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In Harvestehude arbeitet Prof. Schmale am Parship-Prinzip

Hugo Schmale entwickelte den Parship-Fragebogen. Hier steht er in seinem Haus in Harvestehude

Hugo Schmale entwickelte den Parship-Fragebogen. Hier steht er in seinem Haus in Harvestehude

Foto: Marcelo Hernandez

16 Millionen Singles haben seine Fragen zur Liebe beantwortet. Gespräch mit dem Hamburger Gründer der bekannten Partner-Börse.

Hamburg. Die Farbe für die Jugendstilvilla, in der Prof. Dr. Hugo Schmale seit 1971 zur Miete wohnt, hätte er nicht besser wählen können. Das leuchtend rote Haus ist das auffälligste rund um den Innocentiapark. Rot wie die Liebe. Oder wie Parship. „Das Haus war ursprünglich weiß“, erzählt der 86-Jährige, als er zur Tür hereinbittet und, am Billardtisch vorbei, in sein Arbeitszimmer im ersten Stock führt. Gediegenes Ambiente. „Aber mir war das zu wenig jugendstilistisch.“ Also rot – instinktiv die richtige Wahl, lange bevor er die Partnervermittlungsbörse im Internet gründete. Das war 1998, beauftragt von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die die Firma vor rund zwei Jahren wieder verkauft hat.

Falls das Unternehmen mit Sitz in Hamburg einmal auf die Idee kommen sollte, seine andauernde Werbekampagne im Fernsehen zu ändern („Ich parshippe jetzt“), gäbe Harvestehude die perfekte Kulisse („Zu Besuch beim Parship-Erfinder“). Seitdem zwei große deutsche Zeitungen über Schmale berichtet haben, reißen die Interview-Anfragen nicht ab. „Die meisten habe ich abgesagt.“ Zu viel Rummel um seine Person. Es ging ihm immer nur um die Sache. Das Tüfteln und Nachdenken über das Funktionieren von Beziehungen. Zunächst am Dortmunder Max-Planck-Institut, wo er Belastungen am Arbeitsplatz untersuchte, später als Assistent an der TU München, der den Berufseignungstest, kurz BET, entwickelte und über die Leser-Blatt-Bindung der Jugendzeitschrift „Twen“ forschte.

Die Vermittlungsquote liegt bei 40 Prozent

Mit den Jahren hat der gebürtige Bochumer zahlreiche psychologische Tests entwickelt; der Parship-Fragebogen ist sein erfolgreichster. 16 Millionen Singles haben ihn schon ausgefüllt. Die Vermittlungsquote liegt bei 40 Prozent, gespiegelt durch die Antworten der Benutzer. Schmale ist Lizenzhalter, ohne am Gewinn beteiligt zu sein. Dafür, dass er die Datensätze pflegt und am System feilt, bekommt er ein monatliches Salär.

Der emeritierte Professor am psychologischen Institut der Universität Hamburg (halbe Sekretärin, volle Bezüge auf Lebenszeit), hat all sein theoretisches Wissen und seine persönlichen Erfahrungen in den Algorithmus einfließen lassen. „Das Parship-Prinzip basiert auf der Grundidee, dass, wer einen Partner sucht, wissen sollte, wer er selbst ist. Deswegen werden in einem Fragebogen die Partnerschaftseigenschaften erhoben und daraus ein Partnerschaftsprofil erstellt. Das ist die Grundlage für das sogenannte Matching“, erklärt Schmale.

28 Merkmale gilt es bei Parship zu beantworten; 80 Prozent Übereinstimmung seien ideal – die restlichen 20 Prozent brauche eine Beziehung, um sich zu entwickeln. Und: „Jeder Mensch braucht sein Geheimnis. Ich darf nicht alles von meinem Partner wissen.“

Eine Beziehung vergleicht Schmale gern mit einem Motorrad

Die Schwierigkeit bestünde darin, etwas zu messen, was nicht zu messen ist: Liebe. Ohnehin ein zu großes Wort. Also einigen wir uns auf Partnerschaft. Seine wichtigste Erkenntnis: Darüber, wie viel Nähe und Distanz man brauche, sollten sich zwei Menschen unbedingt einig sein.

Neben Unterlagen zu seinem aktuellen Colloquium („Arbeit und Psyche“) und dem „Ulysses“ von James Joyce auf CD steht auch ein Foto seines Doktorvaters in Innsbruck auf dem großen hölzernen Schreibtisch. „Er hat mich damals dazu gebracht, von der Literaturwissenschaft zur Psychologie zu wechseln“, sagt Schmale, der ohnehin schon mit dem anderen Fach geliebäugelt hatte, weil seine Freundin Psychologie studierte. „Wir besuchten uns gegenseitig in den Vorlesungen. Damals machte man das so. Ich hoffe, dass das heute auch noch so ist“, sagt er schmunzelnd.

Eine Beziehung vergleicht Schmale gern mit einem Motorrad: „Erst, wenn ich es repariere, verstehe ich, wie es funktioniert.“ Auch eine Beziehung müsse ständig umgebrochen und wieder in Ordnung gebracht werden. Die perfekte Harmonie sei zwar etwas, das sich viele Menschen wünschten. Doch nichts sei toter als ein erfüllter Wunsch. Auch mit einem anderen Klischee räumt der Professor auf, nämlich, dass es nur die eine Frau oder den einen Mann für’s Leben gäbe. „Kappes!“ Er selbst war zweimal verheiratet, ist geschieden.

Seine Partnerin betreibt am Chiemsee eine Praxis

Um möglichst viel Erfolg bei der Partnersuche im Internet zu haben, rät er den Usern, den Fragebogen „unbedarft wie ein Kind“ auszufüllen, also ohne viel darüber nachzudenken. „Neben der Sicherheit, den idealen Partner finden zu können, geht es darum, durch das Erkennen der eigenen Partnerschaftseigenschaften die Fehlerquote beim eigenen Suchen kleiner werden zu lassen und auf diesem Wege zu lernen, in Partnerschaftsdingen glücklicher und zufriedener zu werden“, so Schmale. Oder, etwas weniger wissenschaftlich: „Um meinen passenden Deckel zu finden, muss ich auch meinen Topf zeigen.“ Die Romantik eines Empirikers.

Heute betreibt der Professor, der neben seiner Lehrtätigkeit auch als Coach für Familienunternehmen arbeitet, seine Feldforschung am liebsten in der Nachbarschaft in einem typisch Eppendorfer Biotop, dem Isemarkt. Dort lauscht er bei einem Kaffee gerne den Gesprächen (im Kopf feilt er dann weiter am Par­ship-System, „schließlich muss das Matching ständig den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst werden“). Sein Apartment in der roten Villa bewohnt Schmale allein; er lebt derzeit in einer Fernbeziehung. Seine Partnerin betreibt am Chiemsee eine psychotherapeutische Praxis. So viel zum Thema Nähe und Distanz.