Konzerte

Ein Werk wie ein Soundtrack zu Migration und Flucht

Das Ensemble Resonanz (Archivaufnahme)

Das Ensemble Resonanz (Archivaufnahme)

Foto: Markus Scholz/dpa

Das Ensemble Resonanz stellte in der Elbphilharmonie das Programm „disappearances“ vor. Und das ist ein dicker Brocken!

Hamburg.  Georges Aperghis weiß, was Migrantentum bedeutet. In den 60er-Jahren kam der junge Grieche nach Paris: ohne Sprachkenntnisse und ohne dort jemanden zu kennen. Ein Flüchtling. Viel von diesen Erfahrungen steckt in seinem Werk „Migrants“, einer Auftragskomposition des Ensemble Resonanz. In drei ausverkauften Konzerten im Kleinen Saal der Elbphilharmonie präsentierte das Hamburger Kammer­orchester dieses grandiose Werk, das Abstraktion und politische Aussage miteinander verbindet.

Es ist ein dicker Brocken, den das Ensemble unter der Leitung von Emilio Pomàrico den Zuhörern vorsetzt, denn Apergis’ neuem Werk ist eine Orchesterbearbeitung von Leoš Janáčeks „Tagebuch eines Verschollenen“ vorangestellt. 19 kurze Lieder umfasst dieses zur Zeit des Ersten Weltkrieges komponierte Stück, gesungen werden sie von Agata Zubel (Sopran) und Christina Daletska (Mezzosopran). Ohne Pause gehen die beiden Werke ineinander über.

Ängste wie die von Bootsflüchtlingen

Janáčeks Lieder-Zyklus ist sperrig, doch schwelgerische Sequenzen gibt es auch bei Aperghis nicht. Der Pianist setzt harte Cluster, die furios spielenden Streicher erzeugen geräuschhafte und schrille Tontrauben wie in einem Albtraum, die Sängerinnen skandieren unverständliche Silbenkaskaden. So könnte es für einen Menschen in der Fremde klingen. Teil des Sprechgesangs sind Passagen aus Joseph Conrads Roman „Das Herz der Finsternis“. Die Beschreibung einer Flussfahrt durch den unbekannten Urwald drückt Ängste aus, die wohl auch Bootsflüchtlinge empfinden, die sich auf den Weg in eine unbekannte Zukunft machen. Aperghis Musik mit ihren dynamischen Abstufungen von extrem laut bis kaum hörbar spiegelt diese Verlorenheit, die bis zum Verlust der Identität geht.

Solisten, Dirigent und das mitreißend spielende Orchester werden von den Zuschauern am Ende für dieses anspruchsvolle Werk gefeiert. Mit dem Programm „disappearances“ wird das Ensemble Resonanz demnächst in Wien, Luxemburg und Amsterdam gastieren. Vom 21. bis 23. Juni folgt dann das erste Resonanzraum Festival im Bunker Feldstraße. Infos unter: resonanzraum.club/festival