Hamburg

Trauerfeier für Jürgen Heuer: Scholz hält emotionale Rede

 Nebend dme Sarg stand ein Foto von Jürgen Heuer – für TV-Zuschauer ungewöhnlich – in Freizeitkleidung

Nebend dme Sarg stand ein Foto von Jürgen Heuer – für TV-Zuschauer ungewöhnlich – in Freizeitkleidung

Foto: Marcelo Hernandez

Bundesfinanzminister Olaf Scholz erinnert im Michel in bewegenden Worten an den NDR-Reporter.

Hamburg.  „Unsere Stadt hat mit ihm eine beeindruckende Hambur­gische Persönlichkeit, eine beeindruckende Journalistenpersönlichkeit und einen guten Menschen verloren.“

Es waren berührende Worte, mit denen der frühere Bürgermeister und heutige Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) am Freitag Abschied von Jürgen Heuer nahm. „Mehr als 30 Jahre waren die Anfangsmelodie des ,Hamburg Journals‘ und das Gesicht von Jürgen Heuer untrennbar miteinander verbunden. Seine Berichte boten Hunderttausenden in unserer Stadt sachliche Information, Orientierung und Vertrauen“, sagte Scholz am Freitag auf der Trauerfeier im Michel.

Der bekannte TV-Journalist des NDR und langjährige Vorsitzende der Landespressekonferenz war am 23. Fe­bruar im Alter von 56 Jahren nach schwerer Krebserkrankung gestorben. Bis zuletzt hatte er dagegen gekämpft und unbeirrt seinen Platz auf der Pressetribüne in der Bürgerschaft eingenommen. Wie sehr sein Tod nicht nur Familie und Freunde, sondern auch Kollegen und die Politiker berührt hatte, über die er mehr als drei Jahrzehnte berichtet hatte, zeigte sich auf der Trauerfeier in der Hauptkirche St. Michaelis, die etwas von einem Staatsakt hatte.

Scholz war aus Berlin gekommen; außer ihm nahmen auch sein designierter Nachfolger als Bürgermeister, Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD), die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU), viele weitere aktuelle und ehemalige Senatsmitglieder und Abgeordnete sowie mehrere Hundert Freunde, Kollegen und Wegbegleiter Abschied von Jürgen Heuer.

Scholz erinnerte sich an die gemeinsamen Anfänge

Scholz hob vor allem dessen Gabe hervor, die politische Lage kritisch zu analysieren, sie in wenigen klaren Worten auf den Punkt zu bringen und dabei immer fair zu bleiben: „Wenn Regierungen stürzten oder Landesbanken taumelten, dann wollte man als Hamburger die schlechten Nachrichten zumindest zuerst von Jürgen Heuer erfahren“, so Scholz. „Nicht weil er die Dinge beschönigt hätte. Aber weil er das richtige Maß kannte. Weil er ein guter Journalist war.“

In einer ungewöhnlich persönlichen Rede erinnerte sich Scholz an die gemeinsamen Anfänge in Rahlstedt – er selbst damals bei den Jusos aktiv, Jürgen Heuer bei der Jungen Union. „Wir hatten beide noch Haare auf dem Kopf und – zumindest ich – manche politischen Flausen im Kopf.“ Vielleicht war es gerade die unterschiedliche politische Sozialisierung, die dazu führte, dass der prinzipienfeste Politiker Scholz den Journalisten Heuer auch wegen seiner klaren Haltung zu schätzen wusste: „Unsere Demokratie beruht zu einem wesentlichen Teil auf der Standfestigkeit der einzelnen Journalistenpersönlichkeit“, sagte Scholz. „Denn nur, wer eigene Wurzeln hat, hält auch dem Sturm von Stimmungen stand. Jürgen Heuer war eine solche Journalistenpersönlichkeit.“

Umso mehr bestürzte es ihn, als Anfang Februar eine Mail von Heuer im Rathaus einging. Er könne aus gesundheitlichen Gründen für einige Zeit die allwöchentliche Landespressekonferenz, in der Senatsmitglieder den Medien Rede und Antwort stehen, nicht leiten, schrieb der LPK-Vorsitzende und verabschiedete sich „in der Hoffnung, bald wieder an Deck zu sein“, berichtete Scholz. Diese Hoffnung habe sich nicht erfüllt. Aber, so schloss er seine Trauerrede: „Wir halten an Deck immer einen Platz für ihn frei.“

NDR-Intendant Marmor würdigt Heuers Leidenschaft

NDR-Intendant Lutz Marmor nannte es „sehr besonders, dass so viele Wegbegleiter in den Michel gekommen sind“. Das zeige, dass der Tod Jürgen Heuers viele Menschen sehr bewegt habe. Er sei „eine Hamburgische Persönlichkeit“ gewesen, die sich um die Stadt und den NDR verdient gemacht habe. „Jürgen Heuer hat das eingelöst, was von hervorragenden Journalisten erwartet wird: Präzision, Sachverstand, Analyse, Leidenschaft und eine große Fähigkeit, verständlich und anschaulich zu berichten.“ Für ihn sei Journalismus mehr als ein bloßer Job gewesen: „Er war seine Berufung und seine Leidenschaft.“

Daher habe er sich stets über seine Aufgabe als Leiter des Landespolitik-Ressorts beim „Hamburg Journal“ hinaus engagiert: 22 Jahre sei er ehrenamtlicher Vorsitzender der Landespressekonferenz gewesen, dem Bindeglied zwischen Hamburgs Rathausjournalisten und der Politik. Außerdem habe er sich ehrenamtlich in der Stiftung der Hamburger Presse für einen fairen und qualitätsvollen Journalismus engagiert.

Marmor erwähnte auch an die sympathischen Marotten seines Kollegen. So habe Heuer Mitarbeiter für besonders gelungene Beiträge oder Filmsequenzen mit einem Groschen belohnt: „Ein 10-Pfennig-Stück“, so Marmor. „Das war etwas ganz Besonderes.“ Solche Gesten würden in Erinnerung bleiben. Ebenso das Namensschild an der Bürotür: „Herr Heuer“. So habe der mit einem Augenzwinkern bedeutet: „Hier gilt das hanseatische Sie, keine typische Journalisten-Duzerei“, so Marmor. „Keine Anbiederei. Das galt nicht nur für seine Berichterstattung, sondern auch für sein Wirken im NDR.“

Michel-Hauptpastor Alexander Röder erinnerte auch an den Privatmann und Vater Jürgen Heuer, der seiner Familie und engen Freunden auch andere Facetten von sich zeigte. Dessen Witwe Nina hatte einen Joe-Cocker-Song für den Gottesdienst ausgesucht. „Unchain my heart“ im Michel, dargeboten in einer sehr freien Orgelversion – das passte zu dieser außergewöhnlichen Trauerfeier.