Hamburg-Ottensen

Im Video: Jagdszenen nach Platzsturm durch HSV-Hooligans

Zuvor hatten beim Aufstiegsspiel zur Fußball-Regionalliga zwischen Teutonia 05 und Holstein Kiel II in Hamburg-Ottensen rund 100 zum Teil vermummte HSV-Anhänger den Platz an der Kreuzkirche gestürmt.

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Vermummte Angreifer sorgen beim Spiel Teutonia 05 gegen Kiel für Panik unter den Zuschauern. Auch Spieler und Funktionäre schockiert.

Hamburg. Es waren dramatische Szenen, die in einer Weise an die verstörenden Pyro-Vorkommnisse im Volksparkstadion rund um den HSV-Abstieg aus der Fußball-Bundesliga erinnerten – doch diesmal sind Anhänger aus dem Umfeld des künftigen Zweitligisten ein paar Klassen tiefer auffällig geworden: Beim letzten Spiel der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord zwischen Teutonia 05 Ottensen und Holstein Kiel II (2:4) haben am Mittwochabend vermummte HSV-Hooligans den Amateurplatz an der Kreuzkirche gestürmt.

Es lief die 85. Minute, als sich ein Großteil der insgesamt 300 Zuschauer plötzlich fluchtartig von der Gegengeraden in Richtung Ausgang aufmachte und auch die Spieler schnell das Weite suchten. Auslöser waren mehrere Dutzend zum Teil maskierte Männer, die mit HSV-Gesängen und Schlachtrufen wie "Das ist Hamburger Gebiet" über den Zaun auf das Gelände kletterten und schließlich auf das Spielfeld rannten. Ziel der Angreifer war offenbar der Gästeanhang, unter dem sich nach Abendblatt-Informationen bis zu 20 Problemfans der Kategorie B und C befanden.

Kieler kümmert sich um zitternden Jungen

Diese konnten sich selbst in Sicherheit bringen, sodass es letztlich zu keinen Zusammenstößen der verfeindeten Gruppen kam – obwohl die Kieler teilweise weiter verfolgt wurden. "Das war eine richtige Panik", sagte der ehemalige Teutonia-Vorstand Kai-Hinrich Renner zu den Reaktionen der Zuschauer, unter denen auch Kinder waren. Die Spieler waren ebenfalls verunsichert, einige trauten sich erst einige Minuten nach Bereinigung der Situation wieder auf das Spielfeld. "Auch für uns war das ein großer Schrecken", sagte Kiels Zweitliga erprobter Routinier Tim Siedschlag.

Mitspieler Nico Bruns suchte sogar Zuflucht in einem benachbarten Mehrfamilienhaus. "Ich dachte, ich muss hier weg", sagte der Linksverteidiger bei Elbkick.tv. Deshalb sei er in die umliegenden Straßen gerannt und habe dort an einer Haustür geklingelt. Dabei habe er sich auch um einen kleinen Jungen gekümmert, der ebenfalls Schutz vor den Hooligans gesucht hatte. "Der hat am ganzen Leib gezittert", erzählte Bruns. Ein Amateurvideo zeigt, wie sich die Jagdszenen auf den Hohenzollernring und weitere Straßen verlagerten.

Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs

Als die Polizei eintraf, war der Spuk bereits vorbei. "Um 21.05 Uhr wurden uns mehrere vermummte Personen gemeldet, die in Richtung Bleickenallee zogen", sagte Polizeisprecher Rene Schönhardt dem Abendblatt. Daraufhin machten sich 18 Streifenwagen auf den Weg an die Kreuzkirche, wo allerdings keiner der mutmaßlichen Aggressoren identifiziert wurde. Auch nach dem Spiel, das nach mehr als 15-minütiger Unterbrechung für wenige Sekunden noch einmal angepfiffen wurde, durchstreifte die Polizei den weiteren Umkreis in Richtung Elbe – allerdings erfolglos.

Die Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs werden daher nun gegen Unbekannt geführt. Bei der Aufklärung helfen könnte auch ein szenekundiger Beamter, der die Holstein-Fans in zivil nach Hamburg begleitet hatte. Ob sich unter dem Mob möglicherweise auch Anhänger des VfB Lübeck befanden, könnten unter anderem Videoaufnahmen klären, die der Polizei übergeben wurden. Der Großteil der rund 100 Personen starken Gruppe sei nach Augenzeugenberichten indes eindeutig dem HSV-Umfeld zuzuordnen gewesen.

Teutonia: "Damit konnten wir nicht rechnen"

Die Verantwortlichen von Teutonia trafen die Vorfälle völlig unvorbereitet. "Mit dieser Attacke konnten wir nicht rechnen. Die Gruppe hat sich über die Zäune an der Hauptstraße Zugang verschafft. Das hätten wir selbst mit mehr Ordnern nicht verhindern können“, sagte Teammanager Nico Sorgenfrey dem Abendblatt. "Ich gehe schon sehr lange zum Fußball, aber so viel Hass und Gewalt in den Gesichtern wie bei diesen Leuten habe ich bisher noch nie gesehen.“ Ob Teutonia Anzeige gegen Unbekannt erstattet, wollte der Verein auf einer Vorstandssitzung beraten.

Ein Kieler Fan soll im Gebüsch einige Tritte abbekommen haben, Holstein sah aber von einer Anzeige ab. Weitere Verletzungen wurden zunächst nicht bekannt. Dennoch löste der Überfall auch bei den neutralen Zuschauern Entsetzten und Unverständnis aus. "Das kann man nicht verstehen, hier geht es doch um vierte und fünfte Liga", sagte Kai-Hinrich Renner, der das sportlich zumindest für Teutonia bedeutungslose Spiel mit seinem Sohn verfolgt hatte.

Zwölf brisante Derbys in der neuen Saison

Nach der viertelstündigen Unterbrechung durch den Überfall setzte Schiedsrichter Eric Müller das Spiel für zehn Sekunden fort – und pfiff beim Stand von 2:4 sofort wieder ab. "Man wusste ja nicht, ob die noch mal wiederkommen", so Sorgenfrey. Traurig ob der Geschehnisse zeigte sich auch Teutonias Trainer Sören Titze: "Für Kiel tut es mir besonders leid. Sie sind sportlich aufgestiegen und dann passiert so etwas. Dafür habe ich null Verständnis. So ein Verhalten hat nirgendwo etwas verloren."

Durch die Niederlage schloss Ottensen die Aufstiegsrunde mit null Punkten und 6:15 Toren als Letzter ab, während die "Jungstörche" aus Kiel in die Regionalliga aufstiegen. Dort trifft Holstein nun auf die Zweitvertretungen des HSV sowie des ebenfalls rivalisierenden FC St. Pauli. Diese Duelle stehen außerdem auch für die Profimannschaften der drei Nordclubs in der Zweiten Liga an. Dort hatten bereits in der vergangenen Saison Kieler Ultras mit Jagdszenen beim Heimspiel gegen St. Pauli für Negativschlagzeilen gesorgt. Bleibt zu hoffen, dass der bedrohliche Platzsturm an der Kreuzkirche kein übler Vorgeschmack auf die anstehenden Derbys war.