Große Freiheit

Tocotronic ohne Ende – für drei Konzert-Abende

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow gab mächtig Gas auf der Bühne

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow gab mächtig Gas auf der Bühne

Foto: HA/Roland Magunia

Tocotronic und ihr glückliches, sentimentales Publikum finden zusammen in der ausverkauften Großen Freiheit 36.

Hamburg. Drei Konzerte in der Großen Freiheit 36, das ist in diesem Frühjahr der Standard für die Bands von den fernen Gestaden unserer Jugend. Erst Kettcar im Februar, jetzt Tocotronic. Da kommt man in Hamburg, der Hauptstadt der deutschen Rockmusik, natürlich wenigstens einmal noch nach St. Pauli, dorthin, wo früher das Nachtglück auf der Straße lag und die Gegenwart unendlich war.

Große Freiheit, letzte Reihe: Während überpünktlich um 19.59 Uhr klassische, dramatische Klänge die Toco­tronic-Show einleiten, rauschen die Letzten aus der Kälte in diese Freiheit, großes Hallo, Umarmung, Jacke weg, schnell ein Bier, auch die Kinder sind versorgt: die Ü-40 hat Ausgang. Und sie stürmt dann auch schon unter herz­lichem Willkommens-Applaus des Pu­­blikums die Bühne. In Person von Dirk von Lowtzow, Rick McPhail, Arne Zank und Jan Müller, die ihren sehr deutschen Liederabend mit der dräuenden Romantik von „Die Unendlichkeit“ ­beginnen.

In der Neon-Dunkelheit funkeln die Sterne

Dem Titelsong des neuen Albums, der in mystischem Stoizismus einen weiten Raum imaginiert. Dazu funkeln in neonfarbener Deutlichkeit die Sterne. Dies ist das einzige Bühnenbild, das die im 25. Jahr ihres Bestehens so theatralisch wie nie agierende Band benötigt und in das sie sich als bisweilen schwer schuftendes Rockquartett hineinstellt: als Fixstern am Pop-Firmament.

Wobei Dirk von Lowtzow, der ewige Schlaks im T-Shirt, schon ab dem zweiten Song „Electric Guitar“ die Richtung vorgibt: Die Schrabbel-Boys sind zurück in der Stadt, und sie schrubben alles das mit beherztem Saitenzugriff und treibender Schlagzeugarbeit weg, was in den vergangenen zehn und mehr Jahren an elaboriertem Schönklang im Studio entstanden ist. Die Altersfrage und die Irrelevanz von Nachgeborensein wird übrigens zügig geklärt, als bei der Uralt-Hymne „Drüben auf dem ­Hügel“ auch Vertreter der Altersgruppe Zwanzigirgendwas wie entrückt mitgrölen.

Erinnerungen ans eigene Jungsein

Wenn der Postrock der Mitte der 90er-Jahre wie eine Verheißung über die deutsche Musikszene gekommenen Musikgruppe Tocotronic auch zu Anfang immer wieder von einer überraschenden Zärtlichkeit aufgebrochen wurde, so blieb doch immer der rohe, brachiale Kern. Den legen die vier Musiker an diesem Abend genüsslich und mit Hingabe frei. Nach „Aber hier leben, nein danke“, das von Lowtzow plakativ in der Gegenwart situiert wird („Und jetzt denken wir alle mal an die AfD ...“), folgt das vom einstigen Kleinstadt-Jugendlichen als „Rachesong“ apostrophierte „Hey du“. Ein Stück, sagt Lowt­zow, „gegen all die Anglotzer, die einem das Leben zur Hölle gemacht haben“.

Die, die heute Abend hier sind, erinnern sich mit Tocotronic an ihr eigenes Jungsein; und wenn das nicht die Außenseiter-Jugend in der Provinz ist, dann eben die wilde Zeit, als man in Hamburg Diskursrock hörte und nach einer durchtrunkenen Nacht die Vormittagsvorlesung ausfallen ließ. Es ist ein Abend, der der Nostalgie gewidmet ist. „Die Unendlichkeit“ ist erklärtermaßen die vertonte Lowtzow-Biografie. Wenn nicht alles täuscht, ist der demnächst 47-Jährige bei der Rückkehr nach Hamburg bisweilen bewegt. Die erste Liebe ist im Publikum, ihr widmet der hermetischste alle Minnesänger den Song „Ich lebe in einem wilden Wirbel“. Und er wirft seine so dünnen Arme immer wieder ins Publikum, seine Gliedmaßen wollen dieses Publikum umfassen: Es geht um Verschmelzung. Außerdem um die Energie des Punk und die Transzendenz des Schalls.

Lieder über einen lang vergangenen Sommer sind die traurigsten

Lowtzow reckt seine Rockerfaust, als wolle er mit den Zuhörern und Zuschauern die Barrikaden erstürmen. Es können nur die des ewigen Jetzt, Hier und Heute sein. Lowtzow reitet mit Leadgitarrist McPhail ins Gitarrengewitter und in die sonischen Wellen. Apokalypse? Unendlichkeit!

Bei den schnellen Liedern – leider spielt die Band auch den Quatschsong „Macht es nicht selbst“, aber hey: Auch Tocotronic sind nie unfehlbar gewesen – darf in den vorderen Reihen eine unverwüstliche Fan-Seele crowdsurfen, während manch einer so langsam regis­triert, dass er für den Rest des Abends wohl taube Ohren haben wird.

Die Band erinnert an ihren ersten Auftritt im Keller der Roten Flora, 1993 war das, ein Stück nicht nur Hamburger Pop-Geschichte. Dann ist man schon mitten im Zugabenteil, „Hi Freaks“ (live jeder Getragenheit beraubt), „Letztes Jahr im Sommer“.

Lieder über einen Sommer, der mehr als ein Vierteljahrhundert her ist, sind die allertraurigsten. Aber es gibt Erlösung, sie nennt sich Unendlichkeit.