Hamburg

Rowohlts neue Hoffnung: Ein Buch auch über Töchter

Brit Bennett

Brit Bennett

Foto: imago/Leemage

Die US-Amerikanerin Brit Bennett wird mit ihrem Debütroman „Die Mütter“ gleich zur Bestsellerautorin.

Hamburg.  Der Rassismus ist nicht ihr Thema. „Meine Figuren haben eine Reihe anderer Probleme“, sagt Brit Bennett im Interview mit dem Abendblatt. Die junge afroamerikanische Schriftstellerin wurde in den USA für ihren Roman „Die Mütter“ gefeiert, in denen es um Töchter geht. Schwarze Töchter. Doch „blackness“, der Begriff für schwarze afroamerikanische Kultur, kommt bei Bennett nur am Rande vor. Die 28-Jährige wollte kein Sozialdrama schreiben, in dem es um Unterdrückung und Ausgrenzung geht. Sie thematisiert die Hautfarbe ihrer beiden Protagonistinnen nicht, Rassismus gehört zum Alltag: Nadias Mutter hat Selbstmord begangen, ein ungeheuer­licher Vorgang innerhalb der christlichen Gemeinschaft, in der ihre Familie lebt. Aubreys Mutter dagegen will nichts von dieser wissen, sie hat sich für ihren Freund entschieden, der Nacht für Nacht ins Schlafzimmer von Aubrey gekommen ist. Diese Mutter­losigkeit verbindet die beiden Teenager und macht sie zu besten Freundinnen.

In der afroamerikanischen Geschichte sind es vorwiegend die Männer, die ihre Familien verlassen. Die Soulband The Temptations sang Anfang der 70er-Jahre mit „Papa Was A Rolling Stone“ über diese Herumtreiber. Inzwischen ist diese männliche Leichtlebigkeit zu einem Stereotyp in Zusammenhang mit afroamerikanischen Familienstrukturen geworden. Brit Bennett dreht diese Ausgangssituation um, in der Mütter in der Regel hoch angesehen sind: „Mich hat interessiert, was aus jungen Frauen wird, wenn die Mütter fehlen, die sie auf ihrem Weg anleiten können.“

Ein wildes, selbstbewusstes, schönes Mädchen

Nadia wird von Luke, dem Sohn des Gemeindepastors, geschwängert, doch sie treibt das Kind ab. Ihre Freiheit und die Möglichkeit, das kalifornische Städtchen Oceanville verlassen zu können und nach Europa zu gehen, sind ihr wichtiger als die Gründung einer Familie. Sie ist ein wildes, schönes und selbstbewusstes Mädchen. Die stille, fromme Aubrey hingegen will unbedingt ein Kind, das es bei ihr besser haben soll als sie früher bei ihrer Mutter.

Mit dem Schwangerschaftsabbruch, der heimlich von Lukes Mutter bezahlt und von seinem Vater geduldet wird, widmet sich Bennett einem in den USA sehr umstrittenen Thema – besonders in Kirchengemeinden. Nadia und Aubrey sind Teil einer schwarzen Gemeinde, die sich einerseits fürsorglich um ihre Mitglieder kümmert, andererseits große moralische Ansprüche stellt. Wegen des Selbstmordes der Mutter wird Nadia innerhalb der Gemeinschaft kritisch angesehen, von der Abtreibung darf erst recht niemand erfahren. „Schwarze Kirchengemeinden sind politisch sehr viel fortschrittlicher als weiße. Doch in Bezug auf Sexualität sind sie sehr konservativ. Ich wollte die verschiedenen Facetten dieser Gemeinschaft zeigen“, sagt Brit Bennett. Besonders die nach außen untadelige Pastorenfrau, die „First Lady“ genannt wird, ist die Personifikation von Scheinheiligkeit.

„Die Mütter“ ist auch ein Entwicklungsroman

„Die Mütter“ ist auch ein Entwicklungsroman. Er beginnt im Teenageralter der beiden Hauptfiguren und erzählt von ihren Hoffnungen und ihren Nöten. Bennett ist eine genaue Beobachterin, man merkt, wie nah sie an ihren Figuren ist. Später werden sie zu Konkurrentinnen, denn Aubrey verliebt sich in Luke, nachdem Nadia Ocean­side verlassen hat, um in Michigan zu studieren. Doch sie kehrt zurück, um ihren Vater zu pflegen, und die damals so abrupt beendete Liebe flammt wieder auf. Bennett gibt zu, dass sie selbst eine Menge von Eigenschaften mit Nadia verbinden. „Sie ist ambitioniert und ehrgeizig, sie ist ruhelos. Das trifft auch auf mich zu“, erzählt sie. Wie ihre Romanheldin hat auch Brit Bennett in Michigan und später in Oxford studiert. „Obwohl meine Eltern beide einen College-Abschluss haben, bin ich die Erste gewesen, die ins Ausland gereist ist. Das hat meinen Blick enorm erweitert“, sagt sie.

Ganz ohne das immer noch aktuelle Thema des Rassismus kommt Bennett jedoch nicht aus. In einem Gespräch, das Aubrey mit Russell, einem befreundeten Soldaten, führt, sagt er: „Schwarze Jungs sind Zielscheiben. Schwarze Mädchen haben wenigstens eine Chance.“ Damit spielt Bennett auf die Erschießungen schwarzer Teenager und Männer durch weiße Polizisten an, die zur Protestbewegung Black Lives Matter geführt haben. „Mein Vater hat mir gesagt, du lernst besser selber schießen, bevor die Weißen dich abknallen“, fährt Russell fort.

Obwohl der alltägliche Rassismus nicht explizit dargestellt wird, ist er in dem US-Bestseller-Roman eine Unterströmung im Textfluss. Die Roman­figur Aubrey spricht es gegenüber Russell aus: „Ich habe immer Angst. Ich fühle mich nie sicher.“