Sexueller Missbrauch

Erzbischof Heße: „Sexualität wird im Klerus totgeschwiegen“

Erzbischof Stefan Heße: „Wir müssen die Aufarbeitung noch leisten.“

Erzbischof Stefan Heße: „Wir müssen die Aufarbeitung noch leisten.“

Foto: Klaus Bodig

Diskussion mit Stefan Heße in der Katholischen Akademie zum Missbrauch-Skandal.  Betroffene fordern Namen der Täter.

Hamburg. Im Auditorium der Katholischen Akademie am Herrengraben wurde am Mittwochabend erneut das ganze Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche deutlich: Mindestens 1670 katholische Kleriker haben in der Zeit von 1946 bis 2014 bundesweit 3677 Minderjährige missbraucht. Der forensische Psychiater Professor Harald Dreßing, Koordinator der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker“, rief diese Zahlen noch einmal ins Gedächtnis, die eine intensive Auswertung von 38.156 Personalakten ergeben hatte. Selbst im Beichtstuhl habe sexueller Missbrauch stattgefunden, beklagte er und betonte: „Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und der Umgang der Verantwortlichen haben mich erheblich erschüttert.“

Die Katholische Akademie wollte mit der Veranstaltung „Die katholische Kirche und der Missbrauch“ die Ursachen und die „systemischen Rahmenbedingungen“ ergründen. Und es war abermals Professor Dreßing, der nach 80 Minuten Podiumsgespräch bemerkte, dass er in ganzen Zeit das Wort Zölibat offenbar bewusst vermieden wurde. Doch dabei sei der Zölibat ein „systemisches Risiko“ für sexuellen Missbrauch. Missbrauch sei nicht das Fehlverhalten Einzelner, sondern im System begründet. Vor allem: „Das Risiko sexuellen Missbrauchs besteht weiter.“

Sechsjährige Thearpiearbeit nach Missbrauch

Martin Schmitz aus Münster wurde in den frühen 1970er-Jahren von einem Priester missbraucht. Schwer traumatisiert sei es ihm durch sechsjährige Therapiearbeit gelungen, offen darüber zu sprechen und sich mit Nachdruck für die schonungslose Aufarbeitung des Skandals einzusetzen. Täter und Vertuscher müssten endlich benannt werden, forderte er auf der Veranstaltung.

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße sprach sich dafür auf, Betroffene in die Aufarbeitung „einzubeziehen“, zu einem Priestertag einzuladen und gestand: „Wir müssen die Aufarbeitung noch leisten.“ Der Erzbischof kritisierte, dass im katholischen Klerus das Thema Sexualität „totgeschwiegen“ werde. Dabei sollte bereits in den Priesterseminaren über Sexualität gesprochen werden. Außerdem plädierte der Geistliche dafür, das Thema Homosexualität theologisch „neu anzuschauen“ und in der Kirche auf die Tagesordnung zu setzen. Wie der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Professor Thomas Sternberg, beklagte, sei Homosexualität noch immer ein Hindernis für die Priesterweihe. Dass die katholische Kirche endlich mit der gründlichen Aufarbeitung beginnen müsse, forderte die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs, Professor Sabine Andresen. „Die Gesellschaft hat ein Recht dazu.“ Schließlich seien sehr viele Kinder in katholischen Einrichtungen untergebracht.

Kardinal Marx - Wir stellen uns dem Ernst der Stunde
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