Flughafen Hamburg

Planespotter am Coffee to Fly: Wettstreit um das beste Bild

Das Coffee to Fly ist oft auch abends gut besucht. Planespotter kommen hierhin, Menschen, die Entspannung suchen – und auch Menschen mit lauten Motoren

Das Coffee to Fly ist oft auch abends gut besucht. Planespotter kommen hierhin, Menschen, die Entspannung suchen – und auch Menschen mit lauten Motoren

Foto: Andreas Laible

Sie nennen sich Planespotter – Menschen, die am Coffee to Fly, parallel zur Landebahn, Flugzeuge ablichten. Wenn sie denn kommen.

Langenhorn.  Eigentlich sollte er jetzt Sofia fotografieren. Aber Sofia kommt nicht. Stattdessen lehnt Rüdiger an seinem schwarzen Kombi und steckt den Bauch heraus, vor dem eine Kamera mit Teleobjektiv baumelt. Mit einer Hand hält er sich einen verknitterten Ausdruck vor der Brust. Als er hochsieht, sagt er: „Die Rossiya mache ich noch, dann hau ich ab.“

Rossiya und Sofia sind Flugzeuge. Rüdiger fotografiert sie – Planespotter nennt man Leute wie ihn. Sie positionieren sich mit ihren Kameras an Flughäfen und warten auf den richtigen Moment. Der kann dann sein, wenn eine Maschine eine besondere Lackierung hat. Oder besonders groß ist. Oder der Moment kommt gar nicht, so wie an diesem Morgen.

Das Warten auf Sofia – einer Boeing 747 mit Spiegelteleskop

Es ist kurz vor 9 Uhr, Rüdiger und einige andere Männer stehen am Ende einer kleinen Einbahnstraße, die von einem Wohngebiet im Nordosten des Hamburger Flughafens hin zur Aussichtsplattform führt. Ein paar Meter weiter beginnt die Holzterrasse des Cafés Coffee to Fly. Vor den Planespot­tern, die nur ihren Vornamen nennen wollen, erstreckt sich der mit Landebahnen durchfurchte Rasen. Kaum eine Wolke am Himmel. Gutes Planespotter-Wetter. Eigentlich.

„Die Sofia ist ganz tot?“, fragt einer Rüdiger, der das bejaht. „Das sind Experten“, sagt der andere. Sofia ist kurz für „Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie“. Sie ist eine Boeing 747 und hat ein Spiegelteleskop an Bord. Entwickelt wurde es von der Nasa und dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR), um Sterne und Planetensysteme zu beobachten. Der Vorteil eines fliegenden Teleskops: Die Sicht ist besser als auf dem Boden, die Wartungsarbeiten leichter als bei einem Teleskopsatelliten.

Aus diesem Grund ist die Maschine auch am 20. November 2017 aus der im US-Bundesstaat Kalifornien gelegenen Stadt Palmdale nach Hamburg gekommen. Die Lufthansa Technik sollte den Jet warten. Und weil die Arbeiten an der Maschine fast vorbei sind, sollte sie eigentlich heute zu einem sechsstündigen Probeflug starten. So stand es zumindest Ende April in einem Forum der Planespotter.

Doch Sofia bleibt im Hangar. Stattdessen schlendern die Männer umher, knipsen ein paar Ryanair-Maschinen („Schadet nie, wenn man einen ,Notschuss‘ hat“) und kneifen die Augen zusammen, weil die Sonne sie blendet. Rüdiger wartet auf eine kleinere Maschine der russischen Airline Rossiya. „Eine schöne rote aus Leningrad“, wie er sagt. Der Rentner knipst schon seit 52 Jahren, immer auf Film. Er hat zu Hause einen eigenen Raum für seine 170.000 Dias.

„Die Flugzeuge interessieren mich nicht“

Doch nicht nur Planespotter pilgern zum Aussichtspunkt am Hamburger Flughafen. Am Tag vor dem geplanten Start der Sofia, es ist ein sonniger Donnerstagabend, sind die Sitzbänke der Aussichtsplattform voll. Viel passiert nicht, es fahren häufiger Laster am Rande des Rollfelds vorbei, als Flugzeuge starten oder landen. Die Menschen hier suchen Zeitvertreib.

Eine Frau sucht mit ihrem Kind einen Platz, ihr Mann schaut umher. „Mir egal, wo wir sitzen, die Flugzeuge interessieren mich eh nicht“, sagt er. Ein paar Meter weiter sitzen Marcel und Johannes, die am Theater arbeiten. „Hier kann man gut dem Fernweh frönen“, sagt Marcel. Sie kommen oft abends vorbei, essen Gegrilltes und trinken ein Bier.

Ärger mit den Anwohnern

Am Eingang zum Café weist ein Schild die Besucher darauf hin, doch bitte die Tempo-30-Zone im angrenzenden Wohngebiet zu beachten. Denn weil so viele zur Aussichtsplattform pilgern, gibt es Ärger mit den Anwohnern (das Abendblatt berichtete). Sie sprechen von Chaos an Sommertagen, lauten Motoren und zugeparkten Wegen. Schon mehrmals haben sich Ausschüsse in dem Bezirk mit dem Thema befasst.

Jean-Pierre Joachimsmeier, der das Coffee to Fly seit 2005 betreibt, versteht den Ärger, sagt aber auch: „Die Anwohner sind niemals auf uns zugegangen. Dann hätten wir gemeinsam mit der Politik sprechen können.“ Mögliche Lösungen seien neue Parkmöglichkeiten oder ein anderer Zufahrtsweg zum Café, sagt Joachimsmeier. Er ist stolz auf das bunt gemischte Publikum, das den Weg in sein Café findet.

An den Planespottern liegt der Lärm jedenfalls nicht. Die meisten sind entweder kurz hier und fahren wieder oder parken und stehen sich die Beine in den Bauch.

Viele Planespotter stellen ihre Fotos ins Internet

Am Morgen des geplanten Sofia-Starts ist auch Björn gekommen, auf dessen Nummernschild „FL“ (für Flensburg) steht. Er knipst seit zehn Jahren Flugzeuge und hat sich heute extra freigenommen. „Es ist jetzt keine Weltentfernung aus Flensburg, aber ich nehme für die Anfahrt ja schon Geld in die Hand. Dann bleibe ich auch den ganzen Tag.“ Jetzt steht er in Funktionsjacke und Wanderschuhen mit Spannschnürung etwas unterhalb des Coffee to Fly und setzt bei jeder Maschine, die vorbeirollt, die Kamera an.

Ihre Fotos stellen viele der Planespotter ins Internet. Teilweise gibt es ein Wettrennen darum, wer eine neue Lackierung als Erster hochlädt. Fast alle Bilder tragen ein Wasserzeichen des Fotografen – denn viele stehlen die Bilder und geben sie als ihre eigenen aus. Auch deshalb ist Rüdiger froh, dass er seine Fotos noch analog und nicht mit einer Digitalkamera macht.

Währenddessen steht ein paar Meter weiter Björn und macht fleißig Fotos von Eurowings- und Ryanair-Flugzeugen. Alles kleine Maschinen, keine Hingucker. „Wenn die Sofia heute nicht startet, komme ich morgen wieder.“