Gabelstaplerbauer

Jungheinrich – von der Sackkarre zum Milliardenkonzern

Das erste Fahrzeug von
Jungheinrich, das von
einem Elektromotor
angetrieben wird, ist ein
Plattform-Hubwagen,
der bis zu 2000 Kilo
trägt. Er wird Ende der
1940er-Jahre entwickelt
und unter dem Markennamen
Ameise verkauft

Das erste Fahrzeug von Jungheinrich, das von einem Elektromotor angetrieben wird, ist ein Plattform-Hubwagen, der bis zu 2000 Kilo trägt. Er wird Ende der 1940er-Jahre entwickelt und unter dem Markennamen Ameise verkauft

Foto: SchefflerArchiv

Der Hamburger Gabelstaplerbauer feiert seinen 65. Geburtstag. Angefangen hat der Gründer in einer kleinen Werkstatt in Barmbek.

Hamburg. Das Leben des Friedrich Jungheinrich eignet sich gut als Vorlage für einen Roman. Ein mittelmäßiger Autor würde aus ihm einen dieser Historienschinken machen, in denen die Hauptfigur sonderbarerweise immer gerade dort ist, wo sich Geschichte vollzieht. Es gibt Verwicklungen und Rückschläge, aber am Ende ist alles gut, und alle sind glücklich. Einen besseren Autoren würde Friedrich Jungheinrich womöglich zu etwas Buddenbrook-haftem animieren. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass der Roman nicht von Aufstieg und Fall einer Familie und ihres Unternehmens erzählen würde, sondern von einem Familienunternehmen, dass auch lange nach dem Tod seines Gründers und Namensgebers weiter wächst und erfolgreich ist.

Jubiläumsfeier mit Nagano in der Elbphilharmonie

Am Donnerstagabend beging die Hamburger Jungheinrich AG mit einem Festakt in der Elbphilharmonie (siehe unten) das 65-jährige Bestehen des Unternehmens. Es war auch ein Anlass, ihres Gründers zu gedenken, der im Sommer 1953 die H. Jungheinrich & Co. Maschinenfabrik ins Hamburger Handelsregister eintragen ließ. Sechseinhalb Jahrzehnte später ist daraus der drittgrößte Gabelstaplerhersteller der Welt geworden, ein börsennotierter, aber weiter im Familienbesitz befindlicher Konzern mit weltweit gut 16.000 Beschäftigten, voraussichtlich mehr als 3,6 Milliarden Euro Umsatz in diesem Jahr und besten Aussichten für die Zukunft.

Bei Gründung 54 Jahre alt

Der promovierte Diplomingenieur Friedrich Jungheinrich war bereits 54 Jahre alt, als diese Firmengeschichte begann. Und seine Biografie war schon damals so wechselvoll, dass es für ein ganzes Leben gereicht hätte: 1899 wird er in Südafrika geboren, wo der Vater die Geschäfte eines Handelshauses führt. 1908 kommt die Familie nach Hamburg, der Vater gründet ein eigenes Handelsunternehmen. Der älteste Sohn muss nach dem Abitur in den 1. Weltkrieg, kehrt – nach einem Giftgasangriff – schwer verletzt zurück. Friedrich studiert Ingenieurwissenschaften, tritt 1925 ins väterliche Unternehmen ein, das inzwischen eine eigene Ingenieurabteilung hat und geht 1927 für die Firma wieder nach Südafrika.

Dort steigt Jungheinrich später mit einem eigenen Unternehmen ins Geschäft mit Leichtbauplatten ein – kehrt 1939, wenige Wochen vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, aber erneut zurück nach Hamburg. Soldat muss er nicht noch einmal werden, er ist bis 1945 bei der Hans Still Motorenfabrik angestellt – heute der zweite große Gabelstaplerbauer in der Hansestadt. Und Anfang der 1940er-Jahre wird Friedrich Jungheinrich Familienvater: Er heiratet die Witwe Ilse Krönke und adoptiert deren Töchter Ursula und Hildegard. Beide begingen das Jubiläum am Donnerstag mit. Die Stammaktien der Jungheinrich AG sind im Besitz der Familien von Hildegard Wolf und Ursula Lange, sie kontrollieren das Unternehmen.

Schon früh auf Elektromotoren gesetzt

An Börsengang war noch nicht zu denken in den ersten Wochen und Monaten nach Kriegsende. Friedrich Jungheinrich und sein Bruder Otto beleben das väterliche Unternehmen neu. Friedrich, der Ingenieur, baut in ihr eine Maschinenbausparte auf, konstruiert einfachste Transportgeräte wie Sackkarren oder Transportwagen ohne Motor und produziert sie ab 1947 auch selbst – in einer kleinen Werkstatt an der Bachstraße in Barmbek, die sich der Betrieb auch noch mit einer Druckerei teilt.

Ab 1948 tragen die Fahrzeuge und Geräte den Namen Ameise, weil sie wie das Insekt viel mehr tragen können, als sie wiegen. Dann nimmt die technische Entwicklung schnell Fahrt auf: 1949 kommt ein Hubwagen mit Elektroantrieb auf den Markt, Anfang der 1950er-Jahre bereits der erste Elektro-Vierradstapler namens „Ameise 55“. Der Geschäftsgang entwickelt sich erfreulich in den Jahren des Wiederaufbaus und des beginnenden Wirtschaftswunders. Schon im Jahr vor der Gründung des Maschinenfabrik setzt Jungheinrich mehr als 800.000 D-Mark um. Und schon damals verkauft er die Transportgeräte auch ins europäische Ausland, hat die Firma auswärtige Niederlassungen.

Karren und Handwagen im Direktverkauf

Dass Jungheinrich schon sehr früh auf Elektromotoren setzt, ist richtungsweisend bis heute. Die Jungheinrich AG stellt ganz überwiegend Fahrzeuge mit Elektroantrieb her und gilt als führend beim Einsatz moderner Lithium-Ionen-Akkus.

Und auch andere Unternehmensgrundsätze aus den Anfangsjahren wirken bis heute nach: So vertrieb Jungheinrich schon seine ersten Karren und Handwagen im Direktverkauf. Wann immer es ging und sinnvoll war, besuchten eigene Verkaufsmitarbeiter die Kunden – und brachten von ihnen Informationen darüber mit, wonach der Markt verlangte. Ein wichtiger Wissensschatz für die Entwicklung neuer Fahrzeuge. In den vergangenen Jahren hat der Konzern in mehreren Ländern die Generalimporteure seiner Fahrzeuge übernommen – er macht das Geschäft lieber selbst.

Als der Gründer 1968 im Alter von 68 Jahren starb, machte Jungheinrich mehr als 100 Millionen Mark Umsatz. 50 Jahre später steuert der Konzern, der längst nicht mehr nur sogenannten Flurförderzeuge herstellt – seit der Gründung waren es nach einer Unternehmensschätzung mehr als 2,5 Millionen Stück –, sondern auch die Kompletteinrichtung hochautomatisierter Lager liefert, die Marke von vier Milliarden Euro Erlösen an. 2020 soll das Ziel erreicht sein. Es gab auch Rückschläge auf dem Weg dahin. Nach der 2007 beginnenden Wirtschaftskrise musste sich das Unternehmen sogar von Mitarbeitern trennen. Doch das Wirtschaftswunder, in das Friedrich Jungheinrich vor 65 Jahren mit einer neuen Firma startete, dauert bis heute an.