St. Pauli

Erstes Festival im Resonanzraum: Enklave der Freiheit

Sokratis Sinopoulos (l.) David Bergmüller und Saerom Park

Sokratis Sinopoulos (l.) David Bergmüller und Saerom Park

Foto: Gerhard Kuehne

Abseitige Schrägheit und das Verschmelzen von Barock, Neuer Musik, Elektronik und Weltmusik prägten die Veranstaltung.

Hamburg.  Öfter mal was Neues. Auf das Ensemble Resonanz (ER) kann dieser Satz ohnehin häufig angewendet werden, denn das Kammerorchester verblüfft immer wieder mit überraschender Werkauswahl. Zum Auftakt des dreitägigen Resonanzraum-Festivals hat es die Bühne gedreht – von der Längsseite in eine Schräge zur Stirnseite. Auch die 60-Grad-Drehung kann man programmatisch deuten: Das erste Festival im Resonanzraum mit sechs Konzerten und DJ-Sets und einer klugen Eröffnungsrede von Kultursenator Carsten Brosda war von abseitiger Schrägheit und ließ Barock, Neue ­Musik, Elektronik und Weltmusik aufeinander treffen und miteinander verschmelzen.

„Wir lösen den Sicherheitsgurt“, brachte ER-Chef Tobias Rempe diesen Gedanken der Aufgabe von Grenzen auf den Punkt. Durch diese aufgelösten Grenzen und die Begegnung von Musikern aus Griechenland, der Türkei und Persien wurde der Resonanzraum zur Enklave der Freiheit.

Bei der „Outernational Night“ unter dem Begriff „Rivers“ trafen der griechische Lyraspieler Sokratis Sinopoulos, sein Landsmann Yannis Kyriakides (Gitarre, Electronics) und die persischen Perkussionisten Keyvan und ­Bijan Chemirani aufeinander. Besonders von den Trommlern war das Pub­likum fasziniert. Die Brüder schlugen nicht auf die Felle ihrer Trommeln, sie bearbeiteten sie mit den Fingern – ähnlich wie ein Pianist die Tasten anschlägt – und schufen ein filigranes rhythmisches Geflecht, das man staunend verfolgte.

Auch Partys und DJ-Auftritte waren Teil des „Urban String“-Konzepts

Zur Verbindung zwischen türkischen Liedern und den Resonanz-Streichern kam es im Uebel & Gefährlich. Das ER nutzte die Nachbarschaft zum Club im vierten Stock des Hochbunkers an der Feldstraße, um dort in großer Besetzung mit der Sängerin Derya Yildirim zu spielen und Orchesterwerke von Theodorakis und Xenakis aufzuführen.

Jeder der drei Tage hatte seine Höhepunkte. Am Eröffnungstag war es die Uraufführung eines neuen Werks von Enno Poppe mit dem Titel „Stoff“. „Ich habe da was fertig. Wollt ihr das ­haben?“, hatte Poppe vor einem halben Jahr Rempe gefragt. Der nahm das Stück mit Kusshand in das Programm. Poppe selbst dirigierte den „Stoff“, eine wuchtige Komposition für neun Streicher, sie ist geräuschhaft, enthält große Tonsprünge, einige getragene Passagen und endet furios. Geigen und Bratschen wurden von den ER-Musikern stehend gespielt, mit so viel Verve und Energie, als würden sie einen Jimi-Hendrix-Song interpretieren.

Nicht nur Konzerte, auch Partys und DJ-Auftritte waren Teil des „Urban String“-Konzepts im Resonanzraum. Erst gegen 3.30 Uhr endete das Festival dort mit dem Set der Berliner DJane Ipek. Auch sie steht mit ihrem Arabic Balkan House Electro Mix für Völkerverständigung auf dem Dancefloor – ganz im Sinne dieses ersten und erfolgreichen Resonanzraum-Festivals.