Senat

Peter Tschentscher: Vom Zahlenzar zum Bürgermeister

Hamburgs neuer Bügermeister: Peter Tschentscher

Hamburgs neuer Bügermeister: Peter Tschentscher

Foto: dpa

Der langjährige Finanzsenator lenkt nun die Geschicke der Hansestadt. Ein Mann, dessen Karriere sich fast wie von selbst ergeben hat.

Hamburg. Zumindest Microsoft ist noch nicht auf dem aktuellen Stand. Wer den Namen Tschentscher in ein Dokument eintippt, bekommt von der Autokorrektur sogleich den Verbesserungsvorschlag „Taschentücher“ präsentiert. Dabei ist der neue Bürgermeister Peter Tschentscher weder ein politischer Unbekannter noch ein Leichtgewicht, sondern war mehr als sieben Jahre Finanzsenator der Freien und Hansestadt. Der Letzte, der zwischen 1957 und 1965 eine ähnlich lange Amtszeit schaffte, war Herbert Weichmann. Und der zog bekanntlich aus der Finanzbehörde am Gänsemarkt direkt ins Rathaus.

Warum manche politische Beobachter den gebürtigen Bremer Tschentscher dennoch lange kaum auf dem Zettel hatten, könnte an seiner leisen, unauffälligen Art liegen, die in der Politik nicht unbedingt zu den typischen Eigenschaften gehört. Andere rüttelten an den Toren zum Kanzleramt oder gaben schon als Dreikäsehoch den Berufswunsch Bürgermeister an.

Stadt passt zum neuen Bürgermeister

Bei Peter Tschentscher, diesem schmalen, fast unscheinbaren Mann, wäre beides unvorstellbar. Sozialisiert wurde er in Oldenburg in Niedersachsen – dorthin zog er als Siebenjähriger. Die Stadt passt zum neuen Bürgermeister. Sie ist traditionell links und bürgerlich zugleich; der Stadtteil Eversten mit seinen Straßenzügen voller Eigenheime erinnert an ein großes Dorf. Peter Tschentscher wächst dort mit drei Brüdern auf, der Vater ist Holzkaufmann und eher unpolitisch.

Den Eintritt des Sohnes in die SPD kommentieren die Eltern mit Schweigen. Politisiert wird er am Gymnasium Eversten, wo er 1985 Abitur macht – die Schule gilt damals als ausgesprochen links. In diese Zeit fallen die großen Debatten um Nachrüstung, Atomkraft und die Ausbeutung der Dritten Welt. Tschentscher ist ein guter, aber zugleich wenig auffälliger Schüler. „Ich kann mich an ihn kaum erinnern“, sagt ein Klassenkamerad. Ein Satz, der wenig und viel zugleich verrät.

Eigentlich wollte er in Oldenburg bleiben

Nicht ganz freiwillig zieht es den 19-Jährigen 1995 nach Wittmund: Eigentlich wollte er in Oldenburg bleiben, aber das Bundesamt für den Zivildienst schickte ihn 60 Kilometer nach Nordwesten, irgendwo ins Nirgendwo. Kurz vor der Nordsee absolviert der Kriegsdienstverweigerer seinen Dienst als Rettungssanitäter. Hatte er zuvor mit dem Gedanken gespielt, Naturwissenschaften zu studieren, reift in diesen 20 Monaten der Plan, Mediziner zu werden.

Peter Tschentscher zum Bürgermeister gewählt

Die ZVS, die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, schickt ihn 1987 nach Hamburg – die Stadt hatte Tschentscher als Erstwunsch angegeben. 1987 beginnt er sein Medizinstudium. Zwei Jahre später tritt er in die SPD ein und macht bald Karriere, 1991 wird er Abgeordneter in der Bezirksversammlung Nord. Insgesamt 17 Jahre sitzt er in dem Regionalparlament; 1999 steigt er auf zum SPD-Fraktionsvorsitzenden, 2007 zum Bezirkschef der SPD, 2008 zieht er in die Bürgerschaft ein. Der Mann geht seinen Weg, aber vieles passiert fast automatisch.

1994 fängt er im UKE als Labormediziner an; 2004 promoviert er, den Titel seiner Doktorarbeit hätte er nie auf Twitter teilen können: „Immunchemische Unterscheidung hochhomologer Proteinstrukturen am Beispiel der Schwangerschaft-spezifischen Glykoproteine: differentielle Absorptionen polyvalenter Antiseren an bakteriell exprimierten Domänen der Immunglobulin-Superfamilie“. Politik und Medizin laufen weiter parallel. Tschentscher zitiert gerne den deutschen Vorzeigemediziner Rudolf Virchow: „Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“ Was das bedeutet? „Bevor man eine Therapie beginnen kann, benötigt man eine Diagnose“, sagt Tschentscher. Dinge, die gleich aussähen, könnten unterschiedliche Ursache haben.

Seine Sprache gewinnt an Farbe

Der Berliner Pathologe und Politiker aus dem 19. Jahrhundert fasziniert den Bürgermeister, weil er neben dem naturwissenschaftlichen Ehrgeiz Sozialreformer war und sich für bessere Hygiene und Gesundheitsvorsorge einsetzte. Virchow legte sich mit den Größen seiner Zeit an – der damalige preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck forderte Virchow 1865 sogar zum Duell auf, das der Mediziner ausschlug. Wenn Tschentscher von Virchow und dem Medizinerberuf erzählt, spürt man seine Begeisterung; seine Sprache gewinnt an Farbe, seine Gestik an Dynamik. Dieser Beruf sei nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich anstrengend. „Und ein guter Arzt muss ein guter Mensch sein“, meint Tschentscher. Er war gern Arzt. „Bis zum 22. März 2011 bin ich jeden Tag gern ins UKE gegangen.“

Am 23. März 2011 hat der damals 45-Jährige einen neuen Arbeitsplatz – die Finanzbehörde am Gänsemarkt. Als die SPD im Februar die Bürgerschaftswahl mit absoluter Mehrheit gewinnt, fällt das Amt des Finanzsenators fast zwangsläufig an Tschentscher. In den drei Jahren zuvor hatte er sich als haushaltspolitischer Sprecher der Opposition einen Namen gemacht. Es gibt hochrangige Sozialdemokraten, die ihn für einen der entscheidenden Köpfe beim Wahltriumph 2011 halten.

Tschentscher zum Bürgermeister vereidigt:

Tschentscher, loben nicht nur Parteifreunde, will Politik erklären. Stets erkundigt er sich bei Mitarbeitern, ob er verständlich ist. Bevor er nicht verstanden wird oder vage bleibt, zieht er lieber sprachliche Pirouetten. Manche Antwort ufert aus: Sich kurz zu fassen, die Dinge auf den Punkt zu bringen, dazu muss er sich auch nach sieben Jahren als Senator mitunter noch zwingen.

Sprudelnde Steuereinnahmen

Kurz nach dem Wahlsieg gibt er eine Pressekonferenz, die in den Köpfen haften bleibt. Peter Tschentscher erläutert da das Scholz-Motto „Pay as you go“. Mit einer selbst gestalteten Powerpoint-Präsentation dokumentiert der Zar der Zahlen einen Paradigmenwechsel und drei Ziffern: 0,88 Prozent – diese Obergrenze sollte künftig für alle Ausgabensteigerungen gelten. 2011 war die Zeit der Schuldenbremse und einer wackeligen Konjunktur, der kleine Mann im neuen Amt sollte große Wünsche von vornherein unterbinden.

Dass es später anders kam, lag an der Flüchtlingskrise und sprudelnden Steuereinnahmen. Die gute Konjunktur half, trotz steigender Ausgaben Überschüsse zu erwirtschaften. Bei seinem Amtsantritt war der Haushalt fast eine Milliarde im Minus, seinem Nachfolger Andreas Dressel übergibt Tschentscher nun einen Etat, der seit 2014 ohne Schulden auskommt und zuletzt mit einer Milliarde Überschuss glänzte. Tschentscher ist ein (steuer)politisches Glückskind, hat aber auch das Glück des Tüchtigen. Es hängt mit dieser Leistung zusammen, dass Scholz ihn als den „angesehensten Senator“ geadelt hat. Umgekehrt hält Tschentscher Scholz für einen der klügsten Politiker.

Viel Respekt erarbeitet

Egal mit wem man in seinem Umfeld spricht, Tschentscher hat sich als Senator in der Behörde viel Respekt erarbeitet. „Er ist ungeheuer akribisch, aber stets anständig im Umgang mit den Mitarbeitern“, heißt es da. Gegen die politische Tradition übernahm er den alten Behördensprecher mit CDU-Parteibuch – und beförderte ihn kürzlich sogar zum Leiter der Präsidialabteilung. Die Kritiker an Tschentscher sind in der Minderheit. „Er ist ein Tier und hat ein ungeheures Arbeitspensum – das erwartet er dann manchmal auch von seinem Umfeld.“ Tschentscher verfügt über eine rasche Auffassungsgabe, seine Akribie, die ans Pedantische grenzt, ist legendär. In der Finanzbehörde begeistert sie viele, manche treibt sie in den Wahnsinn; in anderen Ressorts könnte sich dieses Verhältnis drehen.

Tschen­tscher vermag, noch über Nachkommastellen zu diskutieren, die in Excel-Daten auf Seite 8, Spalte 8, Zelle 41 verborgen stehen. „Er will eben alles verstehen.“ Und alles für die Öffentlichkeit verständlich machen. Anders als manche seiner Vorgänger erklärt er beispielsweise den Mitglieder der Finanzdeputation, abschätzig als politisches Abklingbecken verspottet, gewissenhaft die Einzelheiten. „Er nimmt die Leute mit, schätzt sie“, lobt einer.

Er mag den HSV und liebt Udo Lindenberg

Auffällig sind seine Disziplin und seine Ordnung. Kommt er an einem Freitag ohne Termine leger im Rollkragenpullover unter dem Sakko, fällt das sofort auf. „Er könnte sein Büro ruck, zuck räumen. Da ist nichts Privates zu sehen“, verrät ein Insider. Zugleich nimmt er seine Frau Eva-Maria gern und oft zu Terminen, Empfängen und Diners mit, sie hat an seinem Leben teil – der vollgestopfte Terminkalender erlaubt sonst wenig Zweisamkeit.

Kein Porträt über Tschentscher kommt ohne den Hinweis aus, der Barmbeker sei HSV-Fan und liebe Pommes mit Mayo. Sein Vater war glühender Werder-Fan, Tschentscher ist über seinen Sohn spätberufen zum Fußball gekommen, bekehrt wurde er im Volkspark. „Im Stadion habe ich ein anderes Gefühl für den Sport bekommen“, sagt der neue Bürgermeister. Diese Leidenschaft überrascht selbst Senatskollegen.

Tschentscher ist Asket

Pommes mit Mayo und Peter Tschentscher passen noch weniger zusammen. „Einmal hat er bei einer Verwaltungsratssitzung zwei Kekse genascht, das hat schon gereicht, einige total aus dem Konzept zu bringen“, sagt ein Mitarbeiter. Tschentscher ist Asket, er isst wenig, trinkt kaum Alkohol, vor allem Kaffee und Wasser. Sein Privatleben bleibt privat. Wenn er Bilder aus dem Skiurlaub in Österreich oder vom Besuch in Oldenburg twittert, gilt das schon als Nabelschau.

Oppositionsführer Trepoll kritisiert Bürgermeister Tschentscher

Er spielt gut Klavier, wissen Freunde, ist kulturinteressiert. Er twittert mehr aus Konzerthäusern als aus Fußballstadien. Seinen Lieblingsmusikern – Heinz-Rudolf Kunze, Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg – ist er seit der Jugend treu; er liest am liebsten historische Krimis. Der gläubige evangelische Christ ist mit einer Katholikin verheiratet, der einzige Sohn hat im vergangenen Jahr an einem katholischen Gymnasium Abitur gemacht.

Ruhig, leise, zurückhaltend

Politisch ist er in der SPD eher dort zu verorten, wo die sozialdemokratischen Sieger stehen: auf der Seite der Pragmatiker und eher Konservativen. Zwar hat er als Linker in der Partei begonnen, davon ist aber nicht allzu viel geblieben. Trotzdem kommt Tschen­tschers Aufstieg für viele überraschend. Er hat keinen Killerinstinkt, den man politischen Aufsteigern oft nachsagt, sich nie nach der Macht gedrängt. Nun fiel sie ihm fast zu. Ebenfalls ein Unterschied zu Olaf Scholz.

Tschentscher ist anders als sein Förderer, ruhiger, leiser, zurückhaltender. Wenn Olaf Scholz in einen Raum kommt, füllt er ihn gleich aus, Peter Tschentscher muss sich erst diese Dominanz noch aneignen. Volkstümlich ist er nicht, jedoch extrem lernfähig. Aber auch Scholz war zu seinen Anfängen deutlich defensiver und zurückhaltender. Ein jeder wächst mit seinen Aufgaben. Der Mensch prägt nicht nur das Amt, das Amt prägt auch den Menschen.

Nächste Woche: Axel Strehlitz, Geschäftsführer von Panik City