Bernstorffstraße 117

"Wir wollen der Hofgemeinschaft die Hand reichen"

Solidarität für „Viva la Bernie“: Viele Unterstützer kamen am 28. September zu einem Konzert.

Solidarität für „Viva la Bernie“: Viele Unterstützer kamen am 28. September zu einem Konzert.

Foto: picture alliance/dpa

Seit Monaten tobt der Konflikt um das Künstler- und Handwerker-Quartier. Jetzt machen die Eigentümer den Mietern ein Angebot.

Hamburg.  Es ist ein Streit, der längst über Hamburg hinaus für Schlagzeilen sorgt. Mit ihrer Aktion „Viva la Bernie“, auch unterstützt von der Hip-Hop-Band Fettes Brot, dem Schriftsteller Heinz Strunk und dem FC St. Pauli, kämpfen Künstler und Handwerker um ihren Hof an der Bernstorffstraße 117, den zwei Berliner gekauft haben. Im Abendblatt sprechen erstmals ausführlich die neuen Eigentümer.

Herr Reschke, die Hofgemeinschaft Bernstorffstraße 117 hat Ihnen ein Kaufangebot von sieben Millionen Euro gemacht, laut Gemeinschaft liegt dieses Angebot eine Million Euro über dem Kaufpreis, den Sie 2017 an den damaligen Eigentümer gezahlt haben. Warum lassen Sie sich ein solches Geschäft entgehen?

Christoph Reschke: Meinen Geschäftspartner Alexander Möll und mich hat beeindruckt, wie sich der Hof hier engagiert hat und wie viele Unterstützer die Mieter mobilisiert haben. Es zeigt uns einmal mehr, um welches Kleinod es sich hier handelt. Dennoch möchten wir das Grundstück nicht verkaufen. Zum einen sind der geschätzte Gesamtkaufpreis und damit die aufgemachte Rechnung nicht korrekt, der kolportierte Gewinn wäre keineswegs so hoch. Zum anderen halten wir den Zeitpunkt für einen Verkauf des Hofs auch angesichts dieser unsachlichen Spekulationen für ungeeignet. Wir haben der Gemeinschaft aber immer signalisiert, dass wir ein gutes Mietverhältnis anstreben.

Na ja, Sie haben sofort einem Mieter gekündigt. Vertrauen geht anders.

Reschke: Das ist so nicht richtig. Ein Mietvertrag lief bald nach dem Kauf aus, deswegen haben wir angeboten, über neue Konditionen zu verhandeln. Dies zog sich über Monate hin, bedingt auch durch einen Urlaub des Mieters und unsere internen Abstimmungen. Irgendwann war der alte Vertrag nicht mehr gültig, unsere Juristen haben dann angekündigt, dass wir uns die Kündigung vorbehalten, falls wir uns nicht auf einen neuen Vertrag einigen würden. Diese Formulierung war sachlich richtig, gehört aber zu den Dingen, die für Verunsicherung gesorgt haben. Das bedauern wir rückblickend.

Haben Sie den Mieter nun rausgeworfen oder nicht?

Reschke: Wir haben das Mietverhältnis einvernehmlich verlängert. Und sogar die Mieterberatung hat uns gegenüber gewürdigt, dass wir bei der Miethöhe nicht alles ausgeschöpft haben, was möglich gewesen wäre. Sie können uns glauben: Wären wir die gefräßigen Miethaie, als die wir schon diffamiert wurden, wären wir längst an Unterfütterung gestorben.

Dennoch fühlt sich die Gemeinschaft, die mehr als 30 Jahre hervorragend funktioniert hat, nun bedroht.

Reschke: Mein Partner und ich können uns die Sorgen erklären. Wir beobachten Investoren, die die Not von nicht so zahlungskräftigen Mietern ausnutzen und damit gewachsene Strukturen in den Städten zerstören. Aber wir gehören nicht dazu. Für uns gilt: Eigentum verpflichtet.

Aber auch Sie werden nicht Millionen investiert haben, um dann als Samariter zu wirken. Auch Sie sind von wirtschaftlichen Interessen getrieben. Und deshalb planen Sie zumindest langfristig den Bau von hochpreisigen Eigentumswohnungen.

