St. Pauli

Der Hamburger Kiez: Von der Partyzone zum Weltkulturerbe?

Die Reeperbahn zieht jährlich Millionen von Besuchern aus aller Welt an. Eine Initiative will versuchen, dennoch die Seele St. Paulis zu erhalten

Die Reeperbahn zieht jährlich Millionen von Besuchern aus aller Welt an. Eine Initiative will versuchen, dennoch die Seele St. Paulis zu erhalten

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Durch eine Unesco-Bewerbung soll der Kiez ein neues Selbstverständnis erlangen: „Wir müssen den Tourismus selbst gestalten.“

Hamburg.  Ist das Ganze nur eine Schnapsidee? Diese Frage stellen sich die Initiatoren durchaus selbst. Zumindest sind sie sich einig, dass alles mit einer solchen begonnen hat. Doch mittlerweile hat die Bewerbung St. Paulis um den Status eines immateriellen Kulturerbes der Unesco für die Unterstützer einen ernsten Hintergrund. Denn man fürchtet um nichts weniger als die Seele des Quartiers.

„St. Pauli ist nicht nur ein Ort“, sagt Quartiersmanagerin und Mitinitiatorin Julia Staron. „St. Pauli ist ein Selbstverständnis, eine Haltung, die auf Akzeptanz und Toleranz fußt, ein Lebensraum und Freiraum für multiple Lebensentwürfe, in dem sich die Einheit in der Vielfalt findet.“ Diese kulturelle Einzigartigkeit solle mit der Bewerbung öffentliche Würdigung erfahren. Quasi als Botschaft an die Welt: „Wir sind keine Folklore-Kulisse und kein Disneyland“, sagt Julia Staron.

Billigkioske und Touristenmassen

Schon seit dem 15. Jahrhundert sei auf St. Pauli angesiedelt worden, was innerhalb der Stadt nicht erwünscht gewesen sei – Fremde, Mittellose, Pestkranke, Nicht-Protestanten, Laufhausbesucher. Hamburg habe sich hier immer zurückgehalten, was ein Segen gewesen sei, doch heute gehe das nicht mehr: viel zu hohe Mieten, Billigkioske und Touristenmassen, die das Viertel vor allem als „überdimensionierte Partyzone“ wahrnehmen, würden „die Vielfalt in einen Einheitsbrei“ verwandeln, heißt in der Bewerbung der Initiative, der sich bislang neben dem BID Reeperbahn auch die IG und der Bürgerverein St. Pauli, Kirchengemeinden und Olivia Jones angeschlossen haben und die am Montag zur Pressekonferenz in den Silbersack geladen hatte. Solange die Stadt hier nur zusehe und sich über das Geld, das Millionen von Touristen jährlich mitbringen, freue, handelt der Stadtteil nun eben selbst.

Die Bewerbung

Julia Staron und ihre Mitstreiter hoffen, dass sich im Laufe des Bewerbungsprozesses ein gemeinsamer Nenner von Anwohnern, Geschäftsleuten und Vereinen herausbildet, der zeigt, was der Kiez will und wie er sich entwickeln soll. Dazu hat die Initiative auch einen Fragebogen entwickelt. Darauf können Anwohner, Angestellte, Geschäftstreibende oder auch Besucher angeben, wofür St. Pauli ihrer Ansicht nach steht, was sie für bewahrenswert erachten, worin sie die kulturelle Ausdrucksform des Quartiers sehen und warum es Weltkulturerbe sein sollte – oder auch nicht.

Selbstbewusstsein im Stadtteil stärken

Zudem solle die Bewerbung, deren Chancen total offen seien, das Selbstbewusstsein im Stadtteil stärken. „Wir müssen uns beispielsweise nicht nur als Opfer des Tourismus sehen, sondern können ihn selbst gestalten“, sagt Staron. „Wer nur Ballermann-Musik spielt, darf sich schließlich nicht beschweren, dass auch nur dieses Publikum kommt.“ Dasselbe gelte für das Angebot an Gästeführungen – eines der Hauptärgernisse für Anwohner.

Dennoch: Gerade das Thema Tourismus wird ein „Hotspot-Stadtteil“ kaum allein bewältigen können. So fordert Julia Staron weiterhin von der Stadt, Vorsorge zu treffen, damit in Hamburg keine Zustände wie in Barcelona und Venedig entstehen. Oder wie in Amsterdam. Hier greift das grün-linke Stadtparlament nun konsequent durch und verbannt Geschäfte, die Touristen anlocken, aus der Innenstadt, verbietet Airbnb und Reisebusse, beschränkt den Fahrradverleih an Touristen und hebt die Touristensteuer an. Ansätze, denen die Reeperbahn-Quartiersmanagerin durchaus etwas abgewinnen kann. „Ich fände es richtig, Airbnb auch in Hamburg zu verbieten oder zumindest stark zu reglementieren“, sagt sie. „Und die Hotspots sollten entschädigt werden, in dem die Bettensteuer nur diesen Quartieren zugutekommt.“

Lebensqualität steigern

Auch Hamburgs Tourismus-Experten gucken gespannt nach Amsterdam – auch wenn die Verhältnisse nicht direkt vergleichbar seien, da sich in Amsterdam alles in einer kleinen Innenstadt balle, wie Norbert Aust, Vorsitzender des Tourismusverbands, sagt. „Trotzdem muss man wachsam sein und nicht einfach über solche Entwicklungen hinweggehen.“ Seine Lösung: Mehr bezahlbare Wohnungen bauen und dabei neue, attraktive Viertel schaffen, die Besucher anlocken und die Ströme entzerren.

Die Tourismus GmbH kündigte an, den Blick zukünftig „stärker nach innen zu richten“. Schließlich sei die eigentliche Zielsetzung nicht, eine gewisse Vorgabe an Übernachtungszahlen zu erreichen, sondern mit und durch den Tourismus die Lebensqualität in Hamburg „hochzuhalten oder gar zu steigern“. Ein richtiges Konzept, wie eine Entzerrung gelingen kann, „damit in Hamburg keine Zustände wie in Amsterdam entstehen“, fordert FDP-Fraktionschef Michael Kruse. „Die Wirtschaftsbehörde sollte zudem das lange angekündigte Konzept zur Entzerrung von Großveranstaltungen präsentieren.“

Der tourismuspolitische Sprecher der CDU, David Erkalp, rät dringend, auf die Innenstadt zu setzen. Diese müsse auch nach 20 Uhr noch so attraktiv gemacht werden, dass die Touristen dort bleiben, statt auf Schanze, Lange Reihe oder den Kiez auszuweichen. Unschlagbarer Vorteil: In der City wohnten kaum Menschen, die sich gestört fühlen könnten. Einen Weltkulturerbe-Titel für St. Pauli hält Erkalp dagegen für kontraproduktiv: „Ich glaube, der Charakter und die Moral von St. Pauli wären total verändert, wenn hier plötzlich Regeln auftauchen.“

Unmut über die Bewerbung

Die Tourismus GmbH dagegen begrüßt den Vorstoß, betont aber, dass es hierbei um eine „Würdigung der speziellen Identität des Stadtteils“ gehe – und nicht um „eine Maßnahme, um diesen vor zu viel Tourismus zu schützen“. Was man wie am besten schützt, darüber sind sich wohl auch die St. Paulianer noch nicht einig. Auf dem Pressetermin im Silbersack machten einige ihrem Unmut über die Bewerbung Luft: Sie befürchten „eine noch stärkere Vermarktung des ohnehin schon von Touristen bevölkerten Stadtteils“.

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