Wirtschaft

Idee aus Hamburg: Gute Geschäfte mit HafenCity-Fenstern

Auch hier am Kaiserkai wurden die HafenCity-Fenster verbaut

Auch hier am Kaiserkai wurden die HafenCity-Fenster verbaut

Foto: Marcelo Hernandez

Durch eine spezielle Technik schlucken sie im gekippten Zustand besonders viel Schall. Interesse daran besteht bundesweit.

Hamburg.  Große Städte wie Hamburg wachsen stetig – und es wird immer schwieriger, dort noch Raum für die Ansiedlung von Neubürgern zu finden. Notwendigerweise nimmt der Abstand zwischen Wohnungen und Industrieflächen aus diesem Grund an vielen Orten ab. Daraus ergibt sich die Herausforderung, die Anwohner möglichst wirksam vor Lärm von außen zu schützen. Vor diesem Problem stand man auch bei der Planung der HafenCity.

Denn der Umschlagbetrieb im Hafen sorgt für einen Geräuschpegel, der nachts oberhalb der Grenzwerte für Wohnstandorte liegt. Zudem will eine große Mehrheit der Bevölkerung bei geöffnetem Fenster schlafen können. Um den neuen Stadtteil trotzdem bauen zu können, fanden die Planer eine kreative Lösung: Anstatt den Geräuschpegel – wie sonst üblich – 50 Zentimeter außen vor den Fenstern zu messen, verlegte man den Messpunkt nach drinnen, in den Schlafraum. Hier durfte ein festgelegter Schallpegel bei gekipptem Fenster nicht überschritten werden. Mit herkömmlichen Fenstern war das nicht erreichbar, sondern nur mit einer bestimmten Bauform, dem sogenannten HafenCity-Fenster.

Es hat zwei hintereinander angeordnete Scheiben. Die eine von ihnen kann an der oberen Kante leicht „auf Kipp“ gestellt werden, die andere an der unteren Kante. Damit müssen die Schallwellen von draußen einen langen, gewundenen Weg zurücklegen. Versieht man den Rahmen zwischen den Scheiben zusätzlich mit schalldämmendem Material, dringen Außengeräusche nur noch stark gedämpft nach innen.

Wirkung in Bachelor-Arbeit nachgewiesen

Ein Hamburger Unternehmen spielte für die Verbreitung eines solchen Produkts eine wesentliche Rolle: „Das sogenannte HafenCity–Fenster ist mit unserer Mitwirkung entwickelt worden“, sagt Kai Philipp Ehrig, Geschäftsführer der Sinstorfer Firma Menck Fenster. „Im Rahmen ihrer Bachelor-Abschlussarbeit hat die damalige Studentin Franziska Arnhold gemeinsam mit dem Hamburger Ingenieurbüro Lärmkontor und uns nachgewiesen, dass ein Fenster nach diesem Muster die geforderte Schalldämmung leisten kann“, erklärt Ehrig. Die Messungen ergaben eine Absenkung des Geräuschpegels um bis zu 33 Dezibel. Zur Einordnung: Eine Verringerung um zehn Dezibel wird als Halbierung der Lautstärke wahrgenommen.

Bis heute hat das im Jahr 1883 als Tischlerei gegründete Familienunternehmen nach eigenen Angaben rund 1000 Fenster dieser Bauart hergestellt. Etwa 250 bis 300 davon waren für die HafenCity bestimmt, wo sie zum Beispiel in einem Gebäudekomplex mit Wohnungen am Kaiserkai verwendet wurden. Die Produktion der Fenster erfolgt in Wittenförden nahe Schwerin, wo etwa 70 der rund 100 Beschäftigten von Menck ihren Arbeitsplatz haben.

Wie Ehrig sagt, sind die HafenCity-Fenster weiter gefragt: „Gerade erst haben wir für das Studentenwohnheim Woodie in Wilhelmsburg mehrere Hundert solcher Schalldämmfenster geliefert.“ Allerdings erwirtschaftet die Firma nur einen kleinen Teil des Umsatzes von gut zwölf Millionen Euro mit diesen speziellen Produkten: „Die HafenCity-Fenster machen ungefähr drei bis fünf Prozent unseres Absatzes aus.“

Hafencity-Fenster in Flüchtlingsunterkunft

Wer im Internet nach diesem Begriff sucht, stößt denn auch zuerst auf einen anderen Hersteller: Die sächsische Firma Eilenburger Fenstertechnik. Sie wirbt sehr viel offensiver als Menck mit dem Namen „Hafencity-Fenster“ – mit kleinem „c“ geschrieben. „Wir haben seit dem Jahr 2014 mehr als 500 dieser Fenster hergestellt und daraus zuletzt eine Produktfamilie entwickelt“, sagt Geschäftsführer Gerold Schwarzer. Für diese Weiterentwicklung erhielt der Betrieb Ende 2017 sogar Fördermittel der Europäischen Union zugesprochen. Den Angaben der Firma aus Eilenburg bei Leipzig zufolge erreichen manche der verbesserten Konstruktionen nun eine Geräuschdämpfung um 46 Dezibel in gekipptem Zustand.

In die HafenCity selbst hat das seit 1990 bestehende Unternehmen mit rund 60 Beschäftigten zwar noch keines dieser Fenster geliefert, wohl aber kürzlich nach Stellingen in die Große Bahnstraße, wo eine neu errichtete Flüchtlingsunterkunft vor dem Lärm einer nahe gelegenen Bahnstrecke geschützt werden muss. Ähnlich wie bei Menck machen Fenster dieser speziellen Bauart nur einen relativ kleinen Teil der Produktion aus; fünf bis acht Prozent sind es bei den Sachsen.

Doch Schwarzer erwartet nicht zuletzt dank der Weiterentwicklungen einen Anstieg des Umsatzes von derzeit knapp zehn Millionen Euro um je acht bis zwölf Prozent in den nächsten Jahren. Außerdem werde man nun auch in anderen Städten auf diese Technik aufmerksam. „Nachdem Hamburg der Vorreiter war, werden die Hafencity-Fenster inzwischen auch in den Bauleitfäden der Stadtentwicklungsbehörden von Frankfurt und Berlin ausdrücklich erwähnt“, erklärt Schwarzer.

250.000 Hamburger nachts von Verkehrslärm belastet

Wie kräftig sich der Markt für die Schallschutzlösung tatsächlich entwickelt, hänge aber stark von der Gesetzeslage ab. Im vorigen Jahr lehnte es der Bundesrat trotz entsprechender Forderungen der Kommunen noch ab, generell auf eine Schallmessung im Innenraum umzuschwenken. Der sogenannte passive Schallschutz über bauliche Maßnahmen wie das HafenCity-Fenster widerspreche dem Verursacherprinzip und übertrage die Verantwortung für den Lärmschutz auf die Anwohner, lautete die Argumentation.

Potenzielle Anwendungsfelder für eine freiwillige Installation sind gleichwohl sehr verbreitet. Allein in Hamburg werden offiziellen Angaben zufolge mehr als 250.000 Menschen durch nächtlichen Verkehrslärm belastet. Der Markt für Firmen wie Menck und Eilenburger Fenstertechnik wäre also groß.

Dabei hat Menck-Geschäftsführer Ehrig kein Problem damit, dass die Sachsen den Namen Hafencity-Fenster verwenden: „Wir haben den Begriff nicht erfunden“ – tatsächlich findet sich die Bezeichnung auch in Produktprogrammen anderer Fensterhersteller wie etwa Schüco aus Bielefeld oder Hilzinger aus Baden-Württemberg. Zudem setzen die Eilenburger auf Kunststoffoder Aluminiumrahmen, während Menck nur mit Holz und Holz/Metall-Kombinationen arbeitet.

Durchschnittspreis liegt bei 2600 Euro pro Fenster

Dass sich die HafenCity-Fenster bald zu einem Massenmarkt entwickeln, glaubt weder Schwarzer noch Ehrig. Zwar böten solche Fenster prinzip­bedingt zusätzlich sehr gute Wärmedämmwerte, so Schwarzer. Doch der Durchschnittspreis von rund 2600 Euro sei ein Handicap. Ehrig sieht es ähnlich: „HafenCity-Fenster können mehr als doppelt so teuer sein wie andere aus dem gleichen Material, außerdem ist die Handhabung beim Putzen nicht einfach.“ Auf diesen Kritikpunkt stößt man in Erfahrungsberichten gelegentlich.

Die Schallschutzwirkung der Fenster wird hingegen nicht in Frage gestellt – eher im Gegenteil: Im geschlossenen Zustand blockieren sie den Außenlärm so stark, dass Geräusche aus Nebenwohnungen um so deutlicher wahrgenommen werden.