Hamburg

Medikamenten-Cocktails: Wie Patienten sich selbst gefährden

Jeder Fünfte nimmt regelmäßig mehr als fünf Arzneimittel ein, zeigt eine neue Studie der Barmer.

Jeder Fünfte nimmt regelmäßig mehr als fünf Arzneimittel ein, zeigt eine neue Studie der Barmer.

Foto: imago/PhotoAlto

Jeder Fünfte nimmt regelmäßig mehr als fünf Arzneimittel ein, zeigt eine neue Studie der Barmer.

Hamburg.  „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Jeder kennt diesen Satz aus der Werbung für Arzneimittel. Wie groß die Gefahr wirklich ist, zeigt eine Studie der Barmer, deren Ergebnisse für Hamburg dem Abendblatt exklusiv vorliegen. Danach nimmt jeder fünfte Hamburger regelmäßig mehr als fünf Medikamente ein, in der Regel verordnet von mehreren Ärzten.

„Die Verordnng einer größeren Zahl von Medikamenten erhöht das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen“, sagt Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der Barmer in Hamburg. In Deutschland müssen jedes Jahr laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte rund 500.000 Patienten aufgrund eines Medikationsfehlers ins Krankenhaus.

Dringend vor Risiken warnen

Die Gefahr von gefährlichen Wechselwirkungen trifft etwa für mehrere Schmerzmittel zu, die in Kombination mit bestimmten Blutdruck-Tabletten zum Nierenversagen führen können.

„Uns geht es dabei nicht um Schuldzuweisungen in Richtung Ärzte“, sagt Liedtke: „Wir müssen gemeinsam die Patienten vor Risiken der Arzneimitteltherapie schützen.“

Kommentar: Desaster mit tödlichen Folgen

Zwar hat jeder Patient Anspruch auf einen Medikationsplan, doch dieses System zeigt große Lücken. „In Deutschland hat der Patient die Hoheit über seine Daten. Er entscheidet allein, ob er einen solchen Plan haben will oder eben nicht. Darauf hat der Arzt keinen Einfluss“, sagt der Hamburger Mediziner Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Hohes Risiko für alte Menschen

Ältere Menschen haben ein besonders hohes Risiko – jeder zweite Rentner nimmt fünf oder mehr Medikamente ein. Zudem gibt es Arzneimittel, die als potenziell ungeeignet für Patienten ab 65 Jahren gelten – der Schaden könnte größer sein als der Nutzen. 83 Wirkstoffe stehen auf einer entsprechenden Liste. Nach der Studie erhält in Hamburg dennoch fast jeder vierte Versicherte der Barmer (24,1 Prozent) ein solches Medikament.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert seit Jahren eine elek­tronische Patientenakte: „Dies würde das Risiko massiv senken“, sagt Hofmeister.

Das Risiko mit den rezeptfreien Medikamenten

Die Diskussion um die Möglichkeit, Patientendaten elektronisch auf Versichertenkarten zu speichern, währt seit 2001 – Auslöser war der Skandal um das Medikament Lipobay, das in Kombination mit anderen Arzneimitteln für Todesfälle verantwortlich gemacht wurde. Damals suchte die Branche nach einem Weg, die Namen verordneter Medikamente auf Versichertenkarten zu speichern, um vor Wechselwirkungen zu warnen. Seitdem gab es zahlreiche Anläufe, die an technischen Problemen oder an Bedenken von Datenschützern scheiterten. Auf Druck von Gesundheitsminister Jens Spahn haben sich Ärzte und Kassen nun auf ein System geeinigt, das spätestens 2021 starten soll.

Mit Unterstützung der Bundesregierung hat die Barmer zudem das Programm namens AdAM (Anwendung für digital unterstütztes Arzneimitteltherapie-Management) entwickelt, das Medizinern eine bessere Übersicht über die verordneten Medikamente liefern soll.

Rezeptfreie Medikamente haben oft Nebenwirkungen

Doch selbst das beste System wird ein Problem nicht lösen: Viele Patienten kaufen sich rezeptfreie Arzneimittel selbst, diese tauchen also in keiner Rezept-Datenbank auf. „Aber auch diese Medikamente haben mitunter große Nebenwirkungen. Aspirin etwas greift die Magenschleimhaut an und verdünnt das Blut. Das muss ein Arzt, der dann andere Medikamente verschreibt, unbedingt wissen“, sagt Stephan Hofmeister, stellvertretender Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Und die Apotheker? Sie wissen schließlich als Experten genau, welche Medikamente in Kombination riskant sind. Doch Hamburgs Barmer-Chef Frank Liedtke warnt vor zu großen Erwartungen: „Unsere Auswertungen zeigen, dass mehr als ein Viertel aller Hamburger, die gleichzeitig fünf oder mehr verschiedene Medikamente einnehmen, die Rezepte in vier oder mehr Apotheken einlösen. Dadurch wird es nicht einfacher, unerwünschte Wechselwirkungen zu erkennen.“

Immer mehr Ausgaben für Arzneimittel

Die Barmer-Studie offenbart auch gefährliche Verordnungen für Risikogruppen. Ein Beispiel ist Methotrexat, ein Arzneistoff für die Krebs- und Rheumatherapie, das durch seine Nebenwirkungen nur Patienten mit gesunden Nieren verordnet werden sollte. Dennoch erhielten in Hamburg 20 Patienten mit stark eingeschränkter Nierenfunktion dieses Mittel.

Erhebliche Nebenwirkungen haben auch Mittel, die den Harnsäurespiegel bei Gichtanfällen senken. 2205 Barmer-Versicherte sind mit Gicht­erkrankungen in Hamburg erfasst. Dennoch erhielten mehr als 4200 Versicherte entsprechende Medikamente.

Bundesweit gab die Barmer im vergangenen Jahr 4,83 Milliarden Euro für Arzneimittel aus, damit stiegen die Ausgaben seit 2010 um 24,6 Prozent. Auffällig ist, dass sich die Ausgaben auf immer weniger Patienten konzentrieren. 40 Prozent der Kosten entstanden für ein Prozent der Versicherten. Verursacht wird dieser Trend durch neue hochpreisige Arzneimittel. Die Kosten pro Jahr und Patient liegen häufig über 100.000 Euro.