Studie

33 Priester sollen im Norden 103 Kinder missbraucht haben

Ansgar Thim, der Generalvikar des Erzbistums Hamburg, am Dienstag in St. Georg

Ansgar Thim, der Generalvikar des Erzbistums Hamburg, am Dienstag in St. Georg

Foto: Markus Scholz / dpa

Erzbistum Hamburg hat Fälle von 1946 bis 2015 recherchiert. Erzbischof Heße: „Dunkles Kapitel unserer jüngeren Kirchengeschichte“.

Hamburg.  Ansgar Thim hatte ein schriftliche Erklärung vorbereitet. Doch bevor er die verlas, erlaubte sich der Generalvikar des Erzbistums Hamburg einige persönliche Worte. Seit 2010 arbeite er an der Aufklärung der Missbrauchsfälle in der Kirche. „Das hat mich geprägt und verändert“, so Thim am Dienstag in St. Georg. Und das, was dabei ans Tageslicht gekommen ist und was in die kurz zuvor in Fulda vorgestellte bundesweite Studie über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche eingeflossen ist, sei „erschütternd und enttäuschend“.

Im Bereich des heutigen Erzbistums Hamburg, das 1995 gegründet wurde und außer der Hansestadt Schleswig-Holstein und Mecklenburg umfasst, wurden 33 Priester ermittelt, die sich in den Jahren 1946 bis 2015 an insgesamt 103 Kindern und Jugendlichen vergangen haben sollen. Etwa 70 Prozent der Opfer seien männlich, die meisten zur Tatzeit etwa zwölf bis 13 Jahre alt gewesen, sagte Martin Colberg, Archivar des Erzbistums, der 660 Personalakten von Geistlichen ausgewertet hat.

Mit Studie ist Aufklärung nicht abgeschlossen

„Die Beschuldigungen reichen von unangemessenen Umarmungen bis zu schwerer psychischer, physischer und sexueller Gewalt“, so Thim. Auffallend sei, dass nicht nur unverhältnismäßig viele (16 von 33), sondern auch die schwersten Missbrauchsfälle hauptsächlich im heutigen Bistumsteil Mecklenburg erfolgt seien. Besonders schwere Verbrechen werden einem Priester in Neubrandenburg vorgeworfen. Erzbischof Stefan Heße habe dazu „eine vertiefte Aufarbeitung“ angefordert.

Ohnehin betonten alle Vertreter des Erzbistums, dass mit der Studie die Aufklärung keinesfalls abgeschlossen sei. Denn da man nur aufgrund von Hinweisen von Betroffenen oder aber anhand von Verdachtsmomenten in den Akten – etwa eine überraschende Versetzung eines Priesters – ermitteln konnte, werde es sicher „eine große Dunkelziffer geben“, räumte Generalvikar Thim ein. Colberg rief Betroffene daher auf, sich weiterhin zu melden.

Für Erzbischof Stefan Heße, der nicht in Hamburg, sondern bei der Vorstellung in Fulda zugegen war, ist die Studie „ein wichtiger Schritt in der Aufarbeitung eines sehr dunklen Kapitels unserer jüngeren Kirchengeschichte“. Sie zeige „unser Bemühen, die Betroffenen ernst zu nehmen und ihnen mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“. Heße kündigte an, dass man sich die Bereiche Personalarbeit, Prävention und Aufarbeitung der Vergangenheit anschauen werde: „Wir werden über die Fragen von Autorität, Machtgebrauch und Hierarchie reden müssen.“ Thim sagte, er könne sich nicht vorstellen, dass die Kirche bei der Aufarbeitung des Skandals das Thema Zölibat ausspare.

Keuschheit gilt als ein Grund für Missbrauch

Er persönlich könne sich beides vorstellen: Priester mit und ohne Zölibat. Die von katholischen Geistlichen geforderte Ehelosigkeit und Keuschheit gilt als ein Grund für die Missbrauchsfälle. Wie Colberg sagte, seien die Täter oft Einzelgänger oder Sonderlinge, hätten aber dennoch oft die Nähe zur Kirchenleitung gesucht.

Wie Thim betonte, sind alle 33 beschuldigten Priester nicht mehr im Amt. Viele seien bereits verstorben, zwei seien strafrechtlich verurteilt und in den Ruhestand versetzt worden, zwei weitere seien im Ruhestand und hätten sich kirchenrechtlichen Verfahren stellen müssen.

Auch von den 103 Opfern seien einige bereits verstorben. 51 Betroffene hätten beim Erzbistum „Leistungen in Anerkennung des Leids“ beantragt, an 50 von ihnen seien insgesamt 256.000 Euro ausgezahlt worden – also rund 5000 Euro pro Person.