Vertauschte Rollen

Holtby fragt Redakteur: „Hast du nichts Richtiges gelernt?“

Lewis Holtby interviewt Abendblatt-Reporter Kai Schiller

Lewis Holtby interviewt Abendblatt-Reporter Kai Schiller

Foto: HA / Mark Sandten

HSV-Profi Lewis Holtby interviewt den HSV-Experten Kai Schiller. Und Holtby nutzt die Gunst der Stunde ...

Eine pflichtbewusste Vorbereitung kann man HSV-Profi Lewis Holtby nun wirklich nicht absprechen. Vor seinem ersten Interview als Fragesteller zückt der 28-jährige Mittelfeldmann sein Handy und schaut auf den zuvor eingetippten Fragenkatalog. „Dann mal los“, sagt der Fußballer, der durchaus Gefallen am erstmaligen Seitenwechsel hat.


Lewis
Holtby: Herr Schiller, darf ich Sie eigentlich duzen?

Kai Schiller: Das ist ja mal eine ungewöhnliche Einstiegsfrage ... Da kann man ja kaum Nein sagen.

Gut Kai, mit dem Du fällt mir die nächste Frage leichter: Hast du eigentlich nichts Richtiges gelernt, oder warum bist du Sportjournalist geworden?

Puh, wir sparen uns also die Aufwärmphase beim Interview (lacht). Also, als Kind wollte ich eigentlich immer Flugkapitän oder Fußballprofi werden. Geklappt hat dann irgendwie beides nicht, aber nach zwölf Jahren beim Abendblatt kann ich sagen: Sportjournalismus ist fast so schön wie fliegen.

Die typische Fußballerantwort

Die typische Sportjournalistenfrage: Wie ist die Stimmung so bei euch?

Die typische Fußballerantwort: Die nächste Abendblatt-Ausgabe ist immer die wichtigste.

Bist du eigentlich ein freier Journalist oder fest beim Abendblatt angestellt?

Fest angestellt – und das schon seit der WM 2006.

Also bist du eher der Typ, der gerne fest gebunden ist?

Weil meine Frau und mein Chefredakteur hier vielleicht mitlesen: selbstverständlich.

Auch der HSV lässt dich irgendwie nicht los, oder täuscht der Eindruck?

Der Eindruck täuscht ganz und gar nicht. Ihr lasst mir einfach keine Ruhe.

Transfer zu einer süddeutschen Zeitung?

Auch nicht, wenn jetzt morgen eine große Zeitung aus München kommt und dir einen besser dotierten Vertrag bieten würde?

Sag niemals nie. Das sagt ihr doch auch immer. Es müsste aber schon eine gute Zeitung aus Süddeutschland sein ...

Diese süddeutsche Zeitung liest aber hoffentlich nicht die Einzelkritiken, die du und deine Kollegen nach unseren Spielen immer schreiben. Da frage ich mich schon: Schaut ihr euch eigentlich unsere Spiele an ...?

Leider ja (lacht). Aber im Ernst: Mit der Einzelkritik ist das immer so eine Sache. Natürlich will jeder so objektiv wie möglich sein – und natürlich ist jeder dabei gnadenlos subjektiv.

Ist die Konkurrenz zu den anderen Zeitungen groß oder habt ihr ein gutes Verhältnis?

Sowohl als auch. Wir verstehen uns eigentlich recht gut, aber trotzdem möchte natürlich jeder die beste Geschichte als Erster haben.

HSV-Relegation: In der Mixed-Zone in Karlsruhe ...

Stichwort Erster: Ich frage mich immer, wie ihr es nach dem Spiel schafft, direkt nach dem Schlusspfiff schon unten in der Mixedzone zu stehen. Habt ihr da ein bestimmtes Ritual?

Jein. Normalerweise mache ich mich nach 89 Minuten auf den Weg in die Mixed­zone, während mein Kollege bis zum Schlusspfiff auf der Tribüne bleibt und die Reaktionen der Fans verfolgt.

Wenn es dumm läuft, könntest du aber ein wichtiges Tor verpassen.

Das kann passieren, wobei es im Volksparkstadion glücklicherweise auch einen Fernseher in der Mixedzone gibt. Aber ich kann mich gut an das Relegationsrückspiel in Karlsruhe 2015 erinnern ...

Daran kann ich mich auch gut erinnern ...

... als ich auf der Tribüne blieb, weil ich aktuell schreiben musste und mein Kollege nach 89 Minuten in die Katakomben des Wildparkstadions eilte. Als dann Díaz zu van der Vaart „Tomorrow, my friend“ sagte und den Ball in der Nachspielzeit ins Tor schlenzte, hatte das für uns vor allem zwei Folgen ...

Nämlich?

Einerseits konnte ich alles, was ich vorher schon geschrieben hatte, vergessen und musste dann noch einmal in Windeseile einen ganz neuen Artikel schreiben. Doch andererseits erwischte es meinen Kollegen noch viel schlimmer.

Warum?

Weil er im Stadion war – aber das bis dahin mutmaßlich wichtigste Tor der Vereinsgeschichte nicht gesehen hat. Stattdessen musste er mit ansehen, wie die Karlsruher Ordner bereits die Aufstiegs-T-Shirts verteilten und den Sekt aus der Kabine holten ...

"Ich schicke einen Scout vorbei"

Ich erinnere mich dunkel ... Hast du eigentlich selbst auch mal Fußball gespielt?

