Burkhard Glashoff

Der Mann, der die Weltstars nach Hamburg holt

Burkhard Glashoff in der Elbphilharmonie

Burkhard Glashoff in der Elbphilharmonie

Foto: Michael Rauhe

Burkhard Glashoff, Chef der Konzertdirektion Goette, über Klassik-Boom, Ticketpreise und seinen Traum von Anna Netrebko.

Hamburg. Arbeitstage, die 14 Stunden und länger dauern, nahezu kein freies Wochenende, fast jeden zweiten Abend unterwegs: Von einer Work-Life-Balance ist Burkhard Glashoff sehr weit entfernt. Jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick jedoch zeigt sich: Der Geschäftsführer der Hamburger Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette hat genau in diesem, für Außenstehende extremen Pensum seine perfekte Balance aus Arbeit und Freizeit gefunden. Weil sich für ihn das eine nicht vom anderen trennen lässt. Weil er sein Hobby zum Beruf gemacht hat, den er mit Leidenschaft ausübt. „Ohne diese Leidenschaft wäre das natürlich nicht durchzuhalten“, sagt der 48-Jährige und lehnt sich in seinem luftig-hellen Büro an der Alsterterrasse entspannt zurück.

Im deutschen, ja im europäischen Geschäft mit klassischen Konzerten gehört er zu den wichtigsten Akteuren; gerade war er bei einer internationalen Konferenz in London, auch hier zählen seine Expertise und Erfahrung. „Erste holen Erste“, begründet der ehemalige Goette-Chef Hans-Werner Funke die Verpflichtung von Glashoff als Geschäftsführer. Meint: Die beste Konzertagentur hat den bestmöglichen Mann an der Spitze.

Mit seiner Liebe zur Musik galt Glashoff als Exot

Der kommt ursprünglich aus Hannover und wuchs in keinem sonderlich musikalischen Elternhaus auf. Der Vater war Geologe, die beiden älteren Schwestern studierten Biologie und Chemie. Mit seiner Liebe zur Musik sei er „immer der Exot“ gewesen, erinnert sich Glashoff. „Mein Weg war keinesfalls vorgezeichnet.“ Also schlug er ihn selbst ein und studierte ab Ende der 90er-Jahre in seiner Heimatstadt Schulmusik mit dem Ziel, Musiklehrer zu werden. Er spielte Klavier, Saxofon und Klarinette in verschiedenen Bands, um sich das Studium zu finanzieren, gab Instrumentalunterricht und beschäftigte sich ansonsten vornehmlich mit Fragen der Musikvermittlung. In seiner Examensarbeit verglich er die Programme von NDR3 (heute NDR Kultur) und Klassik Radio. Ein Ausblick in die Zukunft, denn mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen hat er es auch jetzt zu tun: dem Elbphilharmonie-Publikum, in dem sich gleichermaßen Ersthörer wie Alt-Abonnenten finden.

Eigentlich war klar, wie es nach der Hochschulzeit weitergehen würde: Referendariat, dann Lehrer mit Lebensstellung. Doch Glashoff suchte die Herausforderung und ging als Produzent für Radiosendungen zum NDR. „Das war eine unheimlich abwechslungsreiche Arbeit, die mir riesigen Spaß gemacht hat“, erinnert er sich.

Glashoff koordinierte das Musikprogramm der Expo 2000

Noch abwechslungsreicher und aufregender wurde es danach: Der noch nicht 30-Jährige wurde Projektkoordinator für das Musikprogramm der Expo 2000 in Hannover. 150 Konzerte brachte er über die Bühne, verantwortete ein Budget von zehn Millionen D-Mark. Herbert Grönemeyer, Ray Charles und Shirley Bassey waren einige der Stars, die er zur Weltausstellung holte. Eine prägende Zeit sei das gewesen, sagt er im Rückblick. Eine Zeit wie im Rausch, nach der er sich den nächsten Job aussuchen konnte. Und er suchte sich die renommierte Konzertdirektion Schmid in Hannover aus, die Dependancen in Berlin und London hat. „Ich wollte die große weite Welt kennenlernen“, sagt Glashoff, und das tat er dann: als Leiter der Tourneeabteilung, der mit den großen Orchestern in Großbritannien, den USA und Asien zusammenarbeitete.

