Hamburger Straßenmagazin

Spitzenköche um Tim Mälzer tischen auf – für „Hinz &Kunzt“

Die Hinz & Künztler Daniel Bleuel, Reiner Rümke und Alexandra Lupu (v. l.) mit Tim Koch von der Gastro-Kette Bobby & Fritz“ (2. v. r.) in der Küche des Cook Up an der Weidenallee

Die Hinz & Künztler Daniel Bleuel, Reiner Rümke und Alexandra Lupu (v. l.) mit Tim Koch von der Gastro-Kette Bobby & Fritz“ (2. v. r.) in der Küche des Cook Up an der Weidenallee

Foto: Andreas Laible

Zum 25. Geburtstag des Straßenmagazins kocht im April jeden Tag ein anderer Gastronom zusammen mit Obdachlosen in Eimsbüttel.

Hamburg.  Wenn es stimmt, dass viele Köche den Brei verderben, dann steht Lutz Bornhöft vor einer großen Herausforderung. Erst einmal aber steht der Inhaber des Cook Up hinter dem Tresen in seinem Restaurant an der Weidenallee und löffelt heiße Kartoffelsuppe in tiefe Teller. Dazu gibt es noch ein Würstchen für die Besucher, die zahlreich gekommen sind. Schließlich gibt es Einmaliges zu verkünden, denn im April werden hier 25 prominente Köche 25 Tage lang die Gäste bewirten. Jeden Tag kommt ein anderer Koch, um seine Künste zu demonstrieren.

Der Grund für diese täglich wechselnden warmen Mahlzeiten liegt 25 Jahre zurück. Damals gründete Diakoniechef Stephan Reimers in Hamburg das Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“. „Zum 25. Geburtstag wollten wir es jetzt mal richtig krachen lassen“, sagt Chefredakteurin Birgit Müller.

Ihr Team hat sich zahlreiche Geburtstagsaktionen ausgedacht. „Das kulinarische Abenteuer mit der KunztKüche ist sicherlich das geschmackvollste Highlight“, sagt Geschäftsführer Jens Ade.

Mittags zahlt jeder Gast, was er kann

Wann Tim Mälzer, Anna Sgroi oder Koral und Onur Elci von der Kitchen Guerilla im Cook Up hinter dem Herd stehen werden, das wird immer erst am Morgen desselben Tages verraten. „Denn nicht die Köche stehen im Vordergrund, sondern die Aktion, bei der möglichst viele Spenden für „Hinz & Kunzt“ zusammenkommen sollen“, sagt Jannes Vahl von Clubkinder e. V., der die KunztKüche organisiert.

Mittags wird es von 12 bis 14 Uhr zwei einfache Tellergerichte geben, eines davon ist vegetarisch. Und jeder Gast zahlt nur, was er kann. „Finanziert wird der Mittagstisch nämlich von den Abendgästen“, sagt Vahl. Für 30 Euro gibt es dann ein Drei-Gänge-Menü, von 18 bis 20 Uhr oder von 20 bis 22 Uhr. Im Cook Up ist Platz für 30 Gäste. Und die Organisatoren hoffen vom 4. bis zum 29. April auf ausverkaufte Abende.

„Für uns Köche ist es auch eine Ehre, dass wir dabei sein können“, sagt Tim Koch von Bobby & Fritz und verspricht ein „buntes Feuerwerk an Kulinarischem und auch ein bisschen Entertainment“. Außerdem erhalte man ja auch noch tatkräftige Unterstützung durch drei Hinz&Künztler.

Rumänin hofft auf Jobchance als Köchin

Da kann sich Koch, in dessen Gas­tro-Kette sich alles um Imbiss-Klassiker wie Currywurst oder Fish & Chips dreht, schon mal auf Reiner Rümke freuen. Der 59-Jährige verkauft seit 22 Jahren das Straßenmagazin am S-Bahnhof Hammerbrook. Seine Spezialität sind Frikadellen mit Kartoffelsalat. „Wir hatten im vergangenen Jahr eine große Kinoveranstaltung mit rund 200 Leuten an zwei Tagen“, erzählt er. Und schon da hätten seine Frikadellen reißenden Absatz gefunden.