Selbstverständlich. Mein größer Erfolg war das entscheidende Tor beim Aufstieg aus der Kreisklasse in die Kreisliga am vorletzten Spieltag beim Spitzenspiel DuWO 08 gegen Polonia. Relativ bald danach habe ich meine aktive Karriere beendet, weil man ja auf dem Höhepunkt seines Schaffens aufhören soll.

Und bist du dann in ein tiefes Loch gefallen, nachdem du von einem auf den anderen Tag nicht mehr im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit standest?

(lacht) So ganz konnte ich mit dem Fußball nicht abschließen. Ich spiele immer noch zweimal in der Woche mit Kumpels in der Halle. Falls ihr eure Offensivprobleme also nicht in den Griff bekommen solltet, könnt ihr gerne mal einen Scout in unsere Halle schicken.

Ich gebe den Tipp gerne weiter. Mal eine ernste Frage: Darf man eigentlich als Sportjournalist auch Fan sein?

Gute Frage. Schwere Frage. Die meisten Sportjournalisten waren als Kinder sicherlich mal Fans – und freuen sich oft noch immer über einen Sieg. Dagegen spricht meiner Meinung nach auch überhaupt nichts. Und trotzdem muss man als Journalist schon sehr aufpassen, dass man den schmalen Grat zwischen Nähe und Distanz nicht verlässt.

Ist der HSV eigentlich für euch Sportjournalisten ein Eldorado, weil so viel los ist?

Ist beim HSV so viel los? Das habe ich noch gar nicht mitbekommen. (lacht)

Über die 98. Trainerentlassung berichten

Meine Quellen sagen mir, dass beim HSV mehr los ist als bei anderen Clubs. Aber meine Quellen darf ich nicht verraten ...

Deine Quellen scheinen beim HSV gut informiert zu sein ... Und tatsächlich muss man beim HSV nicht ganz so kreativ für einen Artikel sein wie beim SV Sandhausen. Aber obwohl die meisten Leser wahrscheinlich glauben, dass man als Zeitung gerne über Chaos, Zoff und Streit berichtet, hätten wir nichts dagegen, wenn wir über Erfolge auf dem Rasen statt über die 98. Trainerentlassung berichten könnten.

Bitte bei der Wahrheit bleiben ...

Die Wahrheit ist, dass wir mehr Zeitungen am Montag verkaufen, wenn wir über einen Sieg statt über eine Niederlage berichten können. Der Leser hofft auf gute Nachrichten. Für diese guten Nachrichten müsst aber ihr sorgen.

Wir bemühen uns. Ich muss aber zugeben, dass das Abendblatt zu den seriösen Zeitungen zählt, die meistens fair berichten.

Kurze Zwischenfrage: Welches Stück Kuchen soll ich dir nachher bringen?

(lacht) Und morgen schreibt ihr dann wieder über das Haar im Kuchen.

Gegenfrage: Findest du, dass die Medien hier kritischer als anderswo sind?

Als Volontär ein Interview mit Pelé

Nein. Aber leider wird es euch nur einfacher gemacht, über Chaos zu berichten als anderswo. Selbst auf Schalke, wo ich ja auch mal gespielt habe, wird nicht über so viel Negatives berichtet.

Dazu hätte ich mal eine Frage ...

Aber du bist gar nicht dran. Heute sollst du nicht fragen, sondern antworten. Also: Wie gefallen dir die Sonntage, wenn der HSV am Vortag mal wieder verloren hat?

Deutlich weniger als die Sonntage, an denen der HSV am Vortag mal zur Abwechslung gewonnen hat.

An welches Interview von dir denkst du bis heute gerne zurück?

(überlegt lange) Da fällt mir so spontan eigentlich kein HSV-Interview ein. Als Volontär durfte ich einmal Pelé interviewen. Das war für mich als junger Journalist genauso großartig wie für einen Fußballer, der mit Pelé noch einmal zusammen auf dem Platz spielen durfte.

Auf welcher Sprache habt ihr euch denn unterhalten?

Auf Portugiesisch. Ich habe vor der Euro 2004 für ein Jahr in Lissabon gewohnt – das war auch mein großer Trumpf, warum ich das Interview mit Pelé überhaupt bekommen habe.

Heutzutage findet man ja offenbar die großen Trümpfe eher bei Instagram oder Facebook. Musst du eigentlich jedem von uns aus der Mannschaft bei Instagram folgen?

In der Theorie leider ja. In der Praxis: Meine Instagram-Aktivitäten sind durchaus ausbaufähig. Das ist bei dir ganz anders, oder?

Instagram: Fiete Arp überspringt 100.000er Marke

Ich bin auch ein Späteinsteiger. Vor anderthalb Jahren habe ich Instagram für mich entdeckt. Ich finde es einfach ganz schön, ungefiltert und authentisch die Fans mitzunehmen.

Wie viele Follower hast du?

Ungefähr 63.000. Es geht aber noch besser. Fiete Arp hat die 100.000er Schallmauer durchbrochen. Wie viele Follower, beziehungsweise Leser habt ihr beim Abendblatt?

Ungefähr eine Million. Aber es geht auch noch besser ...

Mein Vorschlag: Dann konzentrierst du dich ab jetzt wieder auf das Zeitungsmachen – und ich mich auf den Fußball. Dann machen wir zum 100. Abendblatt-Geburtstag das nächste Jubiläumsinterview.