Appen/Hamburg

Warum Spitzensportler Uniform tragen

Sportfördergruppe der Bundeswehr, v.l.: Torben Johannesen, Kira Walkenhorst, Lars Flüggen und Markus Böckermann

Sportfördergruppe der Bundeswehr, v.l.: Torben Johannesen, Kira Walkenhorst, Lars Flüggen und Markus Böckermann

Foto: Mark Sandten / HA

Besuch in der Sportfördergruppe Hamburg: Bundeswehr spielt wichtige Rolle für den Erfolg von deutschen Topathleten.

Appen/Hamburg.  Der Termin seiner Vereidigung rückt näher, als Markus Böckermann feststellt, dass er ein Pro­blem hat. Ratlos starrt der Zweimetermann auf das nasse, blaue Tuch in seiner Hand, das eigentlich längst kunstvoll verknotet um seinen Hals liegen sollte. „Ich habe das noch nie selbst gemacht“, sagt der 32 Jahre alte Beachvolleyballer. Seine Arbeitskleidung besteht im Normalfall aus Shorts, Muskelshirt, Sonnenbrille. Aber dieser Donnerstagvormittag in der Marseille-Kaserne in Appen (Kreis Pinneberg), wo sich 45 Athleten versammelt haben, ist kein Normalfall.

Leben voll auf den Sport ausgerichtet

Der Diplom-Ingenieur, der 2016 in Rio de Janeiro für Deutschland an den Olympischen Sommerspielen teilnahm, hatte sich, um sein Leben voll auf den Sport ausrichten zu können, vor Rio für den Eintritt in die Bundeswehr entschieden. Zwei Jahre später steht der Übergang vom freiwilligen Wehrdienstleistenden (FWDL) zum Soldaten auf Zeit (SaZ) an, und dafür muss sich Böckermann in die Uniform zwängen, die ihn als Angehörigen der Marine ausweist. Hose und Jackett sitzen, doch das speziell geknotete Halstuch fehlt noch. Man hatte ihm den Tipp gegeben, es zur besseren Bearbeitung mit Wasser zu tränken. „Passen Sie nur auf, dass es nachher nicht noch tropft, wenn sie es tragen“, hatte der Vorgesetzte gescherzt.

Eine halbe Stunde später tropft gar nichts. Der Knoten, unter Anleitung hilfreicher Kameraden fachgerecht angelegt, schmückt Böckermanns Kragen, als er an der Seite der Segler Lena Haverland und Justus Schmidt dem Oberstleutnant Marko Knipper den Eid nachspricht: „Ich schwöre, der Bundesrepu­blik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Auf die freiwillige Schlussformel „So wahr mir Gott helfe“ verzichten alle drei Athleten.

Verteidigung des Landes nicht die Hauptrolle

Lars Apitz weiß, dass Leistungssportler oft mehr sich selbst und ihren Trainern vertrauen als irgendeiner höheren Macht. Und der Leiter der Sportfördergruppe Hamburg, die in Appen ansässig ist, weiß auch, dass die Kernaufgabe der Bundeswehr – die Verteidigung des Landes im Angriffsfall – für die ihm untergeordneten 80 Athleten nicht die Hauptrolle spielt. „Und das ist okay so. Kernziel eines Sportsoldaten ist es, für sein Land sportliche Erfolge zu erreichen und dabei die Streitkräfte positiv zu vertreten“, sagt der 49-Jährige.

Natürlich verlange die Bundeswehr eine gewisse Identifikation mit ihren Aufgaben und Zielen. Schriebe beispielsweise ein Sportsoldat im Internet, dass Soldaten Mörder seien und das Land ihn nicht interessiere, müsse er mit Disziplinarmaßnahmen bis hin zum Ausschluss rechnen. Aber das 1968 auf einen Bundestagsbeschluss hin eingeführte System der Spitzensportförderung in der Bundeswehr ist darauf ausgerichtet, den Sportsoldaten zu ermöglichen, sich ohne zeitliche und vor allem finanzielle Einschränkungen auf Training und Wettkämpfe konzentrieren zu können.

Wichtiger Förderer

15 Sportfördergruppen gibt es aktuell in Deutschland, die 744 Förderplätze bereitstellen. Damit ist die Bundeswehr einer der wichtigsten Förderer des Hochleistungssports. Dass dieses System erfolgreich ist, zeigen die Bilanzen der Olympischen Sommer- und Winterspiele. Seit 1994 wurden 44 Prozent aller Medaillen für Deutschland von Sportsoldatinnen und -soldaten gewonnen. „Das ist etwas, worauf wir schon ein wenig stolz sein dürfen“, sagt Apitz. Der gebürtige Bremer war früher Langstrecken-Triathlet, wechselte mit dem Eintritt als Berufssoldat in die Bundeswehr 1987 aber zum maritimen Fünfkampf, weil dieser als rein militärische Sportart besser gefördert wurde.

Seit zwei Jahren ist Apitz Chef der Hamburger Sportfördergruppe, und mit seinem einfühlsamen Auftreten hat er ein Klima geschaffen, das sich wohltuend abhebt von dem, was man als Wehrdienstleistender selbst erlebt hat. Wie unter Sportlern üblich, wird niemand gesiezt. Dass die Athleten beim Antreten in Appen nicht gerade die perfekte Reihe bilden und einige Herren am Morgen nicht nah genug an ihrem Rasierer standen, wird geflissentlich übersehen.

Konkurrenzkämpfe in Verbänden

Wer Mitglied einer Sportfördergruppe werden darf, das entscheidet nicht die Bundeswehr. Sie ist einzig für die Musterung, die medizinische Tauglichkeitsprüfung, zuständig. Wer eine der Förderstellen haben möchte, bewirbt sich bei seinem Fachverband, der im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) organisiert sein muss. Die Verbände entscheiden, welche Athleten sie in die Sportfördergruppe entsenden wollen. Da jede der geförderten 44 olympischen sowie 16 nicht olympischen Sportarten über eine feste Anzahl an Plätzen verfügt, gibt es in manchen Verbänden durchaus Konkurrenzkämpfe.

Jedes Jahr wird die Zugehörigkeit zur Sportfördergruppe neu überprüft. Wer seine sportliche Leistung bringt, darf bleiben und wird nach spätestens zwei Jahren zum Soldaten auf Zeit ernannt. Die Möglichkeit, sich auf mehrere Jahre zu verpflichten, haben Sportsoldaten dagegen nicht. Dafür können sie im Rahmen des Modells „Duale Karriere“ nebenbei an „zivilen“ Universitäten studieren, was in Hamburg mehr als 60 Prozent tun. Trainer werden auch gefördert, sie können sich als Berufssoldaten verpflichten und ihren Dienst ausschließlich als Coach an den Stützpunkten der Fachverbände verrichten.

Trainiert wird im gewohnten Umfeld

Die unter Sportfans verbreitete Vorstellung, Sportsoldaten würden an ihren Bundeswehr-Standorten gemeinsam trainieren, ist grundfalsch. Zwar hat jeder der 15 Standorte Schwerpunktsportarten, aus denen er seine Athleten rekrutiert. So sind in Appen vorrangig Beachvolleyball, Rudern, Segeln, Hockey und Wasserball vertreten. Aber wer seine auf sechs Wochen verkürzte Grundausbildung hinter sich gebracht hat, die die Sportsoldaten allesamt in Hannover absolvieren, sieht eine Kaserne lediglich einmal im Jahr für eine Woche von innen, um die vorgeschriebene militärische Weiterbildung zu absolvieren.

Trainiert wird im gewohnten Umfeld, in Vereinen oder an den Bundesstützpunkten, die die Fachverbände vorgeben. Zwar verfügt die Marseille-Kaserne über einen modernen Kraftraum. „Aber ich versuche, die Athleten so selten wie möglich nach Appen einzuberufen“, sagt Apitz. Die Sportler müssen fünf Tage vor Monatsende ihren Trainingsplan für den Folgemonat einreichen, der dann als Dienstplan gilt. Damit sind sie beispielsweise auf Trainingsreisen versichert.

Genau diese Sicherheiten sind es, die auch Lars Flüggen davon überzeugt haben, in die Sportfördergruppe einzutreten. Für Themen wie Bundeswehr und Landesverteidigung hatte sich der 27 Jahre alte Strandpartner von Böckermann nie sonderlich erwärmen können. „Aber wenn man sich als Leistungssportler auf seinen Job konzentrieren möchte, gibt es keinen besseren Partner als die Bundeswehr“, sagt Flüggen. Wer weiß, dass der durchschnittliche deutsche Topathlet monatlich mit 626 Euro Förderung auskommen muss, kann ermessen, dass die Besoldung, die gestaffelt zwischen 800 und 1200 Euro beträgt, das Leben eines Sportsoldaten wesentlich erleichtert. Zumal die Zugehörigkeit zur Bundeswehr die Förderung durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe, den zweiten großen Leistungssportförderer in Deutschland, nicht ausschließt.

Riesengroße Hilfe

Kira Walkenhorst grinst vielsagend, als sie die Frage nach ihrer Identifikation mit der Bundeswehr beantworten soll. „Ich kann mich absolut mit der Kernaufgabe, sportliche Leistungen für Deutschland zu erbringen, identifizieren“, sagt die Beachvolleyball-Olympiasiegerin von 2016, seit 2012 Mitglied der Sportfördergruppe. „Gerade zu Beginn meiner Karriere, als ich auf Turnieren weltweit Weltranglistenpunkte sammeln musste, war das eine riesengroße Hilfe“, sagt die 27-Jährige, die sich aktuell von Operationen an Hüfte und Schulter erholt.

45 Hamburger Sportsoldaten im Rathaus zu Gast

Deshalb seien Pflichttermine wie der am Donnerstag „eine Selbstverständlichkeit, um etwas zurückzugeben“, sagt Kira Walkenhorst. Die 45 Mitglieder der Sportfördergruppe waren nach dem Treffen in Appen im Hamburger Rathaus dabei, als Kapitän zur See Michael Giss die Führung des Landeskommandos Hamburg von Kapitän zur See Michael Setzer übernahm. Und wer die neugierigen Blicke der Passanten sah, die hinter den Uniformen deutsche Sporthelden entdeckten, der konnte erahnen, dass der Imagegewinn für die Bundeswehr ein lohnendes Gegengeschäft darstellt.

Markus Böckermann ist trotzdem froh, dass er das kunstvoll geknotete Halstuch nun wieder gegen Shorts und Muskelshirt tauschen kann.