Immer wieder vermittelte er Konzertprogramme auch nach Hamburg, in die Laeiszhalle, lernte Hans-Werner Funke und dessen Sohn Pascal kennen und nahm 2013 das Angebot an, bei der Konzertdirektion Goette Christian Kuhnt zu ersetzen, der als Chef des Schleswig-Holstein Musik Festivals auf dem Sprung nach Lübeck war.

Persönliche Kontakte spielen große Rolle

Heute ist Glashoff der unumstrittene künstlerische Chef bei Goette und programmiert im Jahr etwa 150 Konzerte. Nicht nur die ProArte-Reihe in Hamburg, sondern auch Konzerte in Bremen, Bielefeld, Braunschweig, Hannover, Düsseldorf und Berlin. Dabei kämpft er mit Veranstaltern etwa in den USA, in China und Südamerika um hochkarätigste Künstler wie den Pianisten Lang Lang. „Finanziell können wir mit Agenturen in Dubai oder Abu Dhabi nicht mithalten“, sagt Glashoff. „Aber für die Künstler ist nicht nur die Gage wichtig. Ihnen geht es auch um die Akustik des Konzertsaals und um das Publikum. Unterhalten sich die Leute während des Auftritts oder telefonieren gar mit dem Handy? Gehen sie zwischendurch einfach raus? Davon hängt viel ab.“

Persönliche Kontakte spielen eine große Rolle; es geht um Vertrauen, oft um langjährige Freundschaften, die entstanden sind. „Auch Weltstars erinnern sich, wer am Anfang ihrer Karriere zu ihnen gehalten hat“, sagt Glashoff und nennt das Beispiel Grigory Sokolov. Der russische Pianist spielte anfangs in halb leeren Sälen, doch seine außerordentliche Qualität habe überzeugt, man sei ihm treu geblieben. Heute sind Sokolovs Konzerte weltweit ausverkauft; einen anderen Veranstalter, der vielleicht deutlich mehr zahlen würde, hat er sich dennoch nicht gesucht.

Sokolov ist übrigens einer der wenigen, die vom Hype um die Elbphilharmonie relativ unbeeindruckt sind; er spielt weiterhin in der Laeiszhalle, der seine Pianisten-Kollegin Martha Argerich gerade im Abendblatt-Interview einen „goldenen Klang“ bescheinigte. Ansonsten führt aber auch für Burkhard Glashoff am neuen Konzerthaus fast kein Weg vorbei. Anders als früher in der Laeiszhalle sind sämtliche Konzertreihen ausabonniert, auch die, die wegen des enormen Andrangs zusätzlich geschaffen wurden. Jedes ProArte-Konzert im Großen und im Kleinen Saal ist ausverkauft, ihn persönlich haben seit der Elbphilharmonie-Eröffnung im Januar 2017 Tausende Bitten um Karten erreicht.

Das Publikum lässt sich nicht täuaschen

Auch die Anzahl der Freundschaftsanfragen bei Facebook sei drastisch gestiegen, berichtet er. Eine fantastische Situation für eine Konzertagentur, doch Glashoff will sich auf eine Alles-geht-Haltung trotzdem nicht einlassen. Zwar könne man jetzt experimentierfreudiger sein, dank Ausverkauft-Garantie auch unbekannteren Künstlern eine Chance geben oder neue Konzertformate anbieten, doch künstlerische Qualität sei für ihn nicht verhandelbar.

Das Publikum lasse sich ohnehin nicht täuschen; selbst wer viel Geld für eine Eintrittskarte bezahlt habe und deshalb wild entschlossen sei, einen tollen Abend zu erleben, spüre intuitiv, wenn auf der Bühne etwas nicht stimme. Auch finanziell dürfe man den Bogen nicht überspannen, nur weil sich derzeit nahezu alles zu jedem Preis verkaufen lasse. „200 Euro für die teuerste Ticketkategorie ist meine Schmerzgrenze“, sagt er. Sie durchzusetzen, dafür habe er sehr gekämpft, Ausreißer nach oben würde er nicht mitgehen. Sondern lieber auf einen Künstler verzichten, wenn dessen Gage so hoch liegt, dass einigermaßen moderate Preise nicht mehr möglich sind.

Tickets für Netrebko-Konzert kosten bis zu 450 Euro

Seinem Traum, Anna Netrebko für ProArte nach Hamburg zu holen, kommt er so natürlich nicht näher: Für den (längst ausverkauften) Auftritt der russischen Star-Sopranistin in der Elbphilharmonie im Juni 2019 wurden von Veranstalter DEAG bis knapp 450 Euro pro Ticket verlangt. Grundsätzlich, so Glashoff, sei es schwierig, mit Weltstars Geld zu verdienen, entscheiden doch bisweilen die letzten 200 verkauften Karten darüber, ob überhaupt ein Gewinn erwirtschaftet wird. In Hamburg sei das Risiko dank Elbphilharmonie derzeit gering, in anderen Städten, in denen er aktiv ist, aber umso größer. Dann lieber Konzerte zu den branchenüblichen Solistengagen veranstalten, die im höheren vierstelligen bis mittleren fünfstelligen Bereich liegen und trotzdem einen unvergesslichen Abend bieten.

Keine CD könne je ein Konzerterlebnis ersetzen, ist Glashoff sicher. Gerade der Moment der Stille, nachdem der letzte Ton verklungen ist, mache die Live-Atmosphäre aus. „Als Simon Rattle in Hannover Mahlers Neunte dirigierte, habe ich diesen Moment mit 3000 Menschen im Saal geteilt und bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.“

Zur Entspannung bügelt er

Zu seinem Plädoyer für Musik als Live-Erlebnis passt, dass Glashoff zu Hause eher wenig klassische Musik hört. Lediglich wenn er bügele („Das macht mir unheimlichen Spaß!“), lege er aktuelle CDs in den Player, etwa um sich aufstrebende Talente anzuhören. Sonst laufen in seiner Maisonette-Wohnung im Schanzenviertel („Auf der ruhigen Seite ...“) eher die Alben von Singer-Songwritern wie Rufus Wainwright oder Sufjan Stevens – wenn es die Zeit zulässt und er nicht gerade in der Kaifu-Lodge trainiert („Mit einem Personal Trainer – der einzige Luxus, den ich mir gönne“), bei Sonnenschein um die Alster joggt („Ich bin ein Schönwetter-Läufer“) oder im konzertarmen Sommer zu Festivals reist, um sich neue Konzertformate und Künstler anzusehen.

Arbeit im Urlaub: Auch dies ein Teil seiner ganz persönlichen Work-Life-Balance.

3 Fragen an Glashoff

1 Was ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel in den nächsten drei Jahren? Nach der turbulenten Eröffnungsphase der Elbphilharmonie ist es mein wichtigstes Ziel, wieder mehr Zeit für meine Familie und Freunde zu finden. Weiterhin möchte ich ein soziales Projekt identifizieren, bei dem ich mich nachhaltig in Hamburg engagieren kann.

2 Was wollen Sie in den nächsten drei Jahren beruflich erreichen? Die größten beruflichen Herausforderungen sind für mich zurzeit die Aus­einandersetzung mit der Digitalisierung im Veranstaltungsbereich sowie die Entwicklung neuer Konzertformate, die klassische Musik im weitesten Sinne in den Mittelpunkt stellen und ein breites Publikum ansprechen und begeistern.

3 Was wünschen Sie sich in den nächsten drei Jahren für Hamburg? Dass die große Begeisterung für die Elbphilharmonie und die neu (wieder)entdeckte Liebe der Hamburger zur klassischen Musik noch viele Jahre anhält.