Mit dabei ist auch Alexandra Lupu. Die 28-Jährige ist vor zehn Jahren aus der rumänischen Stadt Adjud nach Hamburg gekommen. Früher hat sie hier Straßenmusik gemacht, seit drei Jahren verkauft sie „Hinz & Kunzt“ am Eppendorfer Baum. Im Januar hat sie eine Wohnung gefunden, in der sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt. Sie kocht auch daheim sehr gerne, immer mit viel Fleisch, Kartoffeln und Soße. Ihre Spezialität ist Sarmale. „Das sind rumänische Kohlrouladen mit Fleisch, Reis, Zwiebeln, Karotten, Tomaten, Öl, Petersilie und Crème fraîche“, sagt sie und hofft: „Vielleicht ergibt sich ja aus dieser Aktion für mich eine Chance auf einen Job.“

Damit liebäugelt ein bisschen auch Daniel Bleuel. Der 32-Jährige ist seit rund einem halben Jahr in Hamburg und verkauft das Straßenmagazin vor Aldi in Farmsen. Er wollte früher sogar einmal Koch werden, ist dann aber „wegen des Geldes“ in eine Maschinen­fabrik gegangen. Als das Unternehmen Konkurs anmeldete, wurde er arbeitslos. „Danach hatte ich nie wieder einen festen Job.“

„Hinz & Kunzt“ beschäftigt 21 ehemalige Obdachlose

Nun hat er beim Zeitungsverkaufen einen Vermieter kennen­gelernt und Aussicht auf eine Wohnung im April. „Kochen war schon immer mein Hobby“, sagt Daniel Bleuel. Zum Beispiel Grünkohl mit Kassler oder Fischgerichte mit verschiedenen Sahnesoßen. „Außerdem gucke ich mir immer im Internet an, was andere so kochen.“ Und vielleicht gibt es ja auch für ihn die Chance, durch dieses Projekt wieder einen festen Arbeitsplatz zu bekommen.

Es wäre eine weitere Erfolgs­geschichte in 25 Jahren „Hinz & Kunzt“. 38 Arbeitsplätze sind über die Jahre entstanden, davon 21 für ehemals Obdachlose, die heute im Vertrieb, als Stadtführer oder in den beiden Arbeitsprojekten „Spende dein Pfand!“ und „BrotRetter“ angestellt sind (siehe unten).

Geschichten, die aber nicht darüber hinwegtäuschen, „dass das Leben auf der Straße immer härter geworden ist“, sagt Birgit Müller. Im vergangenen Jahr habe es so viele Straftaten wie nie zuvor gegen Obdachlose gegeben. Es geht um Verteilungskämpfe und angezündete Schlafsäcke. „Die Verelendung auf der Straße gefährdet den sozialen Frieden in der Stadt.“

Weniger Auflage, aber mehr Spenden

Vor knapp einem Jahr tauchte das „Straßenjournal Deutschland“ in Hamburg auf. „Auch wenn es inhaltlich nicht mit unserem Magazin vergleichbar ist, entstand für die Hinz & Künztler eine heftige Konkurrenzsituation“, sagt Jens Ade. Wenig später prangerte ein kostenloses Anzeigenmagazin die angeblich zu hohen Rücklagen von „Hinz & Kunzt“ an. Das sind rund 1,9 Millionen Euro. „Die brauchen wir, weil wir die Verantwortung für 38 Mitarbeiter und mehr als 500 Verkäufer tragen“, sagt Ade. „Und weil wir für 20 Wohnungen bürgen oder sie verwalten.“

Außerdem müssten Auflagenschwankungen aufgefangen werden. Als im November 1993 das erste Heft erschien, wurden 30.000 Stück zum Preis von 1,50 D-Mark verkauft. Zuletzt sank die Auflage von 830.000 (2014) über 720.000 (2016) auf 688.000 Hefte im vergangenen Jahr. Heute kostet das Magazin 2,20 Euro, die Hälfte davon erhält der Verkäufer.

Gestiegen ist dagegen das Spendenaufkommen, von 579.000 (2014) auf 662.000 Euro (2016). Dazu kommen Erlöse aus dem Freundeskreis in Höhe von 290.000 Euro und Vermächtnisse für Sonderprojekte (87.000). Insgesamt stehen 2,25 Millionen Euro Erlöse Aufwendungen in gleicher Höhe gegenüber.

„Die vielen kleinen und großen Spenden sind überlebenswichtig für unsere Arbeit“, sagt Ade, der besonders dem Freundeskreis mit rund 2500 Mitgliedern dankt. „Nur durch ihre Hilfe können wir den mehr als 500 Verkäufern jeden Monat eine Beschäftigung ermöglichen, eine Heimat bieten und eine Lobby sein.“ Dabei soll nun auch die KunztKüche helfen. „Denn gemeinsames Essen verbindet und bringt die Menschen miteinander ins Gespräch“, sagt Birgit Müller.