt, wie es wirkte?

Dudde: Abgehakt war da natürlich noch gar nichts für mich. Der Einsatz lief ja noch. Das ist etwa wie bei einem Chirurgen, der gerade operiert. Da muss man einfach funktionieren.

Was ist für Sie die Lehre am Ende der Aufarbeitung?

Dudde: Wir hatten eine Fähigkeitslücke, durch die es 90 Minuten dauerte, bis wir auf dem Dach des Hauses im Schanzenviertel waren, weil wir auf das Eintreffen der Spezialkräfte warten mussten. Das wird nicht noch einmal passieren, ganz sicher nicht. Deswegen lassen wir Kollegen der Bereitschaftspolizei für solche Situationen gezielt ausbilden. Es gab aber auch Einsatzsituationen, in denen unser Handeln alternativlos war, auch wenn wir uns im Nachhinein ein anderes Ergebnis gewünscht hätten.

Wie sehen Sie die vielen Vorwürfe gegen Polizisten bei G 20?

Dudde: Die Vorwürfe werden akribisch aufgearbeitet. Einige scheinen allerdings vergessen zu haben: Das Gewaltmonopol liegt allein beim Staat und wird durch die Polizei ausgeübt. Es geht dann in erster Linie um Fragen der Verhältnismäßigkeit.

Auf Videos sind Vorfälle zu sehen, die sehr unverhältnismäßig wirken.

Dudde: Natürlich ist manchmal der erste Impuls zu denken: Das Einschreiten war hier unverhältnismäßig. Tatsächlich dulden wir mögliches Fehlverhalten von Kollegen nicht. Um das Verhalten sicher beurteilen zu können, braucht man die ganze Vorgeschichte. Daraus ergibt sich dann häufig ein anderes Bild. Das wird in der Aufarbeitung dieser Vorwürfe sehr genau überprüft.

Haben also Linke aus Ihrer Sicht nicht begriffen, wo das Gewaltmonopol liegt?

Dudde: Da unterscheiden sich die Ansichten zumindest ganz gewaltig, beispielsweise beim Einsatz von Pfefferspray. Das muss einem ja nicht gefallen, aber bevor ich andere Formen unmittelbaren Zwangs einsetzen muss, ist das nun einmal ein milderes Mittel.

Hat Sie die G-20-Erfahrung verändert?

Dudde: Ich habe jetzt ein Stück Lebenserfahrung mehr. Der Gipfel hat uns als Polizei sehr eng zusammengebracht. Und es war schön festzustellen, dass veröffentlichte Meinung und erlebte Meinung durch die Bürger weit auseinandergehen. Es ist toll, mit welchem Respekt und welcher Dankbarkeit uns bis heute begegnet wird, übrigens im gesamten Bundesgebiet.

Werden Sie im privaten Kreis öfter auf Ihren Ruf angesprochen?

Dudde: Nein, da sind auch zum Glück gar keine Polizisten. Ich wohne ja im Umland, meinen Nachbarn ist es eher egal, was in Hamburg passiert. Alle sagen, dass ich normalerweise eher ein lustiger Mensch bin. Ich habe privat auch keine große Lust, vom Dienst zu erzählen.

Haben Sie ein bestimmtes Ziel?

Dudde: Polizei ist ein Erfahrungsberuf. Wir machen erst einmal Handwerk. Ich schaffe die Rahmenbedingungen dafür, dass alles optimal läuft. Ich kann sagen, dass ich meinen Beruf immer noch genial finde. Und dass man jetzt bestimmte Dinge weitergibt. Die neue Generation von Kollegen ist wirklich multifunktional und die technische Entwicklung rasant, etwa bei der Nutzung von Drohnen. Vielleicht erlebe ich noch, dass wir das konsequent weiter ausschöpfen. Der Bürger erwartet, dass wir diese Möglichkeiten nutzen.

Trotz sinkender Deliktzahlen ist die gefühlte Sicherheit in Hamburg nicht besonders hoch.

Dudde: Das bekommen wir leider nicht vollständig gelöst. Meine Nachbarn im Landkreis denken auch, sie wohnen im Zen­trum des Verbrechens. Ich sage dann: Hier gibt es nicht mal Graffiti. Da bildet sich die Realität nicht ab. Wir wissen aber, dass Menschen sich sicherer fühlen, wenn sie die Polizei in der Nähe sehen. Deshalb ist Präsenz so entscheidend. Und wo wir stehen, passiert erst einmal nichts.

In bestimmten Bereichen, etwa an der Balduintreppe, kämpfen Sie mit Ihren Kollegen aber an denselben Brennpunkten wie zu Beginn Ihrer Karriere.

Dudde: Polizei ist auch ein bisschen eine Ameisentätigkeit. Du fängst immer wieder neu an, weil man auch bestimmten gesellschaftlichen Problemen nicht alleine begegnen kann. Damit muss man umgehen und es den jungen Kollegen beibringen. Wir wollen die Welt retten, werden es aber nicht immer können. Man braucht auch Gelassenheit.

Dass Sie bestimmte Zustände dulden, können wir uns kaum vorstellen.

Dudde: Über die lange Zeit gibt es auch immer kleine Fortschritte. An der Hafenstraße waren wir früher schon ständig präsent, vielleicht nicht mit letzter Konsequenz. Heute setzen wir uns durch und kontrollieren die Dealer, auch wenn wir noch völlig unberechtigt von einigen beschimpft werden. Und wir bleiben dran, ganz sicher.