70 Jahre Abendblatt

Wie die bleierne Zeit den Journalismus prägte

Bleisatz - früher auch beim Hamburger Abendblatt.

Bleisatz - früher auch beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Michael Zapf

Wie war das, als das Abendblatt noch mit der Hand gemacht wurde? Der frühere Chef vom Dienst erinnert sich ...

„Am Anfang war die Presse, und dann erschien die Welt“, spottete Karl Kraus (1874 bis 1936), der scharfzüngige österreichische Schriftsteller und Kabarettist, in einem Couplet. „Die Welt war es zufrieden, die auf die Presse kam, weil schließlich doch hienieden Notiz man von ihr nahm.“

Formulieren wir es anders: Am Anfang war die Neugier. Eva wurde getrieben von dieser Neugier, um zu erfahren, warum sie den Baum der Erkenntnis meiden sollte. Sie reichte Adam den Apfel. Allerdings handelte es sich dabei keineswegs um ein veganes Frühstück im Paradies, wie man den Kindern und den Leichtgläubigen jahrtausendelang erzählt hat. Adam und Eva taten das, was katholische Priester eigentlich bis heute nicht tun dürfen. Dadurch kam die Erbsünde in die Welt, die uns seitdem nicht verlassen hat. Es gibt Leute, die geben nicht der Schlange die Schuld, dass der Mensch das Paradies verloren hat, sondern der Presse, der Zeitung und den Journalisten.

Journalisten gibt es, seit es Menschen gibt. Die Nachricht ist eine Schwester der Neugier. Die Gier nach Neuem aus nah und fern bedeutet eine menschliche Eigenschaft, die an jedem Tag (frz. le jour) von den Journalisten ihr Journal, ihre Zeitung, haben will.

Gutenberg ermöglichte Nachrichten auf Papier

Seien wir bescheiden und sagen: Am Anfang war Johannes Gensfleisch zu Laden genannt Gutenberg, der um 1450 in Mainz den Buchdruck mit beweglichen Metalllettern erfand. Erst diese Technik ermöglichte es, immer wieder neu Nachrichten zu Papier zu bringen und zu drucken.

Bei Homer wurde noch mündlich von Schlachten berichtet, die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zurücklagen. Im Mittelalter schrieben Mönche mit Gänsekiel ihre Chroniken Zeile für Zeile aufs Pergament, aber die Druckerpresse machte die Presse zur Presse. Irgendwann fasste man die Nachrichten und Neuigkeiten (altdt. tidinge/zidung) zu regelmäßigen Druckwerken zusammen, zur Zeitung eben.

Die erste Zeitung war 1609 der „Aviso“ in Braunschweig. Im Vergleich dazu ist das Hamburger Abendblatt, chronologisch betrachtet, ein Baby auf dem Medienmarkt – gerade einmal 70 Jahre alt geworden. Aber ein gut entwickeltes Baby, meinen wir. (Pardon, verehrte Leser, in den Augen eines Redakteurs ist die beste Zeitung immer die eigene.)

Bevor die Welt von Rundfunk, Fernsehen, Internet und sozialen Medien überschwemmt wurde, besaß die Zeitung das Nachrichtenmonopol. Mas-senauflagen gelangen mit der Konstruktion der Setzmaschine, die keine einzelnen Buchstaben, sondern fertige, in Blei gegossene Zeilen ausspuckte, und dem Bau riesiger Rotationen – Zeitungsdruckmaschinen, die scheinbar endlose Papierrollen zu fertigen Zeitungen verarbeiten, und zwar in großer Geschwindigkeit, 60.000 Exemplare und mehr in der Stunde. Aus Gutenbergs Schwarzer Kunst war eine schnelle Kunst geworden.

Und dennoch – der Weg bis zur fertigen Zeitung war kompliziert. Aber er klappte (fast) immer. Morgens staunten wir über unser Werk. „Jede Nacht ein kleines Wunder“, so hieß ein Werbefilm über den Ablauf eines Tages beim Abendblatt. Das sogenannte „Bleizeitalter“ endete 1982 bei Axel Springer in der Fuhlentwiete mit der Einführung des Fotosatzes und der Verlagerung des Druckstandortes nach Ahrensburg.

Es gab mal eine Volontärin ...

Eine Zeitung besteht zwar aus Papier, das man nach dem Lesen manch nützlichem Zweck zuführen kann, doch der Gehalt des Blattes wird vom Inhalt bestimmt. Den Inhalt verantwortet die Redaktion (von redigieren – auswählen, bearbeiten, verbessern).

Es gab einmal eine Volontärin, die wollte die Welt verändern und musste doch an ihrem ersten Tag beim Abendblatt ausgerechnet das banale Thema über eine entlaufene Katze in Rahlstedt bearbeiten. Als sie in der „Glocke“ (heute: Newsroom) ihren Korrekturabzug vorlegte, machte sich der Lokalchef einen Spaß.

„Sie haben eine Hure produziert!“, sagte der Ressortleiter zur Volontärin. Die lief rot an, puterrot, und starrte mit offenem Mund auf ihren Chef. Wer oder was war eine Hure? Sie schwankte zwischen Scham und Empörung.

Der Ressortleiter weidete sich an ihrer Verlegenheit. „Nur ein kleines Hurenkind“, schwächte er lächelnd ab. Dann erklärte er ihr, dass ein Hurenkind bei einer Zeitung nichts mit St. Pauli und Hansaplatz zu tun habe, sondern eine einzelne, nicht volllaufende Zeile am Kopf einer Spalte sei. So etwas sehe nicht gut aus. Sie solle ganz einfach die Absätze anders schneiden. Passiere das Gleiche am Fuß einer Spalte, handele es sich im Übrigen um einen Schusterjungen.

Das Regelwerk des Journalismus

Der Ressortleiter kam in Fahrt. „Und hier haben Sie Hochzeit gemacht.“ Die Volontärin, ledig aus Prinzip, verstand zwar nur noch Bahnhof, wagte aber nicht zu widersprechen. Hochzeit, erfuhr sie, seien zwei gleiche Wörter hintereinander, die sie versehentlich doppelt geschrieben habe. Fehlten Wörter im Satz, dann habe man es mit Leichen zu tun.

Nun prasselte das ganze Regelwerk des Journalismus auf sie hernieder, gespickt mit Fachbegriffen der Typografie, wie der Sammelbegriff für die Gestaltung eines Druckwerks mit Schrift, Bildern, Farbe und Weißraum lautet. Da hatte unsere frischgebackene Volontärin nun über Walter Benjamin promoviert, war bereit, künftig Regierungen zu stürzen und Unterdrückten beizuspringen, und schaffte es nicht, die 40 Zeilen über die entlaufene Katze der Familie Müller aus Rahlstedt druckreif zu verfassen.

Während sie geknickt zurück auf ihren Platz ging, um alles noch einmal zu schreiben, rief man ihr nach, die Katze sei wahrscheinlich ein Kater, schließlich werde er „Felix“ gerufen. Sie bedauerte in diesem Augenblick zutiefst, sich nicht um eine Anstellung im Schuldienst beworben zu haben.

Besagte Volontärin wurde bald eine hochgeschätzte Kollegin. Mit entlaufenen Katzen musste sie sich nicht mehr beschäftigen.

"Das einzige Irrenhaus mit eigener Zeitung"

„Volontäre“ sind „Freiwillige“. Sie begeben sich freiwillig in eine Umgebung, in der aus dem Chaos und dem Nichts täglich wie durch ein Wunder eine geordnete Zeitungsausgabe entsteht, die dem Leser womöglich sogar gefällt. Sie bleiben meistens zwei Jahre, sind dann Redakteure oder Redakteurinnen und dem Journalismus süchtig bis an ihr Lebensende verfallen (fast alle) – oder sie sind vorher entflohen (ganz wenige). Vor einigen Jahren verabschiedete sich einer mit den bitteren Worten: „Das einzige Irrenhaus mit eigener Zeitung!“

Journalist sein kann man nicht lernen. Als Journalist wird man geboren, oder man wird es nie.

Der Verlag ist bei einer Zeitung für das Kaufmännische verantwortlich, die Anzeigenabteilung für die Annoncen, der Vertrieb für die Zustellung und die Redaktion für den Inhalt.

Und dann gab es früher noch die Technik, eine überaus wichtige Einrichtung; schließlich hilft es wenig, wenn ein Blatt nur in den Köpfen der Autoren existiert. Es muss auch hergestellt und gedruckt werden.

Entsprechend wichtig nahmen sich die Herren Drucker, Setzer, Metteure, Korrektoren und was es sonst noch für Spezialisten gab. Seit Gutenbergs Ära waren sie eine noble Zunft. Im Kaiserreich durften sie zum Zeichen besonderer Ehre sogar einen Degen tragen, was sonst erst vom Vizefeldwebel an aufwärts gestattet war. In jenen Tagen schritten sie gravitätisch mit Zylinder, Vatermörder und weißen Handschuhen zur Arbeit.

Der Umbruch

Ein Redakteur hatte früher immer den Eindruck, dass sein Beitrag zum Entstehen der täglichen Ausgabe in den Augen der Technik für verzichtbar gehalten wurde. Als ich vor 55 Jahren, frisch von der Universität und zur Feier des Tages in den inzwischen viel zu engen Konfirmationsanzug gezwängt, zum ersten Mal eine Setzerei betrat, musterte mich ein altgedienter Metteur von oben nach unten und von unten nach oben, sah kopfschüttelnd auf mein unter den Achseln kneifendes Jackett und gab mir zum Berufsanfang die ermunternden Worte mit auf den Weg: „Journalisten sind alle gescheiterte Existenzen!“

Dann griff er zum Winkelhaken, hielt ihn geschickt in der abgeknickten linken Hand, während er mit der rechten in den Setzkasten griff und Letter für Letter zur Überschrift des Aufmachers der Seite 1 formte oder besser „setzte“. Er war ein Schriftsetzer.

Ein Metteur war für den Umbruch zuständig, für das Aufteilen und passende Einrichten der Texte, Überschriften und Bilder auf einer Seite, wenn auch nach einer genauen gezeichneten Vorlage, dem Layout. Sein Name kommt aus dem Französischen von mettre en page (zu einer Seite zusammenstellen). Zum Zeichen seiner Fertigkeit durfte er einen grünen Kittel tragen. Graue Kittel signalisierten hingegen einen nicht ganz so fort-geschrittenen Status in der Hierarchie der Schwarzen Kunst.

Die Technik mit Metteuren im grünen Kittel, mit Bleilettern und Setzmaschinen gibt es heute nicht mehr. Wir älteren Kollegen denken mit einer Träne im Auge an die alten Zeiten zurück. Die Jüngeren schauen spöttisch und zaubern die Meldungen digital und blitzschnell in die Welt.

Manchmal geht es mir wie dem Bierkutscher, der seine Gäule abschaffen musste, weil Lastwagen effektiver sind, und der traurig in den leeren Stall geht und träumt.