Hamburg

Architektur-Jahrbuch tadelt Luxushotel The Fontenay

Das Hotel "The Fontenay" an der Außenalster wurde im März eröffnet.

Das Hotel "The Fontenay" an der Außenalster wurde im März eröffnet.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Lob für Gestaltung des Hotels von Klaus-Michael Kühne, aber Kritik an der Inneneinrichtung. 30. Ausgabe des Standardwerks erscheint.

Hamburg.  Was das „Kicker“-Sonderheft für Fußball-Fans ist, ist das Architektur-Jahrbuch aus dem Junius-Verlag für Freunde der Architektur und alle Hamburg-Interessierte. Heute erscheint die Ausgabe 2018/2019 – und damit schon die 30. Nummer dieses hochwertigen wie mannigfaltigen Buches.

Auf den Titel hat es der Um- und Neubau der Hochschule für bildende Kunst geschafft, besprochen werden so unterschiedliche Werke wie die Erweiterung der katholischen Schule in Billstedt oder das Luxushotel The Fontenay, die veränderte Ortsmitte in Finkenwerder oder das neue Finkenau-Quartier. Aktuelle Debatten etwa über das vom Abriss bedrohte Deutschlandhaus, die Nachverdichtung in Hamburg oder die Köhlbrandbrücke finden ebenso ihren Weg ins Buch.

Idee zum Jahrbuch entstand vor 30 Jahren

Die Idee zu einem Jahrbuch entstand vor mehr als 30 Jahren bei einer Reise der Architektenkammer nach Barcelona: „Dort gab es eine wunderbare Zeitschrift“, sagt Ullrich Schwarz, einer der Erfinder und bis heute Mitherausgeber des Jahrbuches. Aus Kostengründen entschied man sich in Hamburg für ein regionalisiertes Jahrbuch und zog mit dem Fotografen Klaus Frahm und dem Architekten und Journalisten Dirk Meyhöfer Männer mit Zeitschriftenerfahrung hinzu. Von Anfang an wagte sich der Hamburger Junius-Verlag mit an Bord – auch die Architektenkammer ging finanziell ins Risiko. „Wir wollten kein Buch für das Fachpublikum, sondern für die interessierte Öffentlichkeit“, sagt Schwarz.

Damit einher ging ein klarer journalistischer Anspruch an Autoren und Fotografen – und eine eindeutige Absage an Werbebroschüre oder Verbandsjournal. Die Auswahl der Texte trifft bis heute nicht die Kammer, sondern eine unabhängige Jury. Dieses Konzept macht den Erfolg aus. Andere Städte wie Berlin versuchten sich an einer Kopie des Hamburger Vorbilds, sie alle scheiterten. „Der Hauptgrund dafür ist, dass die Kammer uns die journalistische Freiheit lässt, sonst gibt es Proporz statt Qualität“, sagt Schwarz.

Bürgermeister Voscherau drohte mit einstweiliger Verfügung

Eine Ausgabe wurde gar zum Politikum: Nachdem der renommierte Kritiker Manfred Sack im Jahrbuch 1995 die geplanten Flügelbauten der Universität zerpflückte, erschien der damalige Uni-Präsident Lüthje zur Präsentation des Buches „und führte einen wahren Veitstanz auf“, erinnert sich Ullrich Schwarz. Bürgermeister Henning Voscherau drohte damals sogar eine einstweilige Verfügung an, um das Jahrbuch zu stoppen: Lüthje und Voscherau fürchteten um die Spende der Mäzene Hannelore und Helmut Greve. Die Flügelbauten kamen dann doch – allerdings in veränderter Form – und die Architektenkammer trotzte dem Druck und ließ die Journalisten einfach weiter arbeiten.

Auch das aktuelle Werk eckt an. Über das neue Luxushotel von Klaus- Michael Kühne heißt es bei allem Lob: „Die Auswahl des Mobiliars geht in erster Linie auf die Gattin des Bauherrn zurück. Darauf muss man nicht neidisch sein. Die Räume wirken eingerichtet, als sei man bei der reichen Stuttgarter Verwandtschaft zu Besuch.“

Der Umbau des Alten Hafenamtes wird zwar gelobt, aber „leider hat die historische Perle zwischen all dem Neuen nicht mehr die Kraft, den Ort zu prägen“. Und über das voll vernetzte Apartimentum in Rothenbaum, das Xing-Gründer Lars Hinrichs errichten ließ, heißt es: „Auch im digitalen Zeitalter wird es noch normale Häuser geben. Vielleich sollte man aber analoge Türschlösser anbringen. Sie würden zumindest das Sicherheitsgefühl der Bewohner erhöhen.“

Eine kleine Statistik zum Nachdenken

Neben den Bauten des Jahres, die durchaus kritisch hinterfragt werden, beleuchtet das „Hamburger Feuilleton“ Fragen der Stadtentwicklung. Dabei geht es nicht nur um die Wiederbesiedelung heruntergekommener Ausfallstraßen zu lebenswerten Magistralen, sondern auch um die Wiederentdeckung von Hammerbrook. Gert Kähler überrascht mit einer „kleinen Statistik zum Nachdenken“. So hat die Hansestadt heute so viele Einwohner wie in der 60er-Jahren – die Zahl der Wohnungen aber liegt 50 Prozent höher.

„Und weil Stadt mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile, werden auch historische Themen diskutiert“, sagt Schwarz. Sven Bardua erinnert an den Streit um den Bau der Köhlbrandbrücke, der schon damals in der Frage gipfelte, ob ein Tunnel nicht besser sei.

Auch ein Interview mit dem neuen Bürgermeister gibt es in der aktuellen Ausgabe – „zwei Monate haben wir darauf gewartet“, sagt Schwarz. Darin betont Peter Tschentscher: „Hamburg war in den 80er-Jahren nach den Einwohnerzahlen kleiner, aber nicht attraktiver als heute.“ Der Bürgermeister sieht ein Potenzial von weiteren 100.000 Wohnungen.

„Nach 30 Jahren hat sich das Buch etabliert“, sagt Ullrich Schwarz. Tatsächlich sind manche Jahrbücher längst vergriffen und erzielen im Antiquariat dreistellige Preise.