Elbphilharmonie

Bassbariton Sir Bryn Terfel: Der Beste unter den Bösen

Bariton Sir Bryn Terfel sang, sprach und schlief in der Elbphilharmonie – sein Auftritt war diesmal deutlich länger als bei den Eröffnungskonzerten

Bariton Sir Bryn Terfel sang, sprach und schlief in der Elbphilharmonie – sein Auftritt war diesmal deutlich länger als bei den Eröffnungskonzerten

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Der walisische Sänger kehrte mit Berlioz’ „Faust“-Oper in die Elbphilharmonie zurück. Marc Soustro wird dirigieren.

Hamburg.  Kaum war er da, schon war er wieder weg. So in etwa lief es im Januar 2017 bei den Eröffnungskonzerten der Elbphilharmonie: Sir Bryn Terfel – den die klassische Musikwelt gern für so ziemlich alles in seiner Stimmlage buchen würde, aber fast nie live zu ­hören bekommt – sang gerade mal eine Handvoll Minuten im Finale von Beethovens Neunter. Toll, gewiss, aber auch nicht gerade Langstrecke. Ressourcenverschwendung vom Nobelsten.

Mehr als ein Jahr später ist der schrankhohe Bassbariton mit dieser Stimme, die für zwei reicht, wieder in der Stadt; nicht als Wagners Wotan oder Holländer, nicht als Verdis Falstaff oder Puccinis Scarpia. Aber in einer konzertanten Aufführung von Berlioz’ irrer Opern-Melange „La Damnation de Faust“, als ­Méphistophélès. „Yn braf eich gweld chi“. Der Waliser Terfel ist beim Treffen im Foyer des Westin Hotels so freundlich, dass ihn die Aussprachekatastrophe bei „Schön, Sie zu sehen“ nicht zu stören scheint.

Teuflischer Charme

Für eine Meinung zum ersten Auftritt, damals im Großen Saal, braucht Terfel nur drei Worte: „I loved it.“ Lampenfieber? Ach nein, oft gesungen, diese Partie, kein Problem. Das Holz, das Design, alles fein. Nur das Konzept mit Publikum hinter der Bühne, das sei generell nicht ganz seine Tasse Tee.

In weniger Stunden als gedacht – Maschine und Tourneegepäck aus Amsterdam hatten Verspätung – wird Terfel mit teuflischem Charme auf der Elbphilharmonie-Bühne stehen, vor dem Malmö Symfonieorkester, das Marc Soustrot energiegeladen dirigiert. Man wird jede Nuance, jede Silbe, ­jeden Buchstaben von Terfel bestens verstehen; keiner vermeintlichen, diabolischen Freundlichkeit wird zu trauen sein. Es wird klar, warum Faust ihm sofort auf den Leim geht, wieso ­Méphistophélès triumphierend sein „Je suis vainqueur!“ röhren kann, bevor im Finale mit extragroßer Orchester­besetzung die Hölle losbricht. Tenor Paul Groves, an diesem Abend stimmlich nicht auf der Höhe seiner Notwendigkeiten, wird dagegen chancenlos verblassen. „Ich habe gewonnen!“

Perfekte Einschlafhilfe

Der Sänger Terfel kennt dieses Gefühl, ­beneidenswert gut. Drei Stunden nach den ersten Berlioz-Tönen wird das Publikum toben vor Begeisterung, ­wegen der spektakulären Musik an sich, aber auch wegen Terfel, dem Besten unten den Bösen. Wenn er von seiner gereiften Vorliebe für die unverzichtbaren bad guys berichtet, passiert das mit sanfter Sprechstimme, so ­dezent, dass sie, in Fläschchen abgefüllt, eine perfekte Einschlafhilfe für überdrehte Kita-Racker wäre.

Am Ende des langen Berlioz-Konzerts wird Terfel wahrscheinlich froh sein, wie nah das Hotelzimmer in diesem Konzerthaus ist. Sammeln, ­packen, frühstücken, wann geht der Flieger? Künstler-Alltag. Dabei ist Terfel, bei aller Liebe zur Musik, auch gern und nach wie vor das rustikale Landei aus Wales. Farmersohn. Naturbursche.

„Die Stimme muss sich erholen können“

Deswegen ist ein Wales-Tag im von Sir Bryn Terfel (2017 für seine Verdienste um Musik zum „Knight Bachelor“ in den persönlichen Adelsstand ­erhoben) vor allem bodenständig. Auf der Farm von Terfels Vater in Nordwales hat er gerade einen der Kuhställe in eine Ferienwohnung umgebaut, er selbst lebt in Penarth. Das Erste, was einem Google Maps von dort zeigt, ist ein Golfplatz. Handicap 12, berichtet Terfel, aufrichtig betrübt, weil sich seit Jahren nichts bewegt.

Die Frage, wie viel er singen könnte, wenn er wollte, und wie viel davon er tatsächlich zusagt, die kennt Terfel schon. „Ich rechne aber eher nicht in Vorstellungen, die ich singen könnte, sondern mehr in Wochen, die ich zu Hause sein kann. Das ist wichtiger. Die Stimme muss sich erholen können.“

1992 war es, jenes Jahr, in dem seine Karriere durch den Auftritt als Jo­chanaan in einer „Salome“ bei den Salzburger Festspielen durch die Decke ging, hatte ein vielversprechender ­Waliser auch an der Hamburger Oper einige Termine, im damaligen „Figaro“. „Das war die erste Stufe meiner Karriereleiter.“ Die Zeiten, in denen Terfel hier so einfach zu haben wäre, sind längst vorbei.

Sucht nach regelmäßigem ­Applaus loswerden

Was es mit einem Ego anstellt, wenn man als Künstler chronisch begehrt ist? „So etwas entwickelt sich ja erst“, ist Terfels Antwort. Stück für Stück hocharbeiten, das war sein Weg, „nach acht Jahren war ich bereit für ­Figaro, Leporello, Don Giovanni. Und ich hatte viel Glück mit den Dirigenten, mit denen ich arbeiten durfte – Solti, Abbado, Muti, Gardiner …“

Erstaunlich, aber auch konsequent, dass Terfel bereits sein Leben nach der Karriere vorbereitet. Der Umzug Richtung Cardiff war ein erster Schritt, dort sind Konservatorium und Nationaloper, „vielleicht gründe ich ja ein ­Ensemble“. Momentan ist er weit davon entfernt, er hat Familie, drei Söhne und eine kleine Tochter. „Jetzt lebe und atme ich diese Aufgabe.“

Terfel auf CD

Die Sucht nach regelmäßigem ­Applaus loszuwerden, bevor man geht, das muss wirklich hart sein. „Für mich hat es mehr mit einer anderen Sucht zu tun“, findet Terfel. „So gut wie irgend möglich aufzutreten. Mozart habe ich 25 Jahre lang gesungen, ich war jung, ich war leichtsinnig, ich bin um drei ins Bett und habe um halb elf wieder ­gesungen, ohne mir irgendetwas dabei zu denken. Das war so einfach wie Radfahren. Mit 52 sieht das anders aus.“

Leichte Traurigkeit

Eines fehlt noch in Terfels Andenkensammlung: Bayreuth, jedes Jahr ab Ende Juli, und traditionell die Terminkonkurrenz zu den zeitgleich laufenden Salzburger Festspielen. In beiden Welten präsent zu sein, ist nur den ­wenigsten vergönnt. Bei der Erwähnung des Allerheiligsten für Wagnerianer kommt Terfel kurz ins Grübeln: „Eine leichte Traurigkeit empfinde ich tatsächlich, wenn ich daran denke. Letzten Monat war ich mit Dame Gwyneth Jones essen …“ (Waliserin, natürlich) „… und ihre ­Geschichten über Bayreuth waren schon sehr beeindruckend. Mit 20 habe ich in London ein Wagner-Stipendium gewonnen, so kam ich für fünf Tage nach Bayreuth.

Ich ­habe sogar für jemanden aus der Wagner-Familie auf der Bühne den Wolfram gesungen, das ,Wie ­Todesahnung‘ aus ,Tannhäuser‘, und man hatte genügend Rücksicht mit mir, um zu sagen: zu jung, zu früh. Und als die Zeit für Rollen in Bayreuth gekommen war, war mein Wotan leider ­immer in Spanien, am Meer und San­gria trinkend.“ Ein Terfel-Klassiker, diese Antwort, aber immer wieder lustig. Und weil er schon dabei ist, legt Terfel noch einen nach, bevor die Pflicht ruft, damit der Teufel sich auf die arme Seele stürzen kann: den Witz des Bass­bariton-Kollegen Hans Hotter, einer Bayreuth-Legende. „Einige der besten ­Wotan-Auftritte, die ich je hatte, waren in meinem Musikzimmer.“