Reiselektüre

Die Abendblatt-Buch-Tipps für den Sommer

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Sommer, Sonne, Urlaub. Entspannung ist angesagt, und was da nicht fehlen darf, ist die passende Sommer-Lektüre.

Im Flugzeug

Hamburg. Fliegen ist anstrengend und macht schlechte Laune, verstärken kann man das Gefühl als eine Art letztes Alle-negativen-Vibrationen -Rauslassen mit dem Berlinhasserbuch „Stadt der Feen und Wünsche“ (Hanser, 16 Euro): Leander Steinkopf, ein Flaneur und Kulturpessimist, geht durch die Kapitale, und er stellt Dinge fest wie diese: „Mitte ist voll von Radfahrern, die belästigen mich mit ihrem besserwisserischen Klingeln“. Man liest und nickt, man denkt außerdem: Der böse Blick, verwandelt in Literatur, ist ganz unterhaltsam.

Böse geht es auch in Familien zu, der größte Horror findet eigentlich in ihnen statt. Astrid Holleeder hat das am eigenen Leib erlebt und in der finsteren Familienchronik „Judas“ (Kiwi, 24 Euro) aufgeschrieben. Erst tyrannisiert der Vater die Familie, später ist es der älteste Bruder. Der ist einer der blutrünstigsten Gangster in den Niederlanden, ein Psychopath, der nicht davor zurückschreckt, Familienmitglieder umzubringen. Holleeder lebt in einem Zeugenschutzprogramm und sagt gegen Bruder Wim aus. Sollte er nicht lebenslänglich hinter Gitter kommen, droht sie: „Dann töte ich ihn.“

Ein sonderbares Herrenhaus, in das man durch ein Eisentor kommt, noch sonderbarere Gestalten – seelensaugende Zwillingsvampire, mehr soll hier nicht verraten werden – und eine kunstvoll verschachtelte Geschichte. Die Raffinesse, mit der David Mitchell Plot-Fäden miteinander verwebt, gern auf unterschiedlichen Zeit-Ebenen, macht auch seinen neuen, handlich kurzen Roman „Slade House“ (Rowohlt, 20 Euro) zum Lesespaß in fünf Portionen. Die Gäste in diesem Haus, das wie eine Stephen-King-Version von „Alice im Wunderland“ wirkt, wundern sich schnell, wo sie da hineingeraten sind. Dem Leser geht es kaum anders.

Ins Flugzeug eingepfercht fühlt man mit den Protagonisten des Buches „Hiroshima“ (Klett-Cotta, 24 Euro) von Marina Perezagua in ihrem permanenten Ausnahmezustand. Die Suche nach einer verschollenen Adoptivtochter bringt ein ungleiches Paar, einen traumatisierten Ex-Soldaten und eine von der Atombombe in Hiroshima versehrte intersexuelle Japanerin auf einen Trip, der von den USA über Brasilien bis nach Afrika führt. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis – aber auch ein Dokument von Befreiung und Selbstfindung. (asti)

Der italienische Autor Gianrico Carofiglio kennt sich aus mit mafiösen Strukturen. Lange Jahre hat er in Bari als Antimafia-Anwalt gearbeitet, später beriet er die italienische Regierung in Sachen Organisierter Kriminalität. So gibt auch sein aktueller Thriller „Kalter Sommer“ (Goldmann, 20 Euro) tiefe und spannende Einblicke in Denken und Handeln der Mafia. Eine packende Lektüre – und diese ganze kriminelle Welt liegt weit unter einem …

Am Strand

Mensch, was für ein irre lustiger, trauriger, überraschender Roman: „Mister Weniger“ (S. Fischer, 22 Euro) ist ein Schatz der Gegenwartsliteratur, ein Liebesbuch zum Liebhaben – wenn man der festen Überzeugung ist, dass echter Liebe immer die Melancholie innewohnt. Andrew Sean Greer erhielt für seine Geschichte des ­liebeskranken Autors Arthur Weniger, dessen Liebhaber einen anderen heiraten will, den Pulitzer-Preis. Weniger ist ein Weltreisender des romantischen Schmerzes, aber seine Tour um den Globus wird sommerleicht in Szene gesetzt.

Karl Ove Knausgårds Jahreszeiten-Zyklus geht jetzt mit der „Im Sommer“-Ausgabe (Luchterhand, 24 Euro) zu Ende, und der natürlich auch hier tiefsinnige Norweger bietet sich mit seinen zwischen Alltagsbeobachtung und philosophischen Überlegungen changierenden Prosaminiaturen erstklassig für die Strandlektüre an. Zum Beispiel deswegen, weil Knausgård so schön die unterschätzte Bedeutung des Rasensprengers beschwören kann. Wer zu faul ist, ins Meer zu gehen, der imaginiert sich die Wasserdüse literarisch direkt an den Strand.

Der Titel „Lovecraft Country“ (Hanser, 24 Euro) verrät, dass Matt Ruffs Roman in Gespensterwelten driftet. H. P. Lovecraft (1890–1937) gilt als Meister der fantastischen Literatur. Und Ruff verbindet nun Horror mit Rassismuskritik. Seine schwarzen Hauptfiguren kommen in Berührung mit einer rassistischen Sekte. Obwohl die Story in den 50er-Jahren spielt, sind Verweise auf die aktuellen Zustände in den USA unübersehbar. Ein erstklassig geschriebener Schundroman.

Wo warst du, als der Tod von Prince durch die Nachrichten ging? Für Leo Palmer, Musiker und Held des wunderbar leichtfüßigen Romans „Das schönste Mädchen der Welt“ (Blanvalet, 20 Euro), ist die Frage leicht zu beantworten. Er hatte gerade die Liebe seines Lebens getroffen. Er, der doch nach einer schmerzhaften Trennung mit Langzeitfolgen zu solch einer Gefühlsaufwallung gar nicht mehr in der Lage schien. Mona heißt die Begehrte. Sie ist verheiratet, es sollte bei der einen Nacht bleiben, keine Telefonnummern, keine Namen, aber die Liebe findet eigene Wege, klar. Nur dass eben jetzt Prince gestorben ist, der wichtigste Musiker in Leos Leben, für ihn wahrscheinlich sogar der wichtigste Mensch. Wer Michel Birbæks romantische Liebesgeschichte gelesen hat, holt danach sofort die alten Prince-Platten aus dem Keller und stellt fest: Leo hat recht. Der Mann war wirklich ein Genie.

Beim Sonnenuntergang

Der afroamerikanische Autor James Baldwin (1924-1987) ist wohl die literarische Wiederentdeckung des Jahres, sein großes Werk„Nicht von dieser Welt“ (dtv, 22 Euro) ein mitreißender Bildungsroman der vom Predigersohn John Grimes erzählt. Das Herz der familiären Finsternis, der Gipfel der adoleszenten Verlorenheit, all das findet sich in diesem Buch. Man lernt etwas über die Kräfte, die an einem jungen Menschen ziehen, und etwas über die Sehnsüchte der gesellschaftlich Deklassierten.

Kat Gordons Roman „Kenia Valley“ (Hoffmann & Campe, 20 Euro) entführt den Leser in eine afrikanische Coming-of-Age-Story. Der 15-jährige Theo zieht während der wilden Zwanziger mit seiner Familie aus dem trüben Schottland in das schwül-sinnliche Kenia und wird dort in das berüchtigte „Happy Valley Set“ der hedonistischen, anglo-amerikanischen Siedler eingeführt. Mit der atemberaubend schönen, unerreichbaren Amerikanerin Sylvie und dem blaublütigen, sorglosen Briten Freddie erlebt er Gin-getränkte Exzesse und zahme Orgien während der letzten Jahre des Kolonialismus. Als er Jahre später nach seinem Studium in Europa nach Afrika zurückkehrt, findet er die Stätte seiner rauschenden Jugend auf einmal völlig verändert vor und muss sich daraufhin auch mit seinem eigenen Wandel auseinandersetzen. (hpkf)

„Wenn es Frühling wird in Wien“ (DuMont, 18 Euro). Bitte weiterlesen, auch, wenn die „falsche“ Jahreszeit im Titel steht. Petra Hartlieb hat ihren zweiten Wien-Roman in die Belle Époque und in den Künstlerhaushalt von Arthur Schnitzler verlegt. Doch nicht der Schriftsteller spielt die Hauptrolle, sondern das Kindermädchen Marie. Sie verliebt sich erst in einen Buchhändler und dann, folgerichtig, in die Bücher. Die historisch sorgfältig recherchierte Geschichte wärmt auch noch nach Sonnenuntergang. Charmant: Die Buchhandlung, in der viele Szenen spielen, gibt es wirklich und gehört heute der Autorin.

Immer diese Befindlichkeitslektüren. Bekommt eine Autorin ein Kind, schreibt sie reflexhaft einen Selbsterfahrungstext. Gähn. Oder? Ja, denkste. Abgesehen davon, dass Antonia Baum, Feuilletonistin, Feministin und Autorin der „Zeit“, mit „Stillleben“ (Piper, 20 Euro) den eindeutig allerbesten Titel für ihr Buch über das veränderte Dasein mit Kind gefunden hat, ist hier auch das Wie entscheidend. Baum schreibt über Schwanger- und Mutterschaft und tut das nicht allein um der Pointe willen (gegen die sie allerdings auch nichts einzuwenden hat), sondern klug, erhellend, höchstpersönlich, sehr offen – und relevant. Sie thematisiert die Neuverhandlungen innerhalb der Beziehung und legt die eigene Verwirrtheit und die Macht der Erwartungen offen, ohne die Liebe zum Kind zu verraten. Ein lesenswertes Beispiel für: Alles Private ist halt politisch.


Für Kinder

Nein, es ist nicht der Sandmann, der die Träume bringt - das ist nur ein Märchen. Es sind die Nachtschwärmer, kleine fleißige Flügelwesen, die Nacht für Nacht ausschwärmen, um Menschen die Reise ins Land der Träume zu ermöglichen. Eines Nachts tauchen jedoch finstre Schatten auf, die Träume für Zeitverschwendung halten. Sie lassen die Zeit rennen, sodass die Menschen das Träumen verlernen und daher unzufrieden und zerstreut werden. Mit viel Fantasie thematisiert das Bilderbuch „Die Nachtschwärmer“ (Edition Pastorplatz, 14 Euro) von Petra Steckelmann für Kinder ab fünf Jahren Fragen nach der Wichtigkeit von Träumen, von gutem Schlaf und von der Zeit. Dank der Illustrationen von Andreas Gaertner ist dieses poetische Werk auch für Erwachsene ein wunderbares Bilderbuch.

Nach „Hotzenplotz 3“ gibt es nun auch noch ein viertes Abenteuer dieses polternden, mit einer Pfefferpistole bewaffneten Bösewichts, aus den Anfängen seiner Räuberkarriere. Ursprünglich von Otfried Preußler als Puppenspiel geschrieben, wurde es von Susanne Preußler-Bitsch wiederentdeckt und zur Vorlesegeschichte ergänzt. Auch in „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ (Thienemann Verlag, 12 Euro) sind alle bekannten und beliebten Figuren wieder dabei: Kasperl, Seppel, die Großmutter und Wachtmeister Dimpfelmoser. Üppig und in Farbe illustriert wurde das Buch für Kinder ab sechs Jahren von Thorsten Saleina ganz im Stil der berühmten Zeichnungen von Franz Josef Tripp.

Von wegen Hasenpfote! Auch wenn das Kaninchen Podkin am Anfang von Kieran Larwoods „Podkin Einohr. Der magische Dolch“ (Ravensburger, 14,99 Euro) etwas verwöhnt daherkommt, mausert sich der Sohn des Stammesführers im Laufe der Geschichte vom Faulpelz zum Helden, in dessen Pfoten das Schicksal der Kaninchenwelt liegt. Podkin muss nicht nur den Dolch Sternenklaue beschützen, sondern sich auch gegen die gefährlichen Gorm-Krieger behaupten, die zur Schlacht gegen die Kaninchen blasen. Klingt aufregend und ein bisschen düster – und das ist es auch. Podkin Einohr ist definitiv kein Buch für kleine Hasenpfoten, sondern ein abenteuerliches Fantasie-Epos mit einem ganz besonderen Helden für größere Kinder ab zehn oder elf Jahren.

So viele Bilderbücher aus Hamburg – muss das nächste auch wieder sein? Dieses schon, denn das „Hamburg Wimmelbuch“ (Wimmelbuchverlag, 12,95 Euro) lässt auch Erwachsenen ihren Spaß, wenn sie Helmut (mit Zigarette), Axel (mit „Bild“) oder Jasmin (mit Blümchen) entdecken.