Trauma für die Kinder

Jungfernstieg-Mord: „Gefühl, als passiere der Horror erneut“

Am Jungfernstieg hat ein Vater sein eigenes Kind und dessen Mutter mit dem Messer angegriffen, beide Opfer starben

Am Jungfernstieg hat ein Vater sein eigenes Kind und dessen Mutter mit dem Messer angegriffen, beide Opfer starben

Foto: Andreas Laible

Trauma-Experte: Doppelmord am Jungfernstieg wird die Kinder ein Leben lang begleiten. Abendblatt-Leser spenden 25.000 Euro.

Hamburg.  Sandra P. war der große Halt im Leben ihrer fünf Kinder – bis ihr ehemaliger Lebensgefährte Mourtala M. der 34 Jahre alten Mutter und ihrer erst einjährigen Tochter im S-Bahnhof Jungfernstieg das Leben nahm. Das Schicksal der vier übrigen Söhne im Alter von drei, sechs, sieben und 15 Jahren bewegt noch immer die gesamte Stadt.

Bis zum Wochenende gingen nach einem Abendblatt-Aufruf bereits mehr als 23.000 Euro an Spenden für die Kinder ein. Welche Folgen hat ihr Verlust für das Leben der Söhne? Das Abendblatt sprach mit Dr. med. Andreas Krüger, ärztlicher Leiter des Trauma-Therapie-Zentrums Ankerland.

Herr Krüger, was geschieht in der Psyche eines Kindes, dessen Mutter und kleine Schwester auf grausame Weise ermordet wurden?

Andreas Krüger: Die Tat bedeutet einen völligen Zusammenbruch der bisherigen Wirklichkeit. Das Ereignis wird die Lebensgeschichte der Kinder in ein Vorher und Nachher teilen. Elementar ist, nun sehr schnell ein Versorgungsmodell zu finden, das den Kindern dauerhaft emotionale Wärme, menschliche Fürsorge und Verlässlichkeit zurückgeben kann, um wieder Vertrauen in sich und die Welt zu erlangen.

Der dreijährige Sohn war am Tatort und lebt nun in einem Kinderschutzhaus, die drei übrigen Kinder bei dem leiblichen Vater von zweien von ihnen.

Das ist problematisch. Alle Geschwister sollten nach Möglichkeit zusammen sein. Das familiäre Lebensumfeld ist entscheidend für den weiteren Verlauf. Für den kleinsten Sohn liegt eine Gefahr darin, dass er sich nun in dem Schutzhaus einrichtet und wohlfühlt – und dann wieder aus diesem Nest herausgerissen wird, weil es eben doch nur eine Übergangslösung ist. Das kann eine zusätzliche Traumatisierung zur Folge haben.

Es heißt, bislang zeige der Junge kaum auffälliges Verhalten, spiele und male.

Aus der Todesangst und Ohnmacht um seine Mutter, wie speziell und unmittelbar der Dreijährige es erlebt hat, ergibt sich die Wahrscheinlichkeit, dass er eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln wird. Mit dieser Krankheit gehen in der Folge heftige Angst- und erhebliche Unruhezustände einher. Es gibt bei extremen negativen Erlebnissen aber auch eine nachvollziehbare Reaktion, die wir etwa von Folter- oder Missbrauchsopfern kennen: Die Betroffenen betrachten sich selbst und das Geschehene von außen, wie unbeteiligt, empfinden keinen Schmerz mehr, sind zeitweise wie taub. Aber mit diesem Schutzmechanismus geht auch einher, dass sich das Erlebte später immer wieder auch mit großer Wucht Bahn bricht; es kommt zu sogenannten Flashbacks. Dann steht der Horror plötzlich wieder so real vor Augen, als passiere er erneut.

Besteht eine Chance, dass der Dreijährige die schrecklichen Bilder vergisst?

In diesem Alter ist bereits die dauerhafte Fähigkeit zur bildhaften Erinnerung ausgeprägt. Er wird das Geschehene vermutlich bis ins hohe Alter in mehr oder weniger konkreter Form in seiner Psyche tragen. Bei traumatischen Erlebnissen werden praktisch alle Wahrnehmungen der jeweiligen Situation gespeichert. Die Umgebung, Stimme und Aussehen des Täters, Geräusche, Gerüche. Trifft der Patient in seinem späteren Leben auf etwas, das diesen Details nur ähnelt, kann dies sofort einen Flashback auslösen. Es ist davon auszugehen, dass es der Junge bis auf Weiteres sehr schwer haben wird, etwa im Alltag mit der S-Bahn zu fahren.

Wie kann das Leid gelindert werden?

Dass der jüngste Sohn zu bildhafter Erinnerung fähig sein wird, kann auch ein Vorteil bei der Therapie sein, da dem Trauma und seinen Folgen so konkreter begegnet werden kann. Es geht zunächst darum, einen stabilen Lebensrahmen zu schaffen. Dann sollten die Traumafolgen in einem behutsamen Dialog mit dem Kind sichtbar gemacht werden, um sie zu überwinden – und nach meiner Erfahrung müssen hilfreiche Bezugspersonen als Unterstützer des Heilungsprozesses intensiv in die Behandlung mit eingebunden werden.

Die leiblichen Väter haben aber keinerlei Erfahrung darin, mit den kommenden Problemen umzugehen.

Es sind sehr viel Erklärung und Begleitung nötig, damit sie der Situation der Kinder gerecht werden können. Und es ist wahrscheinlich, dass ein Vater, der sich um mehrere stark belastete Kinder kümmern muss, völlig überfordert sein wird. Man muss genau prüfen, ob eine andere Form der Unterbringung, etwa bei einer „Profifamilie“ mit weiteren Kindern, die bessere Lösung ist.

Können die vier Söhne ihre Erlebnisse vollkommen überwinden?

Dazu gibt es eine Chance, auch wenn eine seelische Narbe bleiben wird. Der älteste Sohn könnte ein Halt für seine Geschwister sein – und über das Gefühl, anderen dienlich zu sein, auch sein eigenes Erleben besser verarbeiten. Für den dreijährigen Sohn wird es womöglich ein besonders schwerer Weg. Viele Kinder mit traumatischen Erlebnissen haben im späteren Leben ein sehr hohes Risiko für weitere psychische Erkrankungen oder Suchtkrankheiten, um die Symptome zu dämpfen. Wenn es jedoch gelingt, ein enges, traumapsychologisch kompetentes privates und professionelles Netzwerk zu weben, kann es ihm gelingen, zu einem guten Leben zu finden. Kinder sind wie Löwenzahn. Gut unterstützt brechen sie sogar durch harten Asphalt und blühen leuchtend auf.