Ausstellung

Endzeitstimmung am Glockengießerwall

Caspar David Friedrich (1774–1840) Das Eismeer, 1823/24 Öl auf Leinwand

Caspar David Friedrich (1774–1840) Das Eismeer, 1823/24 Öl auf Leinwand

Foto: Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

Mit „Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600“ eröffnet die Hamburger Kunsthalle ihre zweite große Sommer-Ausstellung.

Hamburg.  Sie sind die kleinsten Exponate der Ausstellung und haben doch so viel Gewicht: Die drei Panoramen, die Hermann Biow 1842 im Stil der Daguerreotypie machte, sind die ersten Fotografien einer Katastrophe. Sie zeigen den Blick auf die Nikolaikirche, die neue Börse und den Adolphsplatz kurz nach dem Großen Brand. Ein Ereignis, das nicht nur die Hansestadt erschütterte, sondern um die Welt ging; dank der Fotografie, die wenige Jahre zuvor erfunden worden war.

„Ohne Bilder gäbe es keine Ka­tastrophen“, bringt es Direktor Martin Vogtherr auf den Punkt. „Sie schaffen es, dass sich Naturereignisse, politische Umbrüche oder anderweitige Krisenszenarien ins kollektive Bewusstsein einprägen.“ Besonders die bildlich-künstlerische Aufbereitung von Naturkatastrophen ist ein Schwerpunkt der Ausstellung „Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600“.

Jedes Jahrhundert meinte, in Endzeit zu leben

Neben der Triennale-Schau „Control. No Control“, die sich mit den Mechanismen von Überwachung und Macht(missbrauch) auseinandersetzt, ist sie die zweite große Sommer-Ausstellung. Schiffsunglücke, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überflutungen – Endzeitstimmung am Glockengießerwall. Aber kein Grund zur Sorge: „Jedes Jahrhundert hatte das Gefühl, in einer Endzeit zu leben“, sagt der Kurator Martin Bertsch. „Besonders im ausgehenden 18. Jahrhundert setzte ein starkes Reflektieren über vonstatten gehende Katastrophen ein. Die Menschen wurden sich historischen Ereignissen bewusst“, ergänzt Bertsch.

Die Kunsthalle, die sich der Kunst des 18. Jahrhunderts verschrieben hat, kann dabei aus dem Vollen schöpfen: So sind einige Arbeiten von Joseph Wright of Derby, etwa „Ausbruch des Vesuvs“, um 1790, und Johann Heinrich Füssli mit „Der gerächte Neger“ (1806/07) zu sehen. Im Kontext der Katastrophe werden auch die romantischen Ölgemälde von Caspar David Friedrich noch einmal ganz anders wahrgenommen. „Das Eismeer“ wirkt nahezu bedrohlich mit seinen schroffen Formationen.

Daneben gibt es Leihgaben anderer großer Museen, etwa „Schiffbruch des Dreimasters ,Emily‘ im Jahr 1823“ von Eugène Isabey aus dem Grand Palais, Jan Asselijns „Bruch des St. Anthonisdeichs nahe Amsterdam 1651“ aus dem Rijksmuseum oder „Der Ausbruch des Vesuv mit dem Tod Plinius’ des Älteren“ (1813) von Pierre-Henri Valenciennes aus dem Musée des Augustins in Toulouse, das die epochale Katastrophe detailreich und dramatisch schildert.

201 Werke von 101 Künstlern werden gezeigt

Mit 201 Werken von 101 Künstlern zeigt die Kunsthalle eine zeitlich und medial weit ausholende Schau, die vom dokumentarischen Brückenschlag lebt. So werden Werke des 17. Jahrhunderts mit Zeitgenossen kombiniert, etwa der vierteilige Zyklus über Luft, Erde, Wasser und Feuer des Schweizer Landschaftsmalers Felix Meyer (1653–1713) mit Olphaert den Otter, Jahrgang 1955, der seine „World Stress Paintings“ seit 2009 auf Grundlage von Nachrichtenbildern über Unfälle und Katastrophen mit Eitempura auf Papier anfertigt. Der Leuchtkasten „Flood“ (2011) des 1969 geborenen Comic-Künstlers Kota Ezawa illustriert eine im Wasser versunkene Häusersiedlung. Sehr beeindruckend sind die Arbeiten von Aloys Rump zum Thema Erdbeben: Für „LA 2035“ und „San-Andreas-Verwerfung 2035“ brachte er Schiefermehl und Marmorstaub großflächig auf Leinen auf.

Natürlich darf bei einem Blick in den Abgrund der Menschheitsgeschichte auch die „Titanic“ nicht fehlen. Ihr ist ein 30-minütiger Stummfilm gewidmet. Als literarisches Aperçu sind Zeichnungen von Johann Wolfgang von Goethe zum Ausbruch des Vesuvs eingefügt. Und der Künstler Martin Kippenberger verpflanzte sich selbst auf das Floß der Medusa, als Ertrinkender mit dem Tode ringend.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich jedes Zeitalter seine Katastrophen macht und ebenso die Kriterien definiert, nach der ein Ereignis als solches etikettiert wird. Die Bilder, ob ­gemalt oder fotografiert, sind nachwirkende Übermittler dieser Katastrophen. Sie alarmieren, befremden, wecken Empathie. Und bestenfalls aktivieren sie in uns ein Umdenken.

„Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600“ bis 14.10., Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, T. 428 13 12 00, Di–So 10.00–18.00, Do 10.00–21.00, Eintritt 14,-, ermäßigt 8,-; www.hamburger-kunsthalle.de