Reschke: Auch das zählt zu den haltlosen Unterstellungen. Wir werden als Geldgeier dargestellt, die alles plattmachen wollen. Die Feindseligkeit, die uns mitunter entgegenschlägt, führt im Übrigen dazu, dass wir uns als private Eigentümer für dieses Interview nicht fotografieren lassen möchten. Zu dem Vorwurf ist zu sagen, dass wir aufgrund der städtebau­lichen Erhaltungsverordnung weder nachverdichten noch Gewerbeflächen abreißen und dort Wohnungen bauen dürften. Selbst den Parkplatz im Hof dürften wir nur bebauen, wenn Mieter und Bezirk einverstanden sind. Übrigens schließt auch die Hofgemeinschaft für den Fall eines Ankaufs die Erweiterung der Flächen nicht aus.

Es ist also falsch, dass Sie das Gelände nur gekauft haben, um die Gebäude irgendwann abzureißen und das Grundstück komplett mit Wohnungen zu bebauen?

Reschke: Das wäre rechtlich gar nicht möglich und war auch nie unser Plan. Frei werdende Flächen hätten wir gern modernisiert und neu vermietet, dazu den Parkplatz in Abstimmung mit den Mietern bebaut. Wir wollen niemanden vertreiben, sondern den Hof als Gemeinschaft erhalten.

Wie soll das gehen?

Reschke: Wir legen dem Hof jetzt einen Mietvertrag vor, der die Wünsche nach echter Langfristigkeit und nur moderaten Erhöhungen erfüllt. Unser Angebot ist weitaus besser als die marktüblichen Konditionen. Im Schnitt würden wir die Miete über drei Jahre gestreckt auf 7,47 Euro den Quadratmeter erhöhen. Den Mietern offerieren wir als Gemeinschaft eine Gesamtmiete, die nach unserer Idee auf die Nutzer nach deren wirtschaftlichen Verhältnissen und der Qualität der Flächen aufgesplittert werden könnte.

Bis jetzt haben wir dem Hof und Mietern einen Mietvertrag bis 15 Jahre angeboten. Bei Gewerbeimmobilien gelten schon Zehnjahresverträge als langfristig. Dies war dem Hof aber nicht langfristig genug. Nun haben wir uns entschlossen, mit einem großen Schritt auf den Hof zuzugehen. Wir gehen jetzt weit über 15 Jahre hinaus und sind bereit, einen Vertrag über 25 Jahre abzuschließen. Nach der moderaten Erhöhung zu Beginn bliebe die Miete die ersten zehn Jahre konstant, erst dann würden wir über einen Inflationsausgleich reden.

Dennoch wird es für alle Mieter teurer.

Reschke: Zur Wahrheit gehört aber auch, dass auch das Finanzierungskonzept des Vereins ohne Mieterhöhung nicht auskommt. „Viva la Bernie“ hat einstimmig beschlossen, einen Mietpreis von bis zu maximal 9 Euro zu akzeptieren. Wir bleiben deutlich darunter.

Dennoch werden manche eine Mieterhöhung nicht stemmen können.

Reschke: Deshalb schlagen wir der Gemeinschaft zur Umlage der Gesamtmiete ein solidarisches Modell vor. Kurzum: Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, subventioniert mit einem Soli die finanziell schwächer gestellten Mieter. Das ist aber nur eine Anregung. Wir streben einen einheitlichen Vertrag für die gesamte Gemeinschaft an. Bedingung wäre, dass die Einzelmietverträge aufgelöst werden. Falls dies nicht gelingt, können wir uns auch vorstellen, jeden einzelnen Mietvertrag neu zu verhandeln. Festlegen würden wir auch, wie die Sanierung laufen soll. An manche Gebäude müssen wir aufgrund des langjährigen Reparaturstaus dringend ran.

Und was passiert, wenn Sie den Hof doch wieder verkaufen möchten?

Reschke: Es gilt der Grundsatz „Kauf bricht Miete nicht“, auch der neue Eigentümer müsste den langfristigen Vertrag akzeptieren. Wir sind zudem bereit, dem Hof eine Vorkaufsoption einzuräumen. Den Wert der Immobilie würde dann ein unabhängiger Gutachter ermitteln. Wir wollen der Hofgemeinschaft damit die Hand reichen. Wir wollen keine weitere Eskalation, sondern sozialen Frieden und unterstreichen dies mit unserem Angebot.