Ausstellung in Hamburg

Sieht aus wie echt – ist aber ein Gemälde

"Park" von Jochen Hein

"Park" von Jochen Hein

Foto: Jochen Hein

Die verblüffenden „Reflexionen“ des Hamburger Malers Jochen Hein sind in der Galerie Commeter zu sehen.

Hamburg.  Seine erste Ausstellung hatte Jochen Hein 2003 in der Hamburger Kunsthalle; dort hängt nun auch sein Werk „Gras“, zusammen mit Caspar David Friedrich, als einziges „Fremdwerk“ im Friedrich-Raum. Die traditionsreiche Galerie Commeter gibt dem renommierten Maler nun Raum für seine „Reflexionen“. Mit einer Präzision, die mal an französische Impressionisten, mal an hochaufgelöste Fotografie erinnert, schafft der Hamburger Künstler den perfekten Schein. Ein Gespräch über Prägungen der Kindheit, Malen mit Putzlappen und warum es in unserer bildergefluteten Welt so wichtig ist, genau hinzusehen.

Herr Hein, ­welche ist die häufigste Reaktion auf Ihre Bilder?

Jochen Hein: Man meint, die abgebildeten Motive zu kennen. Erst neulich ­sagte ein Besucher, der Baum im Park erinnere ihn an den Garten seiner Großmutter. Es geht sogar so weit, dass die Leute denken, sie würden die Stelle kennen, die ich gemalt habe. Aber das ist unmöglich: Alle meine Motive sind frei erfunden.

Warum führen Sie Betrachter in die Irre?

Kunst hat für mich die Funktion von Trost. Ich möchte nicht allein dagestanden haben und mich fragen: Warum bedeutet mir das so viel? Indem jemand in meinen Bildern einen Teil der Welt wiedererkennt, weiß ich: Du bist genauso hereingefallen wie ich.

Dein Wunsch war Vater des Bildes. Wenn man sich tatsächlich mit unserer Wirklichkeit und auch der physikalischen Komponente beschäftigt, weiß man, dass die Welt etwas ganz anderes ist, als wir uns zusammenbauen. Ich zeige, dass wir nicht erkennen, was wir sehen.

Erkennen und Erkenntnis ziehen sich durch Ihr gesamtes Werk, von Landschaften über Porträts bis hin zu Haaren, die wie fotografiert aussehen, in Wahrheit aber gekratzt sind. Wie hat sich das entwickelt?

Als Junge habe ich oft unter einem Baum im Husumer Schlosspark gelegen. Beim Blick ins Blätterwerk meinte mein Freund: „Jochen, das kannst du doch im Leben nicht malen.“ Und ich dachte: „Doch, genau das möchte ich versuchen.“ Ich wollte immer schon genau hinsehen – wenn auch vergeblich.

Was ist Ihre früheste Erinnerung ?

In meiner Kindheit war die Welt draußen gegen mich. Also holte ich sie mir mithilfe von Bleistiftzeichnungen zu mir. Mit sechs Jahren fing ich an zu malen. Die Mondlandung gehört zu meinen ersten epochalen Werken (lacht). Noch heute kann ich mich daran erinnern, wie ich im Gras saß und dachte: ,Das ist aber kalt. Aber die Sonne scheint, und es ist auch weich. Sind da Würmer drin?‘ Diese Erinnerungen finden ihren Weg auf die Leinwand. Wobei ich nie Gras, Blätter oder Haar male. Ich fange in meinen Bildern nur die oberflächlichsten Reize ein, die beim Betrachter das Wiedererkennen auslösen.

Das Wiedererkennen löst sich auf, je näher man an Ihre Bilder herantritt. Es ist die Flüchtigkeit, die das Erkennen bewirkt.

Im Grunde zerfällt in jeder Malerei eine Illusion. Nur bei mir ist es ausdrücklich gewünscht. Mein Realismus ist Illusion. Es geht mir darum, dass wir aus der Falle, dass wir der Welt und ihrer Oberfläche Bedeutung geben wollen, nicht herauskommen. Insofern sind meine Bilder höchst ungenau. In Wahrheit sind sie nur hingeworfene Materie.

Wie kommt die Materie auf das Bild?

Die Acryltuschen werden mit großen Handstreicherpinseln aus dem Baumarkt auf Holz oder Baumwollleinwand aufgetragen, geworfen, vermischen sich, verlaufen. Nur der letzte Strich, der zum Beispiel die Meeresoberfläche markiert, muss sitzen. Der lässt sich nicht korrigieren. Und dieser eine Strich lässt sich auch nicht noch einmal wiederholen. Der passiert genau nur ein Mal im Universum.

Stimmt es, dass der aktuelle Himmelszyklus einem Putzlappen zu verdanken ist?

Ja. Ich wollte eigentlich damit einen Fehler korrigieren. Doch dann ist etwas völlig Neues daraus entstanden. Und ich dachte: „Wow, so geht das.“

Woher kommt die Begeisterung für das ­Maritime?

Von Husum aus bin ich oft aufs Wasser gefahren. Mein Großvater hat den Büsumer Yachtclub gegründet, mein Vater hatte alle Patente. Himmel und Meer sind die Dinge, die am meisten Eindruck auf mich gemacht haben. Egal, ob ich in die Karibik, an den Comer See oder nach Santorin reise – zurück im Studio male ich doch immer wieder die Westküste.

Fühlen Sie sich als Heimatmaler?

Nein, auf keinen Fall. Diese vertrauten Sachen bleiben mir fremd; das finde ich so faszinierend.

Über Ihre Gemälde wurde gesagt, sie seien der Beweis, dass die Malerei eben doch die neuen Bildmedien überlebt hat. Teilen Sie diese Ansicht?

Man kann die Malerei nicht verdrängen, sie wird immer wertvoller. Sie ist die stillste aller Formen, die nur lebendig wird, wenn jemand hinzutritt. Diese zarte, spezielle Form, die mit geringstem Aufwand so eine großartige Wirkung entfalten kann, wird die Leute ­immer verlocken. Gerade in Zeiten der digitalen Bilderflut.

Wie ist es für Sie, zusammen mit Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle ausgestellt zu sein?

Ich hänge im Olymp mit meiner Arbeit. Darüber bin ich stolz und glücklich. Ich hätte natürlich ein paar mehr Arbeiten dort haben müssen. Nein, im Ernst. Man hätte die Bilder mehr in Bezug zueinander setzen können, etwa das Eismeer zu einem Eisbild von mir hängen. Aber das ist Sache der Kuratoren.

Gibt es einen Ort in Hamburg, der Sie zum Malen inspiriert?

Theoretisch könnte ich jede Woche in den Jenischpark fahren. Aber ich will gar keine weiteren Bilder in meinen Kopf bekommen. Was ich brauche, ist mehr Zeit zum Malen.

„Jochen Hein. Reflexionen“ bis 10.10., Galerie Commeter (U Rathaus), Bergstraße 11, Di–Fr 11.00–18.00, Sa 11.00–16.00,
Eintritt frei, www.commeter.de