Medien

So arbeitet das Abendblatt heute in Print und Online

Der Produktionsraum ("Newsroom") beim Hamburger Abendblatt

Der Produktionsraum ("Newsroom") beim Hamburger Abendblatt

Foto: Klaus Bodig

Wie funktioniert das Zeitungmachen in Zeiten von Google und Twitter? Der stellvertretende Online-Chef gibt verblüffende Einblicke.

Was ist eine Black Box? Da stellen wir uns mal ganz dumm: Eine Black Box hat vorne einen Eingang und hinten einen Ausgang. Was drinnen mit dem passiert, was reingeht, das wissen wir nicht. Was rauskommt, sehen wir ja. So stellt man sich eine Redaktion vor. Informationen kommen irgendwie hinein, werden unter Zuhilfenahme geheim gehaltener Instrumente und noch geheimerer Absprachen verarbeitet. Und am Ende hält man das Hamburger Abendblatt in Händen, man blättert oder kann scrollen und swipen am Computer, Tablet und Handy.

Jeden Tag ein kleines Wunder? Dank der Aktualisierung bei abendblatt.de sogar jede Minute?

Die Mann-beißt-Hund-Formel

Fast richtig. In den vergangenen 70 Jahren hat es Medien-Revolutionen wie die von der Schreibmaschine über die Computerisierung bis zur totalen Digitalisierung gegeben und neue Nutzungsformen für Leserinnen und Leser. Was eine Nachricht ist, richtet sich jedoch auch heute nach der Mann-beißt-Hund-Formel von anno Kisch. Hund beißt Mann – keine Nachricht. Aber Mann beißt Hund – ein Aufreger.

Das fängt heute in der Abendblatt-Redaktion morgens um sechs Uhr an. Zwei Mitarbeiter aktualisieren abendblatt.de, sprechen sich mit der Berliner Redaktion zu überregionalen Themen ab, scannen die Agenturen, was nachts an Meldungen reinkam. Sie sichten Fotos, E-Mails von noch früher aufgestandenen Reportern und Lesern, schauen bei Twitter rein, ob sie nackte Informationen bei Polizei und Feuerwehr gegenchecken müssen, haben ein Auge auf Bahnverkehr und Staus.

Sie schreiben erste Meldungen, laden Fotos hoch. Diese Texte und Bilder wiederum, mitunter auch neue Videos, gehen online, zu Twitter und Facebook, wo das Abendblatt eine wachsende Leserschaft hat. Ja, frühmorgens wird viel gelesen!

S-Bahn fällt aus – Tausende starren auf Smartphones

Weitere Redakteure kommen im Laufe des Vormittags hinzu. Der Nachrichtenstrom schwillt an. Was zuerst? Was muss länger nachgeprüft werden? Die S-Bahn auf der Linie 3 fällt wieder zwischen Harburg und dem Hauptbahnhof aus? Nach einer Bestätigung und einer ersten Folgenabschätzung sollte das sofort online gehen. Es betrifft Tausende Pendler, die im Berufsverkehr auf ihre Smartphones schauen.

Ein Redakteur findet vielleicht im Haushaltsplan des Senates einen Passus, dass beim Bauen mit Gras begrünte Dächer jetzt aus einem Sondertopf gefördert werden? Betrifft auch Tausende, muss aber warten.

Für die Dächer braucht eine Redaktion Details, Hintergründe, Einschätzungen, möglicherweise eine kommentierende Einordnung des landespolitischen Redakteurs. Heißt: Das muss nicht sofort als Meldung online stehen. Kann es aber in einer Kurzfassung, wenn die Quellen sicher sind. Die Dächer werden vielleicht Thema in einer der Konferenzen, die bis zum Mittag die Arbeit für einige Blattmacher der Printausgabe und Homepage-Verantwortlichen unterbrechen.

Wenn der Aufmacher in sich zusammenfällt

Die Abendblatt-Redaktion bemüht sich um agiles Arbeiten. So kann es passieren, dass das, was gerade in vormittäglichen Konferenzen als Printaufmacher, Leitartikel und Lokal- oder Kultur und Wirtschaftsthema besprochen wurde, sich zum Beispiel durch eine kleine Onlinemeldung pulverisiert.

Die Unterbrechung der S-Bahn zwischen Harburg und Hauptbahnhof ist am Erscheinungstag der kommenden Printausgabe vergessen. Nicht jedoch, wenn bei fortlaufender Recherche herauskommt, dass womöglich die Schienen marode sind, weil Hamburg und die Bahn sich über die Kosten der Instandhaltung nicht einigen konnten. Oder weil es wieder nicht genügend Lokführer gibt oder erneut Menschen auf den Gleisen unterwegs waren. Dann wird aus der Sperrung ein generelles Thema. Das „Warum“ führt in den tiefgründigen Bereich der journalistischen W-Fragen nach dem Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Und hier erwarten unsere Leserinnen und Leser Antworten.

Das Abendblatt lebt von den Lesern – im besten Wortsinn

Wir leben von ihnen im besten Wortsinne. Sie schicken Mails, kommentieren bei Facebook, twittern selbst. Durch viele Leserhinweise entstehen auch heute noch Geschichten, die es ohne nicht gäbe. Bisweilen können auch wir nicht weiterhelfen, haben das gerade erst geschrieben, worauf wir aufmerksam gemacht werden. Aber die Abendblatt-Leser haben oft Beobachtungen gemacht, die auch Reportern entgehen können.

So entwickelte sich aus einer winzigen Information eine bundesweit beachtete Geschichte. In einer Pressemitteilung las eine Abendblatt-Reporterin, dass eine Organisation Geld gespendet habe für Sandwesten an Harburger Schulen. Sandwesten? Wofür? Na, für verhaltensauffällige Kinder, damit die nicht so zappeln. Viele Fragen, Anrufe, Recherchen, Fotos. In Hamburger Schulen tragen Kinder Sandwesten zu ihrer und möglicherweise aller „Beruhigung“? Die folgende Abendblatt-Berichterstattung löst große Debatten aus.

Nie war der Austausch intensiver, nie waren einstige Printjournalisten mehr gefordert, sich mit der Ad-hoc-Veröffentlichung des Online-Zeitalters auseinanderzusetzen. Nie waren Reaktionen auf Abendblatt-Texte, Fotos und Videos unmittelbarer. Das wird dazu führen, dass in den Redaktionen die längst wackelige Wand zwischen Print und Online am Ende nur eine flaue Erinnerung bleiben wird.

Ein Online-Instrument aus dem Kampfjet

So sehen wir heute in Echtzeit, wenn ein Artikel von unseren Nutzern besonders häufig gelesen wird. Ein sogenanntes Head-up-Display legt sich am Redaktions-Bildschirm über unsere Homepage. Man kennt das aus Kampfjets. Und wie die Piloten Geschwindigkeit, Höhe und Kurs auf der Cockpitscheibe ablesen können, ohne den Blick zu senken, sehen wir, ob ein Artikel gerade „meistgelesen“ ist und welchen Trend er hat. Ob er dank seiner Schlüsselwörter in Schlagzeile oder In­tro bei Google erfolgreich ist oder bei unseren Homepage-Besuchern oder den eingeloggten Abonnenten. Keine Sorge: Man kann nicht sehen, wer einen Text liest!

Aber wir können im Laufe des Tages eine Überschrift verständlicher umschreiben, eine Einleitung lesefreundlicher machen, ein noch besseres Foto finden, ein Video dazu einbetten, Reaktionen einholen. Wir können Texte mehrfach aktualisieren und bei Bedarf schon Posts dazu aus den sozialen Netzwerken einbinden. Das kann hilfreich sein, wenn es beispielsweise um den Rauswurf eines HSV-Trainers geht, auf den es von Fans unterschiedliche Reaktionen gibt.

Das Hamburger Abendblatt auf Google und Facebook

Ja, es gibt bei den Kommentatoren zum Beispiel auf Facebook regelrechte Hetzer. Die filtern wir heraus, so gut es geht. Wie seit jeher bei den Leserbriefen. Es gibt aber auch besonnene Facebook-Freunde. Und es verbirgt sich gerade bei Twitter viel Witz. So postete ein Fan nach dem letzten 0:5 des HSV gegen Jahn Regensburg. "0:5 zu Hause verloren? Dafür hätten wir gar nicht absteigen müssen."

Lesezugriffe bei Online können Hinweise darauf geben, ob das Abendblatt von morgen richtig zusammengestellt ist. Nicht alles, was digital erfolgreich ist, wird es auch bei den Print-Abonnenten sein. Nicht alles, was bei Google ein Hit ist, ist auch für unsere Leserschaft interessant.

Aber so hat das digitale Abendblatt der gedruckten Zeitung zeitgemäße Schuhe angezogen. In unseren Videoformaten wie den Kulturtipps oder der „Chefvisite“ von Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider experimentieren wir auch bei YouTube. Das kleidet die Berichterstattung neu aus.

Sie wird zwar mit Recht oft verteufelt: Aber in der Großraumredaktion geht es witziger zu als zwischen einstigen Stockwerkgrenzen und den Kemenaten der Kolumnisten. „Hier wird aber viel miteinander gesprochen“, sagte jüngst eine Kollegin beim Redaktionsbesuch. Die Erfahrung aus der Online-Ausgabe des Abendblattes zeigt: Nachdenkliche Texte und Leitartikel finden abseits der Kernleserschaft auch im Netz große Resonanz.

Fake News bei G20

Und von wegen Black Box: Nie waren wir mehr gefordert, unsere Quellen noch besser zu prüfen, unsere Arbeit noch transparenter zu machen. Beispiel G 20: Als die Abendblatt-Ausgabe des zweiten Gipfeltages praktisch im Druck war, nur der Print-Spätdienst noch nachtwächterte, tobten Demonstranten auf Hamburgs Straßen, waren Tausende Polizisten im Einsatz. Bei abendblatt.de bestückten zwei Redakteure den Live-Blog. Sie wurden „gefüttert“ von Reportern, Fotografen und Videoleuten, Polizei- und Feuerwehrinformationen und Organisatoren der Demos.

Eine renommierte Nachrichtenagentur meldete, die Polizei habe die Rote Flora gestürmt. In den Journalisten-Köpfen der aufgeheizten Gipfelei formten sich Bürgerkriegs-Szenarien. Die Printausgabe hätte noch aktualisiert werden können. Unter Zeitdruck und erheblicher Anspannung recherchierten Abendblatt-Reporter nach. In der Ticker-Ära vermeintlich langsam. Es war eine Falschmeldung. Kurzes Innehalten: Was, wenn das Abendblatt während einer G-20-Nacht gemeldet hätte, die Flora werde gestürmt?

Bei den W-Fragen des Journalismus ist die letzte: „Welche Quelle?“. Man muss die Antwort bisweilen kaschieren, um Informanten zu schützen. Meist liegt sie jedoch offen: Sagte Meier, sagte die Müllerin, sagte die Polizei oder sagte der viel geplagte, aber professionelle Sprecher der Deutschen Bahn in Hamburg.

Wie entsteht eigentlich das Hamburger Abendblatt? „Es ist etwas Besonderes“, sagte einmal ein Chefredakteur vor vielen Jahren, „ich weiß es auch nicht.“ Diese Zitat-Quelle werden wir sicher nicht offenlegen.