Argerich-Festival

Eine klassische Führungs-Kraft am Flügel

Die Pianistin Martha Argerich mit dem "Jahrhundert-Geiger" Ivry Giflis

Die Pianistin Martha Argerich mit dem "Jahrhundert-Geiger" Ivry Giflis

Foto: Daniel Dittus

Ein weiterer beeindruckender Abend mit der Pianistin Martha Argerich in der Laeiszhalle. Und eine von Herzen kommende Wehmut.

Hamburg.  Man kann enorm viel über offenbar angeborenes Charisma und Führungskraft lernen, wenn man die radikal ehrliche Pianistin Martha Argerich bei einem Konzert aus der Nähe ­beobachtet. Weitgehend unter ihrer grauen Mähne vergraben, entgeht ihr nichts, was neben, vor, hinter und vor ­allem ­wegen ihr passiert, und das mit einer Präsenz, die nur Höchsteinsätze kennt und verlangt.

Die sekundenkurzen Kontroll-Seitenblicke zu anderen sind eher symbolischer ­Natur. Sonderbar also (falls es nicht als selbstvertrauenbildende Maßnahme ­gedacht war), dass sie ihren dritten Hamburger Festival-Termin mit einer Interpretation von ­Mozarts g-moll-Klavierquartett begin- ­nen ließ, die unfertig wirkte und ­unrund; insbesondere die Pianistin Akane Sakai hatte ihren Zugang zur Eleganz Mozarts hier noch nicht entdeckt. Andererseits: Es gibt durchaus leichtere Aufgaben, als mit Mozart Vorgruppe von Martha ­Argerich zu sein.

„Gott sei Dank gibt es Musik“

Gott sei Dank gibt es die Musik, wird der 95 Jahre greise Jahrhundert-Geiger Ivry Gitlis am Ende dieses rührenden, erstaunlichen, energiegeladenen Kammermusik-Abends im Kleinen Saal der Laeiszhalle sagen. Er und Argerich kennen und verehren sich seit Jahrzehnten, sie lud ihn in ihr hiesiges Programm ein. Dass der alte Herr mit der Zuckerwatte-Frisur die Schnecke seiner Stradivari der Kräfteschonung wegen hin und wieder auf einem mitgebrachten Standkissen parkte – geschenkt. Das zeigte nur: Er muss spielen, er muss einfach.

Viel wichtiger war die von Herzen kommende Wehmut, mit der Gitlis sich beim brüchig gewordenen Ton der eigenen Geige an Vergangenes erinnerte und an Zeit­loses. Kreislers „Liebeslied“ und „Schön Rosmarin“, sepiafarbene Postkarten aus einer Ära, in der Gentleman-Geiger faszinierten, die man noch nicht auf sportive Leistungen getrimmt hatte. Old-School-Brillanz mag verblassen, vergehen kann sie nicht. Und zur Abrundung spielten die beiden liebevoll albernes Ideen-Pingpong über die Kinderlied-Melodie, die vor allem als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ bekannt ist.

Nach zwei Sätzen Betriebstemperatur erreicht

Die volle Ladung Argerich gab es aber auch, und das, obwohl sie prima ­inter pares war und bleiben wollte. In Mendelssohns Klaviertrio op. 49 hatte Argerich nach den ersten beiden Sätzen ihre Virtuosinnen-Betriebstemperatur erreicht und verließ mit glasklarer Sanglichkeit und perlender Tongestaltung die Rolle der Mitspielerin, aber immer ganz knapp vor der imaginären Linie abbremsend, hinter der man alle anderen vergisst. Reizend, allerliebst: das sommernachtsträumende Scherzo.

Noch deut­licher zur Sache ging es im Es-Dur-Klavierquintett von Schumann: Vollgriffig und mit Nachdruck arbeitete Argerich die schroffen Konturen heraus. Dieses Stück war ein würdiges Gegenüber, eine angemessene Herausforderung. Die Trauermarsch-Passagen im Adagio verdunkelte sie fahl, sie wirkten wie ein Verließ, das Grusel-Autor Stephen King mit Glasscherben tapeziert hatte, bevor es sich doch noch ins Gute wendete. Im Finalsatz war Argerichs Regie ein kunstvoll inszenierter Triumphzug Richtung Schlussbeifall.

Informationen über das Argerich-Festival: www.hamburgersymphoniker.de