Elbphilharmonie

Pflicht statt Kür: Hengelbrocks letztes reguläres Programm

Der Dirigent Thomas Hengelbrock (Archivbild)

Der Dirigent Thomas Hengelbrock (Archivbild)

Foto: dpa

Das NDR Elbphilharmonie Orchester ging bei Beethoven nur in die Halbvollen. Vielleicht ein Symbol für die gemeinsamen Jahre?

Hamburg.  Als Thomas Hengelbrock im Herbst 2011 sein erstes reguläres Konzert als Chefdirigent des NDR-Orchesters leitete, endete dieser Saisonstart mit Beethovens „Eroica“ als Versprechen auf Kommendes. Das Motto: „Anything goes“. Jetzt, kurz vor dem arg unharmonisch vollzogenen Weggang vom NDR zum Saisonende, absolvierte der Noch-Chef sein letztes reguläres Programm in der Elbphilharmonie (im Juni folgen einige Extra-„Konzerte für Hamburg“) – und wieder war Beethovens Dritte der Abbinder.

Gleiche Noten, ganz andere Vorzeichen. Wieder ging es über den Umgang des Individuums mit Macht und Moral, nun aber wurde man auch aus größerer Entfernung den Eindruck nicht los, Hengelbrock dirigiere mit zusammengebissenen Zähnen; Pflicht statt Kür. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ Mark Twain, wahre Worte.

Adagio durchschritt er mit Distanz

Eigenwillig war dieser Abend aber auch aus anderen Gründen, denn er arbeitete mit den größten denkbaren Gegensätzen: Tod und Leben, Mahlers Trost suchende Resignation und Beethovens unbeugsamer, lebensgieriger Furor. Die erste Hälfte kombinierte das Finale aus der unvollendet gebliebenen Zehnten von Mahler mit dessen „Kindertoten­liedern“, zwei Stücke, in denen es um Allerletzes geht.

Das Adagio durchschritt Hengelbrock mit Distanz, das klang nicht wie ein tränenfeuchter Abschiedsbrief, sondern nach Autopsie-Bericht. Widerstand gegen das Schicksal, gegen das Beethoven später anrasen sollte, sei letztlich dann doch zwecklos, raunte diese Interpretation.

Tieftraurig und düster

Der Liedzyklus war noch nicht ganz so weit am Ende; tieftraurig und düster begann Bariton Matthias Goerne seine Ablebensbeichten, der Kammermusiker in Goerne sorgte nach verschattetem Anfang dafür, dass die verzweifelte Leere durchhörbar wurde. Zart ließ Hengelbrock die Stimme in „Nun seh ich wohl …“ durch die Begleitung umrahmen. Das finale „In diesem Wetter, in diesem Braus …“ gestaltete Goerne mit Sanftmut. Es ist schon in Ordnung, flüstert diese Musik. Loslassen geht, auch der Trennungsschmerz wird vergehen.

Wenige Tage nach einer Siebenten mit Currentzis’ MusicAeterna ist es nicht direkt fair, Beethovens Dritte mit dem NDR-Orchester zu hören. Glasklar trat zutage, wo und warum das Orchester noch Erkenntnislücken nicht überspielen kann, wo der Wille zwar da war, aber der Weg nicht. Der Kopfsatz versprach viel: agil, nach vorne treibend, dirigierte Hengelbrock ihn.

Man ging nur in die Halbvollen

Der Trauermarsch: entschwert und ungebrochen, aber das Gefühl einer existenziellen Erschütterung mochte sich nicht einstellen. Und auch das Finale war wie mit Teilkasko-Risikobeteiligung abgesichert. Man ging nur in die Halbvollen, eine komplette Sinfonie und dennoch: eine Unvollendete, ein Symbol für die gemeinsamen Jahre und ihren Ausklang.