Amateurfussball

Wie sich Teutonias Kinderhaufen in Drochtersen blamierte

Teutonias Trainerteam mit Physiotherapeutin Lara Clasen-Schulz, Assistent Matthias Reincke (vorne) und Chefcoach Sören Titze (Mitte) realisiert das Aus

Teutonias Trainerteam mit Physiotherapeutin Lara Clasen-Schulz, Assistent Matthias Reincke (vorne) und Chefcoach Sören Titze (Mitte) realisiert das Aus

Foto: Andre Matz / HA

Oberligist scheitert durch 4:6 gegen Brinkumer SV in Aufstiegsrunde. Offensivspieler Jeton Arifi holte aus und fand deutliche Worte.

Drochtersen.  In der Halbzeit bewies Liborio Mazzagatti (44) ungewollt prophetische Fähigkeiten. Eigentlich analysierte der Zweite Vorsitzende von Teutonia 05 auf der Tribüne des Kehdinger Stadions in Drochtersen gerade das Gegentor zum 1:1-Pausenstand im zweiten Spiel der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord gegen den Brinkumer SV aus Bremen. „Wir üben zu wenig Druck auf den ballführenden Spieler aus, verteidigen den langen Ball in die Tiefe zu schlecht“, sagte Mazzagatti. Doch die korrekte Beobachtung des heutigen Vorstandsmitglieds und früheren Teutonen-Trainers wurde in der zweiten Hälfte vom Teutonia-Team von der Ausnahme in den Regelfall transformiert.

Teutonia 05 strebt weiterhin den Regionalligaaufstieg an

Teutonia 05 rannte ohne Struktur auf dem Feld ins Verderben. Das schmachvolle 4:6 gegen Brinkum auf neutralem Platz bedeutet – nach dem 0:5 vier Tage zuvor beim niedersächsischen Vertreter VfL Oldenburg – das Aus in der Aufstiegsrunde für den Hamburger Ober­ligisten. Das letzte Spiel gegen den schleswig-holsteinischen Oberligisten Holstein Kiel II (Mi, 19.30 Uhr, Kreuzkirche, Tönsfeldtstraße) ist für den
Ottenser Stadtteilclub bedeutungslos. „Falls wir es nicht schaffen, melden wir in der nächsten Saison wieder. Wir werden aus den Fehlern lernen und behalten unsere sportlichen Ambitionen bei“, hatte Mazzagatti schon nach 45 Minuten angekündigt.

Dafür muss sich bei der – wie elf Gegentore in zwei Spielen klar bescheinigen – nicht regionalligatauglichen Mannschaft einiges ändern. „Die Anzahl der Gegentreffer zeigt, dass wir noch nicht in die Regionalliga Nord gehören“, sagte Offensivspieler Jeton Arifi – und holte dann aus: „Ich könnte kotzen. Man arbeitet eine ganze Saison, macht viele Meter. Und dann das hier – wie ein Kinderhaufen.“ Angesprochen auf die in Hälfte zwei nicht mehr existente Defensivleistung konterte der frühere St. Paulianer: „Das ist eine Mentalitätsfrage. Einige haben die Mentalität, andere haben sie nicht. Du musst aber mit elf Mann da sein.“

Den verbalen Anti-Arifi gab Trainer Sören Titze (33). „Es tut mir leid für die Jungs. Wir sind Dritter in der Oberliga geworden, haben eine gute Saison gespielt. Jetzt werden wir nur an diesen zwei Spielen gemessen. Das finde ich ein bisschen hart.“

Titze sprach zwar auch von „haarsträubenden individuellen Blackouts“ seiner Spieler, stellte sich aber – wie stets – vor seine Mannschaft. Auf einen interessanten Aspekt verwies seine Medienkritik. Titze: „Nach dem 0:5 in Oldenburg habe ich nirgendwo auch nur ein gutes Wort über uns gehört.“ Und auf die Frage, ob die zweite Hälfte „peinlich“ gewesen sei, antwortete der Chefcoach: „Wenn ihr wollt, könnt ihr das schreiben.“ Auch Vorstandsmitglied Mazzagatti hätte sich mehr Anerkennung gewünscht: „Uns motiviert es, in einem Stadtteilclub mit 530 Kindern eine erste Mannschaft in der Regionalliga auf die Beine zu stellen – auch als Perspektive für die Kinder. Wir hängen nicht von einem Großsponsor ab, auch nicht vom wichtigen Partner Lukoil, haben 60 bis 70 Sponsoren im Pool. Ohne uns hätte kein Hamburger Oberligist gemeldet. Wie hätte das für Hamburg ausgesehen?“

Übersetzt heißt das: Die anderen Clubs stellen sich nicht dem sportlichen Wettbewerb um den Aufstieg. Wir tun es – und kriegen nun die ganze Kritik ab. Das ist ungerecht.

Kein Oberligaclub besitzt aktuell Regionalliganiveau

Tatsächlich teilen sich die Spitzenclubs der Oberliga Hamburg in zwei Lager. Die eine Fraktion, zu der Clubs wie Abo-Meister TuS Dassendorf gehören, möchte nicht in die Regionalliga Nord aufsteigen. Sie hält den Sprung in die Vierte Liga unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht für machbar. Die andere Fraktion, zu der Teutonia gehört, liebäugelt mit der Viertklassigkeit. Antrieb ist der Grundsatz, den Teutonias Trainer Titze immer wieder formuliert: „Wir sind Sportler und streben nach dem Maximum.“

Einigkeit herrscht, dass aktuell kein Amateurclub innerhalb der Hamburger Stadtgrenzen einen regionalligatauglichen Kader besitzt. Altona 93 scheiterte in dieser Saison in der Regionalliga Nord genauso kläglich mit 23 Punkten wie der SC Victoria in der Saison 2013/14, der 2012/13 nur durch Lizenzentzüge anderer Vereine die Klasse hielt. Eine akzeptable Rolle zuzutrauen wäre sportlich nur Dassendorf. Es sieht so aus, als sei die Fünftklassigkeit für Hamburgs Amateurclubs das höchste der Gefühle.

Teutonia 05 – Brinkumer SV 4:6. Tore: 1:0 Pressel (3.), 1:1, 1:2, 2:4 Dikollari (35., 47., Foulelfmeter, 62.), 1:3 Dörgeloh (53.), 2:3 Erman (60., Foulelfmeter), 2:5, 2:6 Ibrahimi (70., 74.), 3:6, 4:6 Arifi (80., 89.). – SR.: Schröder (Hannover). – Z.: